Das kann ich noch nicht. Sagt der eine. Das muss ich noch lernen. Sagt die andere. Ich brauche das Zertifikat, um beruflich weiter zu kommen. Sagen die meisten Weiterbildenden. Solche Sätze sind heute Standard von lebenslang Lernenden. In einer beruflichen Weiterbildungslandschaft, die längst von anscheinend objektiv messbaren Referenzrahmen und anerkannten Anwenderzertifikaten geprägt wird, kommt die soziale Menschbildung zwangsläufig zu kurz.

Ökonomisch eingefärbte Begriffe wie Bildungsmanagement, Bildungscontrolling oder Bildungssteuerung sind zu beliebten Schlagwörtern der Politik geworden. Aber was steckt eigentlich dahinter?

Die Bildungsrepublik Deutschland hat das Hinterfragen institutioneller Bildungsvorgaben längst verlernt. Und so ertrinken wir Menschen beim Thema Bildung recht früh in fest gezurrte Schullehrpläne und Weiterbildungscurricula, die immer andere bestimmen. Wir vergessen dabei eine wichtige Kultur des Lernens: das informelle Lernen. Informelles Lernen als soziales Ereignis meint unter anderem das Lernen von Menschen, die jenseits von institutionellen Lehrplänen, elitären Fachkommissionen und anerkannten Expertisen zusammenkommen und sich austauschen. Es gibt in dieser speziellen Form des Lernens kein klar definiertes Ziel. Vielleicht gibt es nicht einmal eine Form. Informelles Lernen bleibt somit erst einmal ergebnisoffen. Es ist mehr oder weniger spontan. Das kann für Schüler eine Sportstunde sein. Für Berufstätige ein Austausch mit Kollegen oder mit Freunden. Am Ende kommt ein Mehrwert heraus, der sich einer messbaren oder steuerbaren Bewertung allerdings entzieht. Das nimmt dem informellen Lernen gleich die Lobby, die es für die Anerkennung auf breiter gesellschaftlicher Ebene braucht.

Man erkennt daran zugleich, wie stark die Bildungspolitik und unsere Lernkultur bereits von der Ökonomisierung der Bildungsinhalte durchdrungen sind. Es geht uns fast ausschließlich um die nutzenorientierte Messbarkeit und Verwertbarkeit von Bildung. Diese breit akzeptierte Ergebnisorientierung macht sich an erfolgreichen und häufig genutzten Internetseiten wie Wikipedia fest. Wir gießen immer mehr Wissen in schnell abrufbare Nachschlageseiten zusammen und verlernen dabei zunehmend, über lebendige Kommunikation und kritische Diskurse zu den Ergebnissen zu kommen. Informationen und Wissen der Moderne stehen auf Abruf bereit. Sie überspringen das eigentlich soziale Ereignis des Lernens: Das Lernen im Miteinander. Für das informelle Lernen in der Weiterbildung bedeutet diese Beobachtung, dass spontanen und ergebnisoffenen Kommunikationsseminaren die offizielle Anerkennung verweigert wird, obgleich der Mehrwert zumindest gleich hoch sein kann. Wer berufstätig ist, in seinem Fach noch so versiert ist, muss auch in bestimmten Projekten und Treffen bei Kunden mit unvorhersehbaren neuen Informationen zurechtkommen. Wer ständig nur von oben standardisiert wird, Ausbildungs- und Weiterbildungsinhalte vorgekostet serviert bekommt, der verlernt die Fähigkeit, in unerwartet neuen Situationen spontan und angemessen zu reagieren. Er verlernt auch das so wichtige Sortieren und Abwägen von Informationen.

Lebenslanges Lernen pflegt die Illusion eines ständig auf Alles vorbereiteten Menschen, der wie die auf Wikipedia zusammengetragenen Informationen jederzeit abrufbar und gleichwertig einsetzbar ist. Dabei verkürzen gerade die gesteuerten Bildungspläne von der Schule bis zur verwertbaren Weiterbildung die so wichtige Ausbildung zum selbständigen Denken. Es ist also vorauszusehen, dass das informelle Lernen in dieser Lernkultur weiterhin kaum Aussicht auf eine breitere Akzeptanz in der Gesellschaft hat. Dabei sind Dichterwettbewerbe und andere soziale Lernereignisse wie Forendiskussionen im Internet in ihrer zunehmenden Beliebtheit deutliche Hinweise, dass für das informelle Lernen ein steigender Bedarf bei jungen Menschen entsteht. Es fehlt allein an Angeboten. Die institutionelle Weiterbildungslandschaft leidet dagegen nicht zuletzt darunter, dass ihre streifen Inhaltsvorgaben den sozialen Menschen häufig auf ein genau einstellbares Lernobjekt reduzieren. Diese Entwicklung ist sicher nicht im Sinne der Aufklärung, denn sie lässt langfristig Bürger zurück, die steuerbar und unmündig bleiben. Eine Gleichrangigkeit von formellen und informellen Lernprozessen wäre allein deshalb wünschenswert, um zumindest jenseits der Weiterbildungsinhalte wieder Platz für die soziale Menschbildung zu schaffen. Schließlich sind soziale Kompetenzen im Alltag die Grundlage für eine dauerhaft funktionierende Gesellschaft.

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