Gefördertes Lernen. Das große Stipendien-Dossier – Teil 6

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Der richtige Auftritt beim Auswahlgespräch

Vor einem persönlichen Gespräch mit dem Förderer ist die Nervosität auf ihrem Höhepunkt. Doch auch wenn die Vorstellungsgespräche bei den Stiftungen und Förderern unterschiedlich ablaufen, kann man sich sehr gut darauf vorbereiten. Man sollte im Vorfeld nur wissen, was für ein Gespräch einen an diesem Tag erwartet.

Den Förderern geht es bei dem Vorstellungsgespräch darum, die Bewerber mit ihren Stärken und(!) ihren Schwächen kennenzulernen. Ziel ist es, ein Gutachten über den Bewerber zu erstellen, in dem die Eignung zur Förderung festgestellt wird. Dazu brauchen die Gutachter ein möglichst genaues Bild vom Bewerber. Die Gespräche können daher auch ungewohnt persönlich werden.

Es ist nicht verkehrt, vor dem Gespräch einmal mit Freunden, Bekannten oder Familie den eigenen Auftritt zu üben. Am wichtigsten aber ist es, sich klar zu machen, was man sagen möchte. Dazu hilft es, sich in die Rolle des Förderers zu versetzen und sich zu fragen: „Was für Details brauchen wir von dem Bewerber, um uns eine Meinung zu bilden?“

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Es sollte bei der Einladung zu einem Treffen klar sein, welche Art von Gespräch einen wartet: Es gibt drei Typen von Bewerbungsgesprächen bei den Auswahlverfahren der Stiftungen.

Einzelgespräch

Das Einzelgespräch ist mitunter die häufigste Gesprächsart – beim Promotionsstipendium sogar die einzige Form. Im Einzelgespräch sitzt du einem oder mehreren Mitgliedern der Stiftung gegenüber und beantwortest deren Fragen. Häufig übernimmt eine Person die Gesprächsleitung, während die anderen Anwesenden nur vereinzelte Fragen stellen.

Besonders die parteinahen Stiftungen verlangen schon einmal eine gesellschaftspolitische Stellungnahme. Man sollte also über das aktuelle Weltgeschehen informiert sein und und auch eine kurze Darstellung der Problematik geben können. Mögliche Themen sind Bürgerproteste, Wirtschaftskrisen, Umweltprobleme oder moralische Kontroversen (Stammzellenforschung etc.) Diese Fragen dienen den Stiftungen dazu, festzustellen, ob du über deinen eigenen fachlichen Horizont hinaus schaust und dich für bestimmte gesellschaftliche Werte einsetzt oder dich zumindest mit ihnen auseinandersetzt.

Um dich auf das Gespräch vorzubereiten, solltest du außerdem folgende Punkte beachten:

  • Den Förderer kennen
    Du solltest nicht nur grob über den Förderer Bescheid wissen und auch bloß nicht mit Standardfloskeln antworten („weil mir soziale Gerechtigkeit wichtig ist…“), sondern konkrete Punkte nennen, die dir an der Stiftung gefallen und klar stellen, wo du in deinem Leben selbst schon einmal mit diesen Ideen in Berührung bekommen bist. Überlege dir dazu am besten eine persönliche Geschichte, die du kurz vorträgst.
  • Lücken im Lebenslauf kennen
    Rechne mit unangenehmen und detaillierten Fragen zu deinem Lebenslauf. Fragen wie: „Gibt es etwas, dass Sie in Ihrem Lebenslauf nicht erwähnt haben?“ oder „Warum haben Sie sich für dieses Fach entschieden?“ oder „Warum haben Sie nicht in XY studiert?“ sind keine Seltenheit. Die Antworten sollten ehrlich und souverän sein. Wer nicht zu seinen Fehler steht, fliegt rasch auf!
  • Die „Warum gerade Sie?“-Frage
    Die Frage, warum gerade du ein Stipendium bekommen solltest, ist besonders für ungeübte Selbstdarsteller ein schweres Unterfangen. Am besten ist es, wenn man darauf nicht mit „weil…“ antwortet, sondern erzählt, welche Aufgaben man in seinem Leben oder in seiner Ausbildung bereits geleistet hat, auf die man stolz ist.
  • Über Schwächen reden
    Wenn die eigenen Schwächen behandelt werden, sollte man nicht versuchen, diese ins Gegenteil zu verkehren: „Ich bin leider ein hoffnungsloser Perfektionist“, sondern am besten eine Schwäche nennen, die nicht relevant für die Stiftung ist.
  • Eigene Fragen stellen
    Gegen Ende solltest du auf jeden Fall eigene Fragen parat haben. Das zeigt nicht nur dein Interesse, sondern bietet dir auch die Gelegenheit, Dinge ganz direkt ansprechen zu können. Immerhin sollst du ja auch glücklich mit der Wahl deines Förderers werden – zumal die immaterielle Förderung ein wichtiger Bestandteil des Stipendiums ist.
  • Persönliche Ziele nennen
    Viele Gutachter möchten auch wissen, welche persönlichen Lebensziele man sich gesetzt hat und warum. Diese müssen nicht zwingend im Interesse der Stiftung stehen (etwa Gesellschaftspolitik) sondern lediglich durchdacht und glaubhaft sein. Falls man sich unsicher ist, kann man auch Alternativen gegeneinander abwägen und eingestehen, dass man sich noch nicht entschieden hat.

Gruppendiskussion

In einer Gruppendiskussion werden die einzelnen Bewerber aufgrund ihres Zusammenspiels mit anderen bewertet. Dabei spielt es nicht unbedingt eine Rolle, wie dominant man auftritt, sondern wie souverän. Auch zurückhaltende Menschen können hier punkten, denn die Stiftungen wissen genau, dass es viele Leute gibt, die sich lediglich profilieren wollen.

Ob es eine Art Rollenspiel gibt oder eine Moderation, hängt von der Stiftung ab. Die Themen sind – besonders bei parteinahen Stiftungen – häufig aktuelle gesellschaftspolitische Debatten. Man sollte daher die aktuellen Themen ungefähr kennen und einordnen können. Die einzelnen Positionen muss man jedoch nicht im Detail aufschlüsseln – dazu werden meistens Hintergrundinformationen an die Hand gegeben. Manchmal werden diese Fakten bereits in ein Pro und Contra-Schema eingeordnet.

  • Die Debatte
    Bei einer Debatte wird ein polarisierendes Thema zur Sprache gebracht. Die einzelnen Gründe werden in Pro und Contra eingeteilt und abwechselnd dargestellt. Eine Debatte ist daher immer eine Entscheidung zwischen zwei (sich ausschließenden) Lösungsansätzen auf gesellschaftlicher Ebene
  • Die Diskussion
    Eine Diskussion hingegen wird mit einer offenen Frage eingeleitet. Hierbei kommt es nicht zwangsläufig zu zwei sich widersprechenden Lösungsansätzen – obwohl das durchaus möglich ist. Die Spielregeln für Diskussionen sind denen einer Debatte sehr ähnlich.

Wer sich auf die Gruppendiskussion vorbereiten möchte, sollte sich also mit dem Debattieren auseinandersetzen. Dazu kann man entweder ein entsprechendes Angebot an einer Hochschule aufsuchen oder sich mit Hilfe von Literatur schlau machen. Eine eigene Debatte mit Freunden zu simulieren, ist ebenfalls ratsam. Beim Debattieren geht es vor allem darum, Argumente zu geben und zu begründen, Kritik vorzutragen sowie Stellung zu beziehen. Es geht dabei nicht um das Gegeneinander. Man muss sich präzise ausdrücken können und die Fähigkeit besitzen, auch auf abweichende Meinungen positiv eingehen zu können.

Es gibt in jeder Diskussion und in vielen offenen Debatten bestimmte Wendepunkte, auf die man sich als Bewerber einstellen sollte:

  • Wie verhalte ich mich zu Beginn, wenn die Diskussion angestoßen werden muss?
  • Welche Rolle nehme ich bei Meinungsverschiedenheiten ein?
  • Wie verhalte ich mich gegenüber aggressiven Diskutanten?
  • Welche Punkte bringe ich zum Ende noch ein?

Präsentation

Die Präsentation ist ein seltenes Auswahlverfahren. Trotzdem wird sie nicht nur bei Stipendienbewerbern erwartet, für die später auch das Vermitteln von (wissenschaftlichen) Erkenntnissen wichtig ist. In der Regel kannst du dir das Thema selbst aussuchen, weshalb es Sinn macht, im Vorfeld ein Thema zu wählen, welches dich persönlich anspricht. Es sollte das Interesse der anderen wecken und möglichst kontrovers sein. Es bietet sich daher an, entweder über ein Thema zu sprechen, welches den Teilnehmern völlig unbekannt ist, welches sie nur oberflächlich kennen oder in dem du etwas Vertrautes aus einer neuen Perspektive heraus behandelst.

Auch wenn es nicht auf deine rhetorischen Fähigkeiten ankommt, können dir einige Grundlagen davon sehr nützlich sein. Bestimmte Eigenschaften wie deutliche Aussprache, korrekte Körperhaltung, gute Gliederung und das Leiten einer Gruppendiskussion liegen nicht jedem, weshalb es wichtig ist, diese Dinge im Vorfeld ein wenig zu trainieren.  Die Stiftungen wollen vor allem deine Kommunikations- und Teamfähigkeit testen. Auch wollen sie sehen, wie souverän du selbst mit unvorhergesehenen Einschüben umgehst und ob du Fragen deiner Teilnehmer kompetent und freundlich beantwortest.

FAQs

  • Woher weiß ich, was die Stiftung von mir verlangt?
    Es besteht in vielen Fällen die Möglichkeit, sich mit ehemaligen oder derzeit aktiven Stipendiaten auszutauschen und in Erfahrung zu bringen, was sie während ihres Bewerbungsgespräches erlebt haben. Auch ein direkter Anruf bei der Stiftungsverwaltung kann zur einer hilfreichen Auskunft führen.
  • Was sollte man auf jeden Fall bei einem Einzelgespräch vermeiden?
    Man sollte die Gutachter nicht anlügen oder sich in ein falsches Licht rücken. Auch sollte man nicht durchscheinen lassen, dass es einem nur um die finanzielle Förderung geht – die Stiftungen verlangen von ihren Stipendiaten deutlich mehr.
  • Gibt es bei den Stiftungen auch schriftliche Prüfungen?
    Einige Stiftungen prüfen ihre Bewerber auch schriftlich in Form von Essays oder Klausuren. Dabei kommt es vor allem darauf an, zu prüfen, über wie viel Allgemeinbildung der Bewerber verfügt und ob er imstande ist, komplexe Sachverhalte zu analysieren und darzustellen.
  • Wie viel Allgemeinwissen wird von Stipendiaten erwartet?
    Die Ansprüche sind in der Regel auf dem Niveau eines Abiturienten. Die Bereiche, die behandelt werden können, sind Politik, Kultur, Geschichte oder Naturwissenschaft. Dabei geht es fast nie um das Abfragen von Faktenwissen, sondern darum, zu erkennen, ob der Bewerber sich mit gesellschaftlichen Themen auseinandersetzt.
  • Was sollte man unmittelbar vor dem Termin tun?
    Vor dem Gespräch sollte man vor allem die aktuellen Nachrichten genau verfolgen, sich noch einmal seine eigenen Bewerbungsunterlagen durchlesen, seine persönlichen Ziele notieren und sich noch einmal über die Stiftung und das Stipendienprogramm informieren
  • Was für ein Dresscode gilt bei den Stiftungen?
    Achte ein wenig auf das Image des Förderers. Im Bereich BWL oder Jura ist ein Anzug/Kostüm nicht verkehrt. Bei den meisten Stiftungen wäre das jedoch ein wenig overdressed. Vielen Bewerber fühlen sich in schicker Alltagskleidung wohler als im gestylten Outfit – und wirken daher auch überzeugender.
  • Werden Anreisekosten erstattet?
    In der Regel wird die Anreise – egal wie lang sie ist – von den Förderern nicht übernommen. Das liegt daran, dass einige Stiftungen an die hundert Bewerber einladen. Viele Stiftungen bündeln die Bewerbungen sowohl der Schüler- als auch der Studierendenkandidaten an einem Wochenende zweimal im Jahr. Zu diesem Treffen werden dann auch die Mitglieder und externen Gutachter eingeladen, deren Zahl auch relativ hoch sein kann.
  • Was passiert vor Ort genau?
    Ob es Verpflegung oder ein Rahmenprogramm gibt, hängt von der Stiftung ab. Wenn alle Bewerber an einem Tag eingeladen werden, kann es mitunter auch zu langen Wartezeiten kommen. Diese Zeit kann man nutzen, um mehr über die anderen Bewerber zu erfahren und sich gegenseitig ein wenig zu beruhigen.