In unserem vierten Fachinterview zum Thema “Vereinbarkeit von Beruf und Familie” steht uns heute Dr. Daniel Erler,  wissenschaftlicher Berater und Leiter der Unternehmenskommunikation bei der pme Familienservice Gruppe, zur Verfügung.  Dr. Erler ist der Autor verschiedener Studien über europäische Sozial- und Familienpolitik und der deutsche Vertreter im Netzwerk “International Network on Leave Policy and Research”.

Frage 1: Nicht zuletzt durch die Debatte über die Frauenquote in Führungspositionen und Vorständen ist das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie in aller Munde. Immer wieder werden von der Politik neue Regelungen und Gesetzesentwürfe auf den Weg gebracht. Trotzdem beklagen sich viele Eltern, dass der Versuch, Kind und Karriere auf einen Nenner zu bringen, in der Praxis scheitert. Wo steht Deutschland also wirklich auf dem Weg in eine moderne Gesellschaft, in der es für jeden möglich sein sollte, Familie und Beruf zu vereinbaren?

Daniel ErlerErler: Es hat sich in den letzten 10 Jahren viel getan, was das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf angeht. Der Ausbau der Kinderbetreuungsinfrastruktur, die Förderung von Ganztagsschulen, die Einführung des Elterngelds. All dies sind wichtige Maßnahmen, mit denen die Politik auf die gesellschaftlichen Veränderungen reagiert hat. Leider hat die Politik, gerade in Westdeutschland, erst sehr spät realisiert, dass moderne Familienpolitik nur möglich ist, wenn Kind und Karriere vereinbar sind. Sonst entscheiden sich, wie man an Deutschland sieht, Menschen oft für weniger oder gar keine Kinder. Aufgrund des späten Erwachens der Politik bleibt hier also noch viel zu tun. Dennoch kann man sagen, dass es in den letzten Jahren zu einem grundlegenden Wandel der familienpolitischen Ziele gekommen ist, weil nicht mehr die Förderung der traditionellen Alleinverdienerfamilie, sondern die Unterstützung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Mittelpunkt steht. Neben der Politik sind jetzt vor allem auch Unternehmen gefragt, ihre Beschäftigten dabei stärker zu unterstützen, zum Beispiel durch flexible Arbeitszeitmodelle oder betrieblich unterstützte Betreuungsangebote.

Frage 2:  Außer mehr Betreuungsangebote zu schaffen gilt es auch, die nach wie vor bestehenden veralteten Rollenbilder aufzubrechen. Das Bild der berufstätigen Mutter muss eine höhere Selbstverständlichkeit erlangen. In Ländern wie Frankreich sind flexible Kinderbetreuung und Serviceleistungen vom Staat selbstverständlich. Offenbar auch deshalb, weil Familie und Kinder einen höheren Status haben und Kinder als wichtiger Glücks- und Zukunftsfaktor angesehen werden. Wie kann das deutsche Bewusstsein diesbezüglich verändert werden?

Erler: Veraltete Rollenbilder sind primär ein westdeutsches Problem. In Ostdeutschland war es schon seit den 1960er Jahren ganz normal und sogar politisch gefordert, dass Frauen erwerbstätig sind. Dementsprechend wurde dort auch schon frühzeitig die nötige Kinderbetreuungsinfrastruktur bereitgestellt, von der die neuen Bundesländer noch heute profitieren. Als Resultat sehen die meisten ostdeutschen Frauen und Männer nach wie vor keinen Gegensatz zwischen Arbeit und Familie. Im Gegenteil, beide werden als zentrale Bestandteile der Selbstverwirklichung gesehen. Das zeigen nicht zuletzt die Studien, die wir im Rahmen der Kongressreihe „Frauen machen Neue Länder“ durchgeführt haben. Veraltete Rollenbilder können also nur überwunden werden, wenn in der Gesellschaft akzeptiert wird, dass Erwerbstätigkeit und Karriere für Frauen und Männer gleichermaßen wichtig ist. Das ist ein langer gesellschaftlicher Lernprozess, der leider nicht linear verläuft, wie die geplante Einführung eines Betreuungsgeldes zeigt.

Frage 3: Warum wird das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht stärker als ‚Väterthema‘ betrachtet? Immerhin zeigt eine Befragung der Hessenstiftung auf, dass viele Väter mit ihrer (Un)Vereinbarkeitslösung zwischen Beruf und Familie unzufrieden sind. Trotzdem nimmt gerade einmal jeder vierte Vater Elternzeit. Warum fürchten so viele Väter negative Konsequenzen in ihrem Berufsalltag?

Erler: Das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist in den letzten Jahren schon sehr stark zu einem „Väterthema“ erklärt worden. So ist zum Beispiel ein erklärtes Ziel des Elterngelds die stärkere Teilhabe von Vätern an der frühkindlichen Erziehung. Bedenkt man, dass bis vor nicht langer Zeit noch das männliche Ernährermodell von der Politik präferiert und gefördert wurde, dann ist es eher erstaunlich, dass fünf Jahre nach Einführung des Elterngelds schon 25 Prozent der Väter von dieser Möglichkeit Gebrauch machen. Im Jahre 2006 waren es gerade mal 3,3 Prozent. Richtig ist aber auch, dass viele Väter nicht mehr als zwei Monate Elternzeit in Anspruch nehmen – und das ist sicherlich nicht nur mit den verringerten Einkünften zu erklären. Viele Väter befürchten bei längerer Abwesenheit negative Auswirkungen auf ihre Karriere und es ist auch nachweislich so, dass längere Abwesenheiten oftmals negative Konsequenzen für die spätere Karriere- und Einkommensentwicklung haben. Unternehmen können hier sicherlich noch viel tun, um solche negativen Konsequenzen zu minimieren und diesbezüglichen Ängsten entgegenzuwirken. Aber schlussendlich erfordert es auch den Mut der Väter, bewusst an der Betreuung und Erziehung der Kinder teilnehmen zu wollen und dies auch einzufordern.

FamilieFrage 4:  Mittlerweile gibt es immer mehr Unternehmen, die in die Kinderbetreuung investieren und die davon überzeugt sind, dass eine familienfreundliche Personalpolitik Vorteile bringt. Trotzdem tun sich insbesondere viele kleine und mittelständische Unternehmen schwer, familienfreundliche Leistungen anzubieten. Unterschätzen diese Unternehmen nicht die Wirkkraft von besonderen Leistungen, um sich von der Konkurrenz positiv abzuheben?

Erler: Kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) fürchten oftmals den Aufwand und die Kosten familienfreundlicher Leistungen. Das ist auch durchaus verständlich, denn die Förderung betrieblicher Kinderbetreuung erfordert Investitionen, die sich zwar nachweislich refinanzieren, die aber erst einmal erbracht werden müssen. Auch ist es für viele kleine Unternehmen schwierig, längere Auszeiten von Beschäftigten zu verkraften. Allerdings sind viele KMU heute diesem Thema gegenüber aufgeschlossen, was sich auch daran zeigt, dass dieses Segment für die pme Familienservice Gruppe einen der größten Wachstumsbereiche darstellt.

Frage 5:  Wo liegen die ökonomischen Vorteile einer familienbewussten Personalpolitik und was haben die Unternehmen davon, gezielt Eltern einzustellen? Wie können Anreize geschaffen werden?

Erler: Es gibt inzwischen zahlreiche Studien und Praxisbeispiele, die den ökonomischen Nutzen familienbewusster Personalpolitik belegen. So kam eine Evaluationsstudie der Kids & Co. Kinderbetreuungseinrichtung in Frankfurt, die der pme Familienservice im Auftrag der Commerzbank AG betreibt, zu dem Ergebnis, dass die Commerzbank bei dieser Einrichtung einen jährlichen Return of Invest von 23 Prozent erzielt. Dieser betriebswirtschaftliche Nutzen ergab sich im Wesentlichen aus der schnelleren Rückkehr von Eltern ins Erwerbsleben, aus geringeren Fehlzeiten und einer erhöhten Attraktivität der Commerzbank als Arbeitgeber, die zu einer geringeren Fluktuation und weniger Rekrutierungsaufwand führte.

Frage 6:  Sehen Sie künftig auch völlig neue Ansätze, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern? Wie könnte zum Beispiel eine stärkere Vernetzung mit privaten Dienstleistern aussehen? Sehen Sie Möglichkeiten, staatliche Angebote durch den Einsatz von privaten Dienstleistern besser auszubauen?

Erler: Da die Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine gesellschaftliche Aufgabe ist, ist es aus meiner Sicht wichtig, dass der Staat die dafür erforderlichen Rahmenbedingungen schafft – und zwar durch finanzielle Unterstützung, Infrastruktur und Regelungen im Bereich der Arbeitszeit. Private Dienstleister wie die pme Familienservice Gruppe spielen hierbei eine wichtige Rolle. Zum einen können sie bestimmte Nischen füllen, zum Beispiel durch die Bereitstellung hochflexibler Kinderbetreuungs- und Notbetreuungsangebote. Zum anderen können private Anbieter dabei helfen, die Schaffung von Betreuungs- und Unterstützungsangeboten zu beschleunigen und gleichzeitig schneller auf neue Bedürfnisse von Familien reagieren zu können.

Frage 7: Eine letzte Frage: Wie vereinen Sie persönlich Beruf und Familie?e

Erler: Durch die konsequente Nutzung der flexiblen Arbeitszeitmodelle, der Mobile –Office-Möglichkeiten und der Kinderbetreuungseinrichtungen des pme Familienservice gelingt es mir, fast genauso viel Zeit mit unseren beiden Kindern zu verbringen wie meine ebenfalls vollzeiterwerbstätige Frau.

Wir danken Dr. Daniel Erler für das Interview!

PMEDie pme Familienservice Gruppe ist einer der führender Anbieter von Mitarbeiterunterstützungslösungen. Im Auftrag von mehr als 650 Unternehmen, Behörden und Verbänden unterstützt die pme Familienservice Gruppe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dabei, Beruf und Privatleben erfolgreich miteinander zu vereinbaren, damit sie sich mit freiem Kopf beruflichen Aufgaben widmen können und leistungsfähig und gesund bleiben.

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