Buchrezension: „So entsteht Ihre große Karriere“

von Dennis Bätge

Das Buch „So entsteht Ihre große Karriere“ von Dorian Hartmuth verspricht Einblicke in die Karrierewege von Spitzenmanagern, Unternehmensführern, Vorständen und sogar Politikern. Der Autor beleuchtet das Selbstverständnis dieser Personen in Interviewform und zeigt, dass selbst die erfolgreichsten unter den Deutschen auch nur Menschen sind.

Braucht man Talent oder Glück?

Das Buch steht insgesamt unter einem wichtigen Credo der liberalen Theorie: Nicht über die Institutionen schimpfen, sondern selber machen! Gestalten!  Zu Recht wird im ersten Vorwort an einen Klassiker der politischen Theorie erinnert: Niccolò Machiavelli. Dessen Unterscheidung von virtu, also Tugend, und fortuna, Glück oder Zufall, scheint der Schlüssel zum Verständnis der eigenen Möglichkeiten zu sein. Der Trick: Die fortuna lässt sich durch virtu erhöhen. Im zweiten Vorwort geht Dorian Hartmuth auf die Idee zu diesem Buch ein. Die Frage, die er sich stellt ist: Kann man mehr aus subjektiven Erfahrungen erfolgreicher Personen lernen als aus objektiven Weisheiten? Hartmuth grenzt die Personen, die in seinem Buch interviewt werden, deutlich von den „Karrieristen“ ab. Diese seien keine Vorbilder, da sie über alles andere nur ihre eigene Karriere verfolgen und letztlich vom Gegenschlag eines Konkurrenten erwischt werden. Statt dessen hält Hartmuth die Werte „Fairness, Ermutigung und positive bestärkende Motivation“ von Mitarbeitern hoch.

Einblicke in das Denken der Spitzenleute

Das Buch ist zum immer wieder reinschauen, statt zum durchlesen. Die Interviews sind kurz gehalten und thematisch sortiert. Insgesamt warten 37 Interviews mit Personen aus Großkonzernen, Mittelständischen Unternehmen und Politik sowie mit Personalchefs, Coaches und ehrenamtlich Engagierten auf den Leser. Der Tenor vieler Interviewten ist: Machen Sie Karriere, ohne auf ihre Karriere zu schauen. Planen Sie Ihre Ziele nicht mit Hinblick auf eine Karriere, sondern machen Sie ihren Job gut. Versuchen Sie, in ihrem Element zu sein, bei dem was Sie machen. Haben Sie Spaß und verkrampfen Sie nicht, wenn es auf der Karriereleiter mal nicht vorwärts geht. Insgesamt blicken die meisten genannten Spitzenleute positiv, vielleicht schöngefärbt, auf ihre Karriere zurück. Worte der Reue oder Selbstkritik sind nicht zu finden. Vielleicht typisch für Menschen, die in solchen Positionen sind? Viele Stimmen aus dem Buch betonen, dass eine Führungskraft von morgen Opfer bringen muss. Sie muss ich gegebenenfalls zurücknehmen und vieles Private für den Beruf aufgeben. Die Familie wird ebenso gemanagt, wie das Unternehmen. Etwas zu sehr werden an solchen Stellen Klischees bedient, etwa wenn Hartmuth nachfragt, warum Frau Würth denn nicht gerne Golf spielt. Dass sie natürlich ganz „normale“ Hobbys hat, sollte keinen überraschen.

Kuschelweiche Fragen provozieren Floskel-Antworten

Die Frage nach der Frauenquote wirkt bei Hartmuth ebenfalls etwas zu sehr aufgesetzt. Die häufigste Antwort der weiblichen Interviewparnter ist, dass es anscheint irrelevant ist, welches Geschlecht man hat. Auf die persönlichen Eigenschaften und Führungsqualitäten käme es an. Man könnte fast meinen, dass die aktuelle Debatte in Sachen Frauenquote jeglicher Grundlage entbehrt. Im Übrigen ist Frau Würth, wie jede Frau die maßgeblich über Familienbande in ihre Positionen gekommen ist, keine gute Diskussionspartnerin in diesem Punkt. Tatsächlich wird das Problem sowohl vom Interviewpartner als auch vom Autor umschifft. An anderer Stelle erhält man die Antwort, dass es nicht so sehr auf die Qualifikationen von Frauen ankommt, sondern vielmehr auf die Männer, die Frauen einfach nicht in bestimmte Bereiche lassen. Von solchen bescheidenen Erkenntnissen einmal abgesehen bietet die Sicht auf das Leben und die Karriere der Interviewpartner dennoch eine Fülle von netten Anekdoten und Einsichten. So wird ersichtlich, dass sich einige Topmanager gerade nicht auf ihrer Positionen ausruhen, sondern durchaus immer weiter streben. Besonders, weil sie ihr Leben lang immer nach Zielen gestrebt haben. Man erfährt in der Lektüre ebenfalls, dass neben Statussymbolen, Anerkennung und Geld eben auch viel Verantwortung, Risiken und auch Abhängigkeit mit im Spiel sind. Wer in einer Spitzenposition steckt, ist in der Regel auch der erste, der seinen Kopf hinhält, wenn etwas aus dem Ruder läuft.

Was will uns das Buch sagen?

Was also sind die Qualitäten der Top-Führungskräfte von morgen? Sie sind international erfahren und gefestigt, d.h. sie verfügen bereits zu Beginn ihrer Karriere in den höheren Positionen über ein ausgedehntes Netzwerk auch im internationalen Umfeld der eigenen Branche. Sie sind zielstrebig und haben aus der Erfahrung gelernt, die richtigen Entscheidungen schnell und sicher zu treffen. Unter dem Stichwort Soziale Intelligenz wird das Bild eines charismatischen Allrounders gezeichnet, den es zumindest nach Außen hin abzubilden gilt. Man sollte sensibel für die Probleme seiner Mitarbeiter sein, sie aber auch fordern können und vor allem für etwas begeistern können.

Fazit: Irgendwie stimmt einen der Tenor misstrauisch: Was fängt man mit den im Buch genannten Parolen wie „Seien Sie ehrlich“ und „Stecken Sie sich Ziele“ an? Sind solche „subjektiven“ Aussagen nützlicher als die angeprangerten „objektiven“ Wahrheiten? Was zieht man aus diesen Zeugnissen erfolgreicher Persönlichkeiten? Es ist schwer, aus dem Gesagten etwas für die eigene Karriereplanung zu gewinnen.
Insgesamt findet man in dem Buch „So entsteht Ihre große Karriere“ von Dorian Hartmuth eine teilweise interessante Sammlung an Eindrücken von Menschen in Spitzenpositionen von Wirtschaft und Politik. Sehr gut ist das Interview am Ende des Buches, welches der Leser selbst beantworten muss. Immerhin werden somit dem Leser einige Denkanstöße in Richtung eigener Karriereplanung gegeben. Man wünscht sich an mancher Stelle jedoch, der Autor hätte den Interviewpartnern noch ein wenig mehr auf den Zahn gefühlt. Eines steht jedoch noch im Raum: Ist Karriere wirklich von den eigenen Kompetenzen abhängig? Oder benötigt man doch ein wenig Glück, also fortuna?