Die gesamte Woche lag unser Fokus auf dem sehr wichtigem Thema „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“. Hierfür stand uns auch jeden Tag ein Experte aus den Bereichen der Familienbetreuung, Arbeitszeitplanung und Politik in einem Fach-Interview zur Verfügung. Alle haben uns interessante und aufschlussreiche Einblicke in ihre Sichtweise auf dieses Thema gewährt.

Wir möchten deshalb noch einmal die wichtigsten Meinungen und Schlüsselaussagen unserer Interview-Partner zusammenfassen:

Frage 1: Wo steht Deutschland auf dem Weg in eine moderne Gesellschaft, in der es doch eigentlich für jeden möglich sein sollte, Familie und Beruf zu vereinbaren?

Auch wenn wir uns anderes wünschen: Wir sind weit weg von Vorzeigeländern wie Skandinavien oder Finnland – vielmehr sind wir hinsichtlich der Vereinbarkeit von Beruf und Familie mit dem Stand heute ein Entwicklungsland. (Nothelfer)

Dennoch kann man sagen, dass es in den letzten Jahren zu einem grundlegenden Wandel der familienpolitischen Ziele gekommen ist, weil nicht mehr die Förderung der traditionellen Alleinverdienerfamilie, sondern die Unterstützung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Mittelpunkt steht. (Erler)

Frage 2: Das Bild der berufstätigen Mutter muss eine höhere Selbstverständlichkeit erlangen. Wie kann das deutsche Bewusstsein diesbezüglich verändert werden?

Veraltete Rollenbilder sind primär ein westdeutsches Problem. In Ostdeutschland war es schon seit den 1960er Jahren ganz normal und sogar politisch gefordert, dass Frauen erwerbstätig sind. (…) Als Resultat sehen die meisten ostdeutschen Frauen und Männer nach wie vor keinen Gegensatz zwischen Arbeit und Familie. Im Gegenteil, beide werden als zentrale Bestandteile der Selbstverwirklichung gesehen. (Erler)

Veraltete Rollenbilder können also nur überwunden werden, wenn in der Gesellschaft akzeptiert wird, dass Erwerbstätigkeit und Karriere für Frauen und Männer gleichermaßen wichtig ist. Das ist ein langer gesellschaftlicher Lernprozess, der leider nicht linear verläuft, wie die geplante Einführung eines Betreuungsgeldes zeigt. (Erler)

Fage 3: Warum wird das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht stärker als ‘Väterthema’ betrachtet?

Ich habe privat oft den Eindruck gewonnen, dass viele Väter schlichtweg nichts mit ihren Kindern oder gar mit sich selbst anzufangen wissen, wenn Sie in Elternzeit gehen sollten. Die Angst vor dem „Mit-sich-und-der-Famillie-beschäftigten“ treibt dann viele wieder in die Arbeitswelt, wo Ablenkung und Anerkennung garantiert sind. (Nothelfer)

Viele Väter befürchten bei längerer Abwesenheit negative Auswirkungen auf ihre Karriere und es ist auch nachweislich so, dass längere Abwesenheiten oftmals negative Konsequenzen für die spätere Karriere- und Einkommensentwicklung haben. (Erler)

Frage4: Unterschätzen kleine und mittelständische Unternehmen die Wirkkraft von familienfreundlichen Leistungen?

Ich bin überzeugt, dass die Unternehmen und vor allem die Klein- und Mittständischen Unternehmen sehr ökonomisch in dieser Sache vorgehen. Wenn solche Unternehmen familienfreundliche Leistungen nicht anbieten, so stellt das mit großer Wahrscheinlichkeit einen eindeutigen Wettbewerbsnachteil dar. (Lahni)

Die meist diskutierten Modelle, wie Unternehmen ihren Mitarbeitern Hilfestellung bei der Balance zwischen Beruf und Familie bieten können, stammen aus Großunternehmen; hier finden sich kleinere und mittelständische Betriebe kaum wieder. (Weidinger)

Frage 5: Wo liegen die ökonomischen Vorteile einer familienbewussten Personalpolitik und was haben die Unternehmen davon, gezielt Eltern einzustellen?  Wie können Anreize geschaffen werden?

Unternehmen profitieren gleich dreifach von einer familienbewußten Personalpolitik. Sie sparen Zeit, die sie die Suche nach neuen Mitarbeiter_innen kosten würde, sie senken langfristig die Kosten, weil keine Ersatzkräfte gesucht werden müssen und vor allem senden Unternehmen ein klares Zeichen an die Belegschaft: Du bist auch wichtig für das Unternehmen! (Nothelfer)

Ein Anreiz für Unternehmen, die Arbeitszeitbelange familiär gebundener Mitarbeiter/innen zu berücksichtigen, sollte und kann es aus meiner Sicht sein, die betrieblichen Arbeitszeitsysteme durch einen Individualisierungsschub zu dynamisieren. (Weidinger)

Frage 6:  Sehen Sie künftig auch völlig neue Ansätze, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern?

Will man bei Firmen ansetzen, um Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie zu erleichtern, so müssten z.B. Initiativen für eine Kinderbetreuung in der Nähe der Firmen mit Firmenbeteiligung subventioniert werden. (Lahni)

Ich bin der Meinung, dass private und gemeinnützige Institutionen enger miteinander arbeiten sollten. Entgegen vieler Stimmen sind solche Partnerschaften sogar förderlich. (…) Private Firmen bringen Know-How, Flexibilität, Innovation und BWL-Verständnis mit, auf staatlicher Seite stehen Vertrauen, Tradition und Bekanntheitsgrad. Auf dieser Basis ist, sollte man meinen, die perfekte Zusammenarbeit möglich. Die Bedingung hierfür ist aber ganz klar: Es braucht öffentliche Ausschreibungen, damit langfristig keine der beiden Seiten bevorzugt wird. (Nothelfer)

 Wir danken allen Beteiligten für die Zusammenarbeit!

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