Seit der UN-Behindertenrechtskonvention von 2006 (Inkrafttreten 2008) ist der Begriff der Inklusion in der bildungspolitischen Debatte praktisch allgegenwärtig. Gemeint ist damit die Forderung eines inklusiven Bildungssystems, das gerade Behinderte Menschen nicht „aussondert“, sondern in das Regelschulsystem aufnimmt. Bislang war es üblich, Schüler mit verschiedensten Handicaps und besonderem Förderbedarf an eigens hiefür eingerichteten Förderschulen zu unterrichten. Dies soll zukünftig nicht mehr so sein, um das Ziel der UN-Konvention zu erreichen:

Menschen mit und ohne Behinderungen [sollen] von Anfang an gemeinsam in allen Lebensbereichen selbstbestimmt leben

Das Besondere am Thema Inklusion ist, dass sich alle regierenden Parteien diesbezüglich einig sind. Unterschiede in den Positionen zeigen sich lediglich in Bezug auf die Zukunft der Förderschulen. Während für die SPD und die Linke klar zu sein scheint, dass zukünftig alle Schüler in Gemeinschaftsschulen unterrichtet werden sollen, sodass auch die Förderschulen ersetzt werden, ist dies für die CDU, die FDP sowie für die Grünen nicht so deutlich. CDU und FDP betonen, dass der Elternwille zentral ist und diese sich zwischen inklusiven Schulen und dem Förderschulangebot entscheiden können sollten. Bündnis 90/Die Grünen differenzieren ihre Position zur Förderschule je nach Förderschwerpunkt: die Schulen für die Förderbereiche „Lernen, Emotionale und Soziale Entwicklung sowie Sprache“ sollen abgeschafft werden, andere jedoch bestehen bleiben (Förderschulen für blinde, gehörlose oder geistig behinderte Schüler beispielsweise). Hier trennen sich somit die Meinungen der Bildungspolitiker.

Wie wird also die Zukunft der Förderschulen aussehen? Sind Förderschulen überhaupt noch sinnvoll?

Diese Fragen lassen sich kaum beantworten. Wenn es nach den Eltern der betroffenen Schüler geht, werden bald wohl inklusive Schulen neben den Förderschulen bestehen. So bleibt die Schulwahl eine Entscheidung der Eltern. Dieses Modell passt auch sehr gut in die derzeitige Entwicklung hin zu einem Quasi-Markt im Bildungssystem.

Lehrer hingegen befürworten wohl eher die bisherige Trennung zwischen Förderschulen und Regelschulen, da sie derzeit noch nicht für den inklusiven Unterricht ausgebildet sind und hierunter wahrscheinlich sowohl die Lehrer selbst als auch die Schüler leiden würden.

Hieran zeigt sich, dass für die Zukunft der Förderschulen vor allem die Umsetzung der Inklusion entscheidend ist: solange es noch wenig konkrete Ausführungen der Politik gibt, die alle Beteiligten hoffen lassen, dass die Förderung aller Schüler nicht gefährdet wird, werden Förderschulen sicherlich bestehen bleiben und diese Entscheidung ist wohl auch sinnvoll. Niemand hätte etwas davon, möglichst zügig alle Förderschulen zu schließen und die Regelschulen mit der neuen Situation zu überfordern.

Insgesamt sollte in der ganzen Debatte auch nicht vergessen werden, dass die Einrichtung von Förderschulen ihrem Selbstverständnis nach nicht der Aussonderung von Schülern dient, sondern ihrer Förderung. In Förderschulen sind die Klassen wesentlich kleiner, die Lehrer sind speziell für gewisse Krankheits- und Entwicklungssituationen ausgebildet und auch die Schülerbeurteilungen, Klassenarbeiten sowie die Elternarbeit unterscheiden sich stark von der Regelschule. So können die Schüler von Förderschulen entsprechend ihrer Ansprüche individuell gefördert werden.

Problematisch für viele Politiker ist jedoch, dass das Konzept der Förderschulen nur schwer mit der Forderung nach einer Gemeinschaftsschule zusammen passt. Diese Forderung impliziert auch die Einbeziehung von behinderten Schülern. Hier kann man erkennen, dass möglicherweise die optimale Förderung von Schülern derzeit nicht im Zentrum der Debatte steht und dass parteipolitische Vorstellungen von einem passenden Bildungssystem diese vielmehr dominieren.

Zusammenfassend ist über die Zukunft der Förderschulen zu sagen:

1. Die Anzahl inklusiver Regelschulen wird in Zukunft drastisch ansteigen.
2. Förderschulen werden vorerst bestehen bleiben.
3. Erst wenn ein sorgfältiges Konzept zur Umsetzung inklusiver Regelschulen vorliegt, werden, können und sollten diese Schulen einen Ersatz für die Förderschulen bilden.

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