Auch im neuen Ausbildungsjahr scheinen wieder viele Stellen unbesetzt zu bleiben. Wie aber kommt das? Klar der demografische Wandel, der Allround-Erklärungsbegriff für alle Entwicklungen, die zur Zeit auf dem Arbeitsmarkt stattfinden, spielt da natürlich ein wichtige Rolle. Es gibt einfach nicht mehr so viele von uns – von den Jungen.

Viele Unternehmen beklagen zudem die mangelnde Ausbildungsreife der Jugendliche. Stellen bleiben aus ihrer Sicht unbesetzt, weil die Bewerber nicht die erforderlichen Anforderungen erfüllen.

Doch sollten zwei Dinge bei dieser Problematik nicht vergessen werden:

1.  Die mangelnde Ausbildungsreife der Betriebe 

Auch viele Ausbildungsbetriebe sind nicht ausbildungsreif. So wie es sich in unserer Studie darstellt herrschen in vielen Betrieben desaströse Ausbildungsverhältnisse. Junge Azubis werden als billige Arbeitskräfte ausgenutzt und für ausbildungsfremde Tätigkeiten eingesetzt. Wenn weder Arbeitszeiten eingehalten noch eine anständige Bezahlung geboten werden, bleibt der Azubi-Nachwuchs natürlich aus.

Bestes Beispiel ist das Gastgewerbe: Laut einer Studie der IHK hatten im Jahr 2010 53 Prozent der Betriebe Schwierigkeiten ihre Ausbildungsplätze zu besetzten. Leider hat aber genau diese Branche auch immer wieder Probleme in der Einhaltung von Ausbildungsvorschriften, dazu werden verhältnismäßig niedrige Löhne gezahlt.

Nach der Auswertung der Beiträge verschiedener Online-Foren gibt es zahlreiche Beschwerden über die schlechten Verhältnisse in den ausbildenden Betrieben. Unregelmäßige Arbeitszeiten, Nachtarbeit, Verstöße gegen das Jugendschutzgesetz scheinen hier leider zum Alltag zu gehören.

Da verwundert es natürlich nicht, dass sich junge Schulabgänger lieber eine andere Ausbildung suchen und einen Bogen um den Gastronomie-Bereich machen. Solange die hier tätigen Betriebe nicht ihre Ausbildungsreife stark verbessern, die Einhaltung von Ausbildungsplänen und -vorschriften verstärken und ihre Attraktivität durch gerechtere Löhne steigern, wird dieser Trend nicht aufzuhalten sein.

2. Die überzogenen Ansprüche der Unternehmen

Die Betriebe selektieren frühzeitig aus und erwarten nur die besten Schulabgänger als Bewerber, der Rest wird direkt aussortiert und nicht weiter wahrgenommen. Nach den Aussagen der bewerbenden Jugendlichen in diesen Branchen führt das früher oder später zur Frustration und Resignation, wenn trotz guter Noten nur Absagen ins Haus flattern.

Beispiel ist die Banken und Versicherungsbranche. Auch hier blieben im Jahr 2010 23 Prozent der Ausbildungsstellen unbesetzt. Problem dabei war, nach Aussage der Unternehmen, die geringe Anzahl an geeigneten Bewerbern.

Allerdings sucht der überwiegende Teil dieser Betriebe ganz klar nur nach Bewerbern mit Fach- bzw. normaler Hochschulreife. Schulabgänger mit einem Realschulabschluss oder gar einem Hauptschulabschluss sind hier meistens schon per se ausgeschlossen und haben  keine Chance überhaupt in den Kreis der Bewerber aufgenommen zu werden.

Banken und Versicherungen sollten sich langfristig überlegen, ob ihre hohen Ansprüche an die Bewerber noch zu rechtfertigen sind. Wenn sie in den kommenden Jahren ihre Ausbildungsstellen besetzen möchten, wäre ein Umdenken in Bezug auf ihre Art der Bewerberauswahl dringend anzuraten. Denn es scheint doch viel sinnvoller die Stellen einer breiten Basis an Bewerbern zu öffnen und aus diesem großem Tool geeignete Mitarbeiter zu finden als frühzeitig nur noch einer Handvoll von Abiturienten als Kandidaten zu haben, um die es dann zu buhlen gilt.

Quelle: IHK Ausbildungsstudie 2011

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