Ist es in Deutschland wirklich so schwer, die Familie und den Beruf unter einen Hut zu bringen und wie sieht das in anderen OECD-Ländern aus (OECD = Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung)? Mit diesen Fragen beschäftigt sich unter anderem die OECD-Studie „Doing Better for Families“. Dass die Geburtenrate in Deutschland seit vielen Jahren rückläufig ist, war selbstverständlich kein überraschendes Studienergebnis. Interessanter war die Tatsache, dass Deutschland, dieser Entwicklung zum Trotz, prozentual einen höheren Anteil des Bruttoinlandsproduktes (BIP) für Familienförderung ausgibt als die meisten anderen OECD-Länder. Worin liegt also die Ursache des Geburtenrückgangs in der Bundesrepublik?

Geburtenrate

Bei der Geburtenrate belegt Deutschland den viertletzten Platz der 34 OECD-Länder.

Die ersten Kinder kommen immer später

Durchschnittlich 29 Jahre alt sind deutsche Mütter bei der Geburt ihres ersten Kindes. Dieser Durchschnittswert hat sich in den letzten Jahren immer weiter nach oben  verschoben und mittlerweile sind deutsche Mütter im Mittel die zweitältesten im Kreis der OECD-Länder. Im OECD-Durchschnitt leben circa 34 Prozent der Frauen in kinderlosen Haushalten, in der BRD sind es mehr als 40 Prozent. „Je höher die akademische Bildung einer Frau desto wahrscheinlicher ist es, dass sie ihren Kinderwunsch aufschiebt“, so meinen die Forscher der OECD. Durch das Aufschieben des Kinderwunsches sollen finanzielle Einbußen und der berüchtigte „Karriereknick“ vermieden werden.

Auch die Einkommensunterschiede zwischen den Geschlechtern sind in Deutschland signifikant größer als im OECD-Durchschnitt (16%). Im Mittel verdienen deutsche Frauen 25 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Am günstigsten wäre es, wenn sich Väter und Mütter gleichermaßen an der Familien- und Erwerbsarbeit beteiligten. Denn nur so kann laut OECD der Trend durchbrochen werden, dass Frauen mit hohen Bildungsabschlüssen besonders wenige Kinder bekommen.

Hohe Aufwendungen für Familienförderung in der Bundesrepublik

Für die Familienförderung, darunter fallen die Bereiche Kindergeld, Steuererleichterungen und Dienstleistungen, wendet die Bundesrepublik (laut OECD-Studie) knapp 3 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes (ca. 146.000 €/Jahr) auf. Damit liegt Deutschland gut ein halbes Prozent über dem Durchschnitt der OECD-Länder. Vom Gesamtbudget für die Familienförderung fließt in der BRD anteilsmäßig jedoch deutlich weniger Geld in die Teilbereiche Dienstleistungen und Kinderbetreuung. Diese Tatsache wirkt sich nachhaltig auf die Anzahl der angebotenen Betreuungsplätze aus. So stehen im OECD-Durchschnitt für 23 Prozent der Kinder von 0-3 Jahre Betreuungsplätze zur Verfügung – in Deutschland sind es lediglich 9 Prozent.

Welche Schwerpunkte setzt Deutschland in der Familienförderung?

  • Steuererleichterungen für Eltern
  • Anreize für Väter, sich an der Erziehung zu beteiligen (z.B. Elternzeit)
  • Geldleistungen für Eltern (Elterngeld, Kindergeld)

Ein Drittel der Fördergelder fließen bei der Bundesrepublik in Steuererleichterungen, im OECD-Durchschnitt sind es nur ein Zehntel. Die Bundesrepublik  Deutschland ist übrigens das einzige OECD-Land das bezüglich der Besteuerung von Familien mit Kindern, die Alleinverdiener bevorzugt.

Mehr Förderung ist demnach nicht zwangsläufig besser – es kommt vor allem auf den Zeitpunkt und die Art der Förderung an. Bedingt durch den hohen Anteil an Fördergeldern, liegt die Kinderarmut in Deutschland mit 8,3 Prozent allerdings deutlich unter dem OECD-Durchschnitt von 12,7 Prozent.

Wie kann eine sinnvolle Familienförderung aussehen?

Rund ein Drittel der gesamten Fördergelder für Familien fließen bei deutschen Förderprogrammen also in Steuererleichterungen, im OECD-Durchschnitt sind es nur ein Zehntel. Länder wie Dänemark, die eine noch geringere Kinderarmut als Deutschland aufweisen (3,8%) und darüber hinaus noch beste Ergebnisse bezüglich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf vorweisen können, investieren Fördergelder lieber in Kindereinrichtungen und vorschulische Fördermaßnahmen als in Geldtransfers. Vorschulische Förderung wirkt sich überaus positiv auf die kognitiven Fähigkeiten und das Sozialverhalten von Kindern – und somit auch nachhaltig auf die Wirtschaft aus.

Was machen andere OECD-Länder in puncto Familienförderung besser?

  • Hohe Investitionen in Kinderbetreuung und Ganztagsschulen
  • Stärkere Gleichstellung der Geschlechter
  • Fokus auf familienrelevante Dienstleistungen
  • Bezahlter Elternurlaub
  • Großzügige Unterstützung von kinderreichen Familien
  • Flexiblere Öffnungszeiten der Betreuungseinrichtungen

Was kann Deutschland für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf tun?

  • Fördermittel gezielter einsetzen
  • Mehr frühkindliche Fördermöglichkeiten schaffen
  • Bessere Unterstützung von armutsanfälligen Familien
  • Einkommensunterschiede zwischen den Geschlechtern ausgleichen
  • Mehr Betreuungsplätze schaffen

Fazit

In Deutschland steht die Familienpolitik vor zahlreichen Herausforderungen. Die Rechnung, dass höhere Investitionen in die Familienförderung auch gleichzeitig eine ansteigende Geburtenrate bzw. eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf bewirken, ging augenscheinlich nicht auf. An der Familienförderung in skandinavischen Staaten ist deutlich zu sehen, dass Fördermaßnahmen umso effektiver sind, je früher und gezielter sie die Familien unterstützen. Wenn die bundesdeutsche Regierung also die Geburtenrate positiv beeinflussen möchte, dann müssen Fördergelder dringend umgeschichtet werden.

Das könnte für Familien zwar bedeuten, dass Einbußen beim Kindergeld und den steuerlichen Vergünstigungen zu erwarten sind aber im Gegenzug auch wesentlich mehr Betreuungsplätze und frühkindliche Förderstrukturen vorhanden wären. Auch eine Angleichung der Gehaltsunterschiede zwischen den beiden Geschlechtern könnte sich positiv auf die Geburtenrate auswirken. Dieser Wandel muss sich jedoch nicht nur auf den Gehaltsabrechnungen,  sondern auch in den Köpfen von Politik und Wirtschaft vollziehen.

Quelle: OECD-Studie „Doing Better for Families“

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