In Deutschland gibt es verschiedene Arten und Möglichkeiten eine Berufsausbildung zu absolvieren.  Die klassische und traditionelle Form ist dabei die  duale Ausbildung,  in der die Auszubildenden in einem Betrieb praktisch angelernt und zudem  in einer Berufsschule fachtheoretisch unterrichtet werden. Daneben entwickelt sich in den letzten Jahren aber auch  die überbetriebliche, bzw. schulische Ausbildung verstärkt  als eine qualifizierte Alternative weiter. In dieser Form der Ausbildung werden die Auszubildenden im Vollzeit-Unterricht fachbezogen und projektorientiert unterrichtet  und absolvieren darüber hinaus berufsbezogene Praktika in unterschiedlichen Betrieben.

Beide Möglichkeiten der Ausbildung haben sicher ihre Vor- und Nachteile und so haben  beide auch ihre Für- und Gegensprecher, die sich mit der jeweiligen Ausbildungsart beschäftigen und diese auch in gewisser Weise vertreten. Wir möchten diese Woche zwei Experten aus dem Ausbildungswesen die Möglichkeit geben, ihre “Ausbildungsart der Wahl” vorzustellen und uns in einem Interview die wichtigsten Fragen dazu zu beantworten.

BmKölnIm Fach-Interview beantwortet uns heute Dr. Klaus-Dieter Schulz, Schulleiter des Berufskolleg für Medienberufe der bm – gesellschaft für bildung in medienberufen mbh, die seit 1998 qualifizierte schulische Aus- und Weiterbildung anbietet, unsere Fragen zu den Vor- und Nachteilen der  schulischen Ausbildung.

Frage 1: Wo sehen Sie für Auszubildende in der schulischen Vollzeitausbildung den größten Vorteil ihren „Kollegen“ aus der dualen Ausbildung gegenüber?

In der Chance zur „Hundertprozentigen Doppelqualifikation“. Zum einen sind schulisch Auszubildende nicht von der aktuellen Auftragslage eines Lehrbetriebs abhängig. Sie können sich vielmehr jederzeit zu 100 % dem Lernen, Üben, Vertiefen neuer Themen und Techniken widmen. Es kann hier nie zum Problem werden, dass ein Betrieb vielleicht nur einen Teil des relevanten Berufsprofils abdeckt, dass man auf bestimmte Abteilungen beschränkt ist, dass momentan Auftragsflaute herrscht etc. Vielmehr wird man jederzeit von Fachkräften betreut, die immer für einen da sind. Es kann jeden Tag ein Stück weiter vorangehen – Richtung Berufsabschluss und Fachhochschulreife! Das bieten nur staatliche Assistenten-Ausbildungen wie z. B. GTA (Gestaltungstechnische Assistenten) oder ITA (Informationstechnische Assistenten).

Frage 2: In einer schulischen Ausbildung erlangt man viel breites Branchenwissen. Kann dies aber nicht vielleicht auch ein Nachteil bei der späteren Bewerbung in ja oft sehr spezialisierten Betrieben auf dem freien Arbeitsmarkt sein?

Wenn ausdrücklich eine Spezialistin oder ein Spezialist gesucht wird, hat man als Generalist/in selbstverständlich weniger gute Karten. Aber gerade kleine und mittelständische Unternehmen – die das Rückgrat unserer Wirtschaft bilden! – suchen oft vielseitig ausgebildete junge Kräfte, die je nach Auftragssituation in verschiedenen Feldern ohne lange Einarbeitung einsetzbar sind. Flexibilität und Lerndynamik werden generell immer wichtiger. Ein Beispiel aus dem Medienbereich: Ein Großverlag sucht vielleicht eher den Typo- oder Layout-Experten mit spezialisiertem, langlebigem Know-how. Eine mittelständische Werbeagentur braucht dagegen für ihre crossmedialen Kampagnen junge Mitarbeiter/innen, die in Print und Web oder AV gleichermaßen zuhause sind, die stetig wechselnde Herausforderungen gewöhnt sind. Mit anderen Worten: Hier können GTAs oder ITAs eindeutig die besseren Karten haben.

Frage 3: Viele Unternehmen sind angeblich voreingenommen gegenüber schulisch Ausgebildeten, da sie zu theoriebelastet seien und den praktischen Arbeitsanforderungen im Betrieb nicht gewachsenen sind. Können Sie diese Haltung bestätigen?

Natürlich nicht. Das ist ein völlig veraltetes Vorurteil, das nur pflegt, wer zu wenig über die schulische Ausbildung weiß. Diese läuft nicht mehr nach dem Motto „Buch raus, Kapitel x lesen!“. Jetzt heißt es „Entwickeln Sie in Ihrem Team eine Lösungsstrategie für das Problem des Kunden X!“. Die überbetriebliche Ausbildung hat einen sehr hohen Praxisbezug, im regulären Unterricht, in Projektphasen, im integrierten Praktikum. Schon in ihrem eigenen Interesse sollte man allen Betrieben raten, nicht den Anschluss zu verpassen, sondern sich unvoreingenommen anzuschauen, was schulisch Ausgebildete tatsächlich zu leisten vermögen.

Frage 4: Auch unter jungen Menschen hat die schulische Ausbildung in Deutschland immer noch mit Vorurteilen zu kämpfen. In vielen Ausbildungsforen wird behauptet, dass schulische Azubis auf dem normalen Ausbildungsmarkt keine Chance hätten – somit die schulische Vollzeitausbildung nur eine „Ausbildung 2. Wahl“ ist. Wie kann Ihrer Meinung nach die schulische Ausbildung stärker unter Jugendlichen als qualitativ gleichwertige Alternative umworben werden?

Ja, wir kennen das, es wird leider auch online viel Unsinn geredet. Wir raten immer, das einfach zu ignorieren (leichter gesagt als getan). Die beste Werbung für die schulische Ausbildung sind die Erfolgsstorys derjenigen, die sie optimal nutzen und Karriere machen. Deshalb sind wir dabei, eine kleine Serie von Interviews mit GTA- und ITA-Absolventen, die ihren Weg gegangen sind, für unsere Webseiten www.medienberufe.de zu entwickeln.

Frage 5: Die duale Ausbildung in Deutschland genießt internationale Anerkennung und gilt als Vorzeigestück des deutschen Bildungssystems. Trotzdem geht die Zahl der Ausbildungsplätze laut Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) weiter zurück. Immer mehr Unternehmen sind nicht mehr bereit oder in der Lage, ein Berufsbild in seiner ganzen Breite auszubilden. Gleichzeitig wird in vielen Branchen der Fachkräftemangel beklagt. Wäre eine stärkere „Verschulung“ einzelner Berufsgruppen, wie es in anderen europäischen Ländern üblich ist, hier nicht eine alternative Lösung mehr Menschen in ihrem Wunschberuf und damit auf breiter Basis wieder Fachkräfte auszubilden?

Ja! Unbedingt. Jedes Jahr verabschieden wir zwischen 40 und 60 fertig ausgebildete GTAs und ITAs, die größtenteils ihren erfolgreichen Weg weitergehen, sei es Richtung Arbeitsmarkt, sei es Richtung Studium. Immer wieder besuchen uns ehemalige Schüler/innen, die berichten, dass die schulische Ausbildung genau die richtige Entscheidung für sie war. Diese Form der doppelqualifizierenden Ausbildung ist in unseren Augen ein Erfolgsmodell, das noch viel mehr jungen Menschen als Sprungbrett für ihre Karriere dienen kann.

Frage 6: Die größten Vorteile einer schulischen Ausbildung haben Sie uns schon genannt, können Sie uns für Ausbildungsinteressierte zum Schluss noch ein paar Tipps geben, wie man am besten seine Traumausbildung findet?

Im Web recherchieren, sich nicht von unqualifizierten Forumsbeiträgen irritieren lassen, Angebote herausfiltern. Schulen besuchen, mit Lehrern und v. a. Schülern sprechen, einen Probetag absolvieren. So bekommt man am besten einen realen Eindruck, ob man für die Ausbildung geeignet ist oder nicht.

 

BmKöln Wenn du dich jetzt noch weiter über die Möglichkeiten einer schulischen Ausbildung informieren möchtest  oder sonst noch Fragen dazu hast, besuch doch  Dr. Klaus-Dieter Schulz und das Team von bm auf ihrer Website! 😉

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