Ist es eigentlich tatsächlich so einfach? Kann das Internet alles? Und vor allem: kann es mich erfolgreich machen? Ganz offensichtlich schon…

Zur Vorgeschichte:

Schon seit einiger Zeit suggerierte man mir, dass ich erfolgreich sein kann und zwar sofort und jetzt. Als Internet Marketer. Wahnsinn! Endlich!

Wochenlang erhielt ich über Twitter auf der Suche nach „Erfolg“ und „Karriere“ immer die gleichen Nachrichten. Sehr ähnlich der Sprüche in Glückskeksen oder der Botschaften der Zeugen Jehovas, die regelmäßig vor meiner Tür stehen:

Wollen Sie tatsächlich erfolgreich werden?

Sie werden eine tolle Zukunft haben!

Die beste Entscheidung Ihres Lebens!

Und natürlich wollte ich erfolgreich sein, jetzt und sofort! Und eine tolle Zukunft hört sich schließlich auch ziemlich gut an. Oder? Also nicht lange drüber nachgedacht und rauf auf die Seite des Clubs, der mich und andere mit #Geld, #Karriere und #Erfolg lockt.

In der Ecke eine zackige Sprechblase, die mich zuerst einnimmt: In orange und mit einer niedlichen lila Absolventenmütze auf dem Kopf. Hier dann weitere, wechselnde Catcher:

Der Hit pur! (…) Nix wie ran! (…) Möld di aa!

(Das hat mich drei Durchläufe gekostet und eine Google-Recherche, bis ich endlich darauf gekommen bin, dass dieser Ausspruch wohl bayrisch ist und so viel bedeutet wie. Melde dich bitte an. Diese Angabe ist übrigens ohne Gewähr)

Auf der Seite gibt es die Möglichkeit sich ein Marketing-Video anzusehen, auf denen ein netter junger Herr (der offensichtlich recht durstig zum Set gekommen ist, denn das Glas Cola ist bis auf einen Schluck leer) mir die Vorzüge seines exklusiven Clubs vorstellt. Nach einem kurzen Intro im elektropoppigen Sound der Achtziger geht es los: Der Mann, in seiner Gestik recht motiviert und schon überschwänglich in der Begrüßung, sitzt in einer Greenbox mit USA-Panorama und legt los:

Verdienen Sie endlich viel Geld im Internet!

Ich hab Ihnen hier eine geniale Lösung!

Ende Jahr haben Sie ein Umsatz von 1… einer Million und achttausend Euro.

Großartig! Eins, also eine Million Umsatz. Toll! Trotzdem blieb ich erst einmal skeptisch, die Sache hörte sich zwar wirklich gut an, aber war sie tatsächlich sooo gut?

Was mich schließlich überzeugte war das super Geschenk, das zu der Anmeldung gratis oben auf gelegt wurde. Ein E-book zum Internet-Marketing! Nun gibt es natürlich besonders zu diesem Thema relativ viel Schrott, aber der Werbefilm zu diesem Buch hat Qualität versprochen. 08/15- Marketer hätten eventuell einfach zwei Probeseiten zum Download zur Verfügung gestellt, aber nicht so beim Super-Club!

Eine Minute lang wurde zu harten Beats (ich musste die Lautstärke runter regeln…) das Buch durchgeblättert. Und das hatte tatsächlich etwas von der Vermarktung des „Wachtturms“: In einer blauen Wolke schwebt das E-Book, von Geisterhand geblättert und im Hintergrund immer neue Stigmata…

“Bloggen“…“Google“…“WEB 2.0“…“Content“…“Paypal“

Lesen ging zwar wegen der schlechten Auflösung nicht, aber ich denke, dass ist auch sekundär… Mich hatte das Angebot überzeugt, schließlich werde ich in einem Jahr erfolgreicher Internet-Marketer sein!

Und nun zur eigentlichen Aussage:

Ich glaube tatsächlich nicht, dass es so einfach ist. Im Gegenteil: Erfolg hat ganz offensichtlich in erster Linie der, der das Ganze betreibt. Jemanden zu suggerieren, dass er mit ein paar Mausklicks und dem Schauen von dem ein oder anderen Marketing-Film direkt auf die nächste Erfolgswelle springt, erinnert stark an die guten alten Zeitungsannoncen „Jede Woche bis zu 2.000 Euro von zuhause aus verdienen“, bei denen vorab lediglich ein paar Einführungsseminare zu je 1.000 Euro besucht werden mussten…

Im Internet geistern viele dubiose Anbieter herum und alle versprechen im Prinzip DAS große Geld. Selbsternannte Social-Media-Coachs schulen Sekretärin Ursula in null komma nix zur Community-Managerin, SEO/SEM Gurus versprechen auch dem kleinen Schraubenhandel aus Buxtehude in einem halben Jahr „Top Three unter den Sellern“ zu sein und Marketing-Experten führen jeden, der es will, zu Millionenumsätzen im Internet-Business. Solange die Leute zahlen ist offensichtlich alles möglich. So wird es ihnen zu mindestens verkauft.

Und hier musste ich auch für mich leider ein bisschen Desillusion betreiben: Das Internet bietet bestimmt genügend Potenziale und Möglichkeiten – eine Wunschfabrik ist es deshalb aber noch lange nicht. Und Erfolg lässt sich nun mal nicht mit ein paar Klicks erkaufen!

VN:F [1.9.22_1171]
Diesen Artikel bewerten
Rating: 0.0/10 (0 votes cast)