Ergänzend zu unserem Artikel „Demografie Wissen kompakt 2011 – Eine Tagung, die Demografieberatung greifbar macht“ steht uns heute Andreas Bendig von der organisierenden agentur mark GmbH zu diesem Thema in einem kurzem Fach-Interview zur Verfügung.

Andreas Bendig ist selbst seit 2006 ausgebildeter Demografieberater NRW und  Bundesgeschäftsstellenleiter des Vereins  Demografie-Experten, welcher mittlerweile zu den führenden bundesweiten interdisziplinären Netzwerken im Themenfeld Demografischer Wandel gehört.

1. Frage: Viele Unternehmen sind aktuell mit dem demografischen Wandel konfrontiert, aber gerade von den kleine und mittlere reagieren nur wenige darauf. Was machen Unternehmen häufig falsch im Umgang mit älteren Arbeitnehmern?

Bendig: Den einleitenden Teil Ihrer Frage kann ich nicht so ohne weiteres bejahen. Insbesondere bei den KMU ist es so, dass sie die altersstrukturellen Veränderungen in ihren Belegschaften und in ihrer Kundschaft schon wahrnehmen. Aber es ergeben sich für sie daraus konkrete Fragen: Wie bilde ich meine älteren Mitarbeiter fort? Wie kann ich mein Angebotsportfolio den veränderten Ansprüchen meiner Kundschaft anpassen? Wie kann ich verhindern, dass mein Unternehmenswissen – gebunden in den erfahrenen Mitarbeitern – in Rente geht? Was kann ich gegen meinen betrieblichen Fachkräftemangel tun? Der Begriff „Demografischer Wandel“ ist für Mittelständler zu abstrakt. Hinzu kommt, das KMU in ihrer Organisation hervorragend für die Bewältigung des Tagesgeschäftes aufgestellt sind. Nur fehlen ihnen leider häufig neben den finanziellen und zeitlichen Ressourcen auch die Menschen die genügend Freiraum haben, sich den mittel- bis langfristigen strategischen Fragen zu stellen. Ganz abgesehen davon, das der Unternehmer und Inhaber ganz oft, Innovator, Controller, Personaler und Key-Accounter in Personalunion ist und ihm häufig ein Reflexionspartner für seine Ideen und Veränderungswünsche fehlt.

Ihre Frage selbst ist mir zu wertend. Es gibt kein Richtig und Falsch. Die Vorstellung über den Zusammenhang von Alter und Leistungsfähigkeit war lange Zeit geprägt durch das Defizitmodell. Dieses Modell ist wissenschaftlich widerlegt worden. Leider hält sich bei Personalverantwortlichen und Betroffenen die Annahme „Alt“ = leistungsschwach hartnäckig in den Köpfen. Klar. Sie sind mit Großeltern groß geworden, die mit 50 wirklich alt waren.

Haben Sie sich schon mal die Frage gestellt ab wann man eigentlich ein „älterer Arbeitnehmer“ ist? Es gibt keine einheitliche Definition. Alter lässt sich an keiner Grenze festmachen. Entscheidend ist, ob man den konkreten Anforderungen an seinem Arbeitsplatz gerecht wird und sich den damit verbundenen Herausforderungen stellen will. Dieter Hildebrandt sagte „Man muss das Altern Üben, um Spaß daran zu haben.“ Das gilt im übertragendem Sinne genauso für Unternehmen, ob groß oder klein,  im Umgang mit ihren Belegschaften.

2. Frage: Wie möchten Sie kleine und mittelständische Unternehmen für das Thema sensibilisieren? Warum ist besonders für diese Unternehmen eine Demografie-Beratung so wichtig?

Bendig: Auch die kleinen und mittelständischen Unternehmen müssen zukünftig ihre älteren Beschäftigten in Arbeit halten und konkurrieren gleichzeitig um Arbeitskräfte und qualifizierten Nachwuchs nicht nur untereinander sondern auch – und das in besonderem Maße – mit den Großunternehmen. Um langfristig mit einer älteren Belegschaft wettbewerbsfähig zu sein und um qualifizierte Fachkräfte zu werben, müssen sie gute Arbeitsbedingungen bieten. Das heißt, ein relativ sicheres Arbeitsverhältnis bieten, eine wertschätzende Unternehmens- und Führungskultur pflegen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen, auf gesunde Arbeitsplätze im Hinblick auf Ergonomie und Arbeitsumfeld zu achten und Weiterbildung ermöglichen.

3. Frage: Herr Bendig, Sie sind selbst ausgebildeter Demografieberater NRW: Bevor man die ersten Unternehmen sensibilisiert und mobilisiert hat, ist erst einmal viel Überzeugungsarbeit nötig?

Bendig: Es geht. Nur dürfen Sie nicht mit einer Frage kommen, die da lautet: „Wie trifft Sie der demografische Wandel?“ Da habe ich auch zur Antwort bekommen: „Herr Bendig, sprechen Sie deutsch mit mir!“ Wenn wir Demografieberater die Unternehmen bei den Fragen abholen, die sie bewegen, dann sehen sie die Notwendigkeit, sich mehr mit dem Thema zu beschäftigen. Ein Blick auf die demografische Entwicklung der Region zu werfen ist hilfreich.

4. Frage: Die Referenten von „Demografie Wissen kompakt“ stellen eine ganze Reihe von präventiven Strategien und Werkzeuge für die alters- und alternsgerechte Personalarbeit vor. Maßnahmen zur Überprüfung der personellen Vielfalt, Umsetzung von gesetzlichen Pflichten im Arbeitsschutz und Gefährdungsbeurteilung im Arbeits- und Gesundheitsschutz um nur einige zu nennen. Womit sollten aber kleine und mittlere Unternehmen anfangen? Was ist sozusagen der allererste Schritt in eine alternsgerechte Personalarbeit?

Bendig: Unternehmen und Ihre Fragestellungen sind sehr unterschiedlich. Betriebe können mit einer detaillierten Altersstrukturanalyse beginnen um daraus Handlungsfelder ableiten und nach ihrer Dringlichkeit priorisieren zu können. Das kann die Gesundheitsförderung sein oder die Kompetenzerweiterung oder die Arbeitsplatzgestaltung. Jedoch lässt sich letztendlich alles auf eine wertschätzende Kommunikationskultur und ein ernstgemeintes Interesse an den Beschäftigten als ganze Menschen reduzieren. Aber! Wenn ein Unternehmen die letzten 20 Jahre patriarchalisch geführt wurde, so lässt sich solch ein „Umschwung“, ggf. durch eine jüngere Nachfolge, nicht einfach bewerkstelligen. Die Beschäftigten haben natürlich sozial erwünschte Verhaltensmuster erlernt, die sich nicht so schnell ablegen lassen. Die Führungsmannschaft muss Vertrauen aufbauen, transparent kommunizieren, verbindlich in ihren Aussagen sein.

Wir danken Andreas Bendig für das Interview!

Informationen und unternehmensindividuelle regionale Informationen zu diesen und weiteren Ansätzen erhalten Unternehmen z. B. durch Demografieberater (www.demografie-experten.de) durch Berater der Deutschen Rentenversicherung, Handwerkskammern und Berufsgenossenschaften.

Der Demografie-Experten e.V. (DEx e.V.) ist ein bundesweites Netzwerk von Beratern und Trainern. Der DEx setzt sich bundesweit dafür ein, dass Unternehmen, die den demografischen Wandel aktiv anpacken wollen, qualifizierte Unterstützung erfahren.

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