In unserem dritten Fachinterview zum Thema “Vereinbarkeit von Beruf und Familie” steht uns heute Manuel Nothelfer, Geschäftsführer der Besser Betreut GmbH, zur Verfügung. Die Besser Betreut GmbH bietet TÜV SÜD-geprüfte Lösungen in der Vermittlung und Beratung von Familiendienstleistungen und verfügt derzeit über ein Netzwerk von über 200.000 Betreuungspersonen aus unterschiedlichsten Fachrichtungen.

Manuel NothelferFrage 1: Nicht zuletzt durch die Debatte über die Frauenquote in Führungspositionen und Vorständen ist das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie in aller Munde. Immer wieder werden von der Politik neue Regelungen und Gesetzesentwürfe auf den Weg gebracht. Trotzdem beklagen sich viele Eltern, dass der Versuch, Kind und Karriere auf einen Nenner zu bringen in der Praxis scheitert. Wo steht Deutschland also wirklich auf dem Weg in eine moderne Gesellschaft, in der es doch eigentlich für jeden möglich sein sollte, Familie und Beruf zu vereinbaren?

Nothelfer: Deutschland hinkt dem Fortschritt noch immer weit hinterher. Auch wenn wir uns anderes wünschen: Wir sind weit weg von Vorzeigeländern wie Skandinavien oder Finnland – vielmehr sind wir hinsichtlich der Vereinbarkeit von Beruf und Familie mit dem Stand heute ein Entwicklungsland.

Das Thema ist zwar in den meisten Köpfen angekommen, dennoch bewegt sich nur sehr langsam etwas. Ein Blick auf die Maßnahmen sagt uns, wir haben schon viel erreicht, denk man beispielsweise an Kindergeld, U3-Kinderbetreuung, Familienpflegezeit, Vaterzeit, Betreuungsgeld, etc. – am Ziel sind wir aber noch lange nicht. Zu viele Steine werden jungen Familien in den Weg gelegt, so etwa die Beteiligung an den Kita-Kosten, das Betreuungsgeld oder kostenpflichtige Betreuungsangebote im Allgemeinen.

Vielleicht ist unsere Gesellschaft noch nicht so weit. Zu nah liegt der Gedanke, dass Familien oder meist Frauen sich zwischen Karriere oder Familie entscheiden müssen. Beides scheint nicht sinnvoll zu vereinen. Dass aber genau dieses Denken die Problemlösung blockiert oder gar verhindert, haben viele Entscheider in Politik und Wirtschaft noch nicht begriffen.

Wo die Politik zu kurz greift, denken auch die Unternehmen meist nicht weit genug. Viele haben verstanden, dass sich das Thema im „War for Talents“ positiv auf die Bewerberzahlen auswirkt. Aber hier ist oft schon Schluss: Zu viele Arbeitgeber nutzen Vereinbarkeit von Beruf und Familie als Werbethema.

Frage 2: Neben der Notwendigkeit, mehr Betreuungsangeboten zu schaffen, gilt es auch die veralteten Rollenbilder, die in unserer Gesellschaft immer noch vorherrschen, zu ändern. Das Bild der berufstätigen Mutter muss eine höhere Selbstverständlichkeit erlangen. In Ländern wie Frankreich sind eine flexible Kinderbetreuung und Serviceleistungen vom Staat selbstverständlich. Offenbar auch deshalb, weil Familie und Kinder einen höheren Status haben und Kinder als wichtiger Glücks- und Zukunftsfaktor angesehen werden. Wie kann das deutsche Bewusstsein diesbezüglich verändert werden?

Nothelfer: Die Antwort ist ganz einfach: Wir brauchen Vorbilder!

Schon im Kleinkindalter lernen wir fast ausschließlich durch die Beobachtung unserer Eltern, unseren Vorbildern. Was sie richtig machen, übernehmen wir. Später orientieren wir uns an Freunden, Bekannten oder Vorbildern aus Politik oder Gesellschaft. Wir schauen uns an, wie andere ähnliche Probleme lösen, mit vergleichbaren Situationen umgehen und beobachten die Konsequenzen. Was funktioniert, schauen wir uns ab.

Wieso nicht auch in diesem Fall Vorstände, Geschäftsführer, Meinungsmacher, Schauspieler, Persönlichkeiten aus Sport und Kultur oder Politiker dazu ermuntern, Famillie vorzuleben? Mit allen Konsequenzen. Uns Menschen muss gezeigt werden, dass und vor allem wie es funktionieren kann und dass Geld an dieser Stelle nicht der entscheidende Faktor ist. Gerade Politiker sollten ein Stück Ihres Privatlebens preisgeben. Die Grenzen zwischen Privatleben und wichtiger Vorbildfunktion müssen neu gezogen werden.

Frage 3: Warum wird das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht stärker als ‚Väterthema‘ betrachtet? Immerhin zeigt eine Befragung der Hessenstiftung auf, dass viele Väter mit ihrer (Un)Vereinbarkeitslösung zwischen Beruf und Familie unzufrieden sind. Trotzdem nimmt gerade einmal jeder vierte Vater Elternzeit. Warum fürchten so viele Väter negative Konsequenzen in ihrem Berufsalltag?

Nothelfer:  Sie wird gern zitiert, ist dadurch aber nicht minder existent: die Ellenbogenmentalität. Viele Männer identifizieren sich über Ihren Beruf, über Macht, über Stellung und Position. Wer viel zu sagen hat, erhält Anerkennung innerhalb der eigenen sozialen Netzwerke. Gleichzeitig hält sich auch das Bild vom erfolgreichen, viel beschäftigten Vater hartnäckig, der kaum Zuhause ist und nur am Wochenende Zeit mit den Kindern verbringen kann. Abwesenheit erzeugt Begehrlichkeiten – ein toller Effekt des langen Arbeitens: Kommt Papa am Ende des Tages nach Hause, steht er sofort im Mittelpunkt. Natürlich genießen das viele Männer.

Außerdem habe ich privat oft den Eindruck gewonnen, dass viele Väter schlichtweg nichts mit ihren Kindern oder gar mit sich selbst anzufangen wissen, wenn Sie in Elternzeit gehen sollten. Die Angst vor dem „Mit-sich-und-der-Famillie-beschäftigten“ treibt dann viele wieder in die Arbeitswelt, wo Ablenkung und Anerkennung garantiert sind.

FamilieFrage 4: Mittlerweile gibt es immer mehr Unternehmen, die bewusst in die Kinderbetreuung investieren und die davon überzeugt sind, dass eine familienfreundliche Personalpolitik Vorteile bringt. Trotzdem tun sich insbesondere viele kleine und mittelständische Unternehmen schwer, familienfreundliche Leistungen anzubieten. Unterschätzen diese Unternehmen nicht die Wirkkraft von besonderen Leistungen, um sich von der Konkurrenz positiv abzuheben?

Nothelfer:  Nein, diese Unternehmen haben einfach viel zu viel zu tun.

Sie dürfen außerdem nicht vergessen, dass solche Angebote Begehrlichkeiten bei der Belegschaft wecken und Bewegungen in der eigenen Firmenkultur erzeugen, die viele Unternehmer nicht gewillt sind, dauerhaft zu tragen. Während sich die Wirkung auf potenzielle Arbeitnehmer_innen nicht von der Hand weisen lässt, reagieren bestehende Mitarbeiter_innen oft unsensibel auf familienfreundliche Angebote. Sie nutzen sie, ohne sich dankbar zu zeigen. Arbeitnehmerinnen werden schwanger, nehmen Teilzeitmodelle oder bleiben Zuhause, wenn das Kind erkrankt. Diese neuen Prozesse und Umbrüche in der Personalstruktur sind eine entscheidende Hürde für zahlreiche Unternehmer. Allein die Umsetzung erfordert erhöhten Zeit- und Personalaufwand, der nicht Teil des Alltagsgeschäfts ist.

Die Wirkkraft ist mit hoher Sicherheit den meisten Unternehmen bekannt, aber die Umsetzung geschieht bisher noch zu selten. Zu oft entschuldigt man sich damit, dass Familie Privatsache sei.

Frage 5: Wo liegen die ökonomischen Vorteile einer familienbewussten Personalpolitik und was haben die Unternehmen davon, gezielt Eltern einzustellen? Wie können Anreize geschaffen werden?

Nothelfer: Vorteile? Unternehmen profitieren gleich dreifach von einer familienbewußten Personalpolitik. Sie sparen Zeit, die sie die Suche nach neuen Mitarbeiter_innen kosten würde, sie senken langfristig die Kosten, weil keine Ersatzkräfte gesucht werden müssen und vor allem senden Unternehmen ein klares Zeichen an die Belegschaft: Du bist auch wichtig für das Unternehmen! Das schafft eine wertvolle Bindung zwischen Mitarbeiter_in und Betrieb, die auf lange Sicht zufriedenstellt und motiviert.

Viele Unternehmen setzen bereits auf individuelle Angebote für jeden einzelnen Mitarbeiter. Hier gibt es aber keine Patentlösung. Der richtige Maßnahmen-Mix ist entscheidend. Ein international aufgestelltes Unternehmen muss natürlich anders handeln als ein Handwerkerbetrieb im Schwarzwald. Die erste Frage muss daher immer lauten: Wie kann ich jede/n Mitarbeiter_in mit den zusätzlichen Angeboten erreichen? Und die zweite Frage: Welche positiven Effekte kann das Unternehmen langfristig hieraus ziehen?

Frage 6: Sehen Sie künftig auch völlig neue Ansätze, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern? Wie könnte zum Beispiel eine stärkere Vernetzung mit privaten Dienstleistern aussehen? Sehen Sie Möglichkeiten, staatliche Angebote durch den Einsatz von privaten Dienstleistern besser auszubauen?

Nothelfer:  Wen sehen wir in der Verantwortung, die Betreuungslandschaft für Familien in Deutschland zu verbessern? Bildung ist Bundessache, keine Ländersache. Der Staat steht in der Pflicht und muss handeln. Ich bin der Meinung, dass private und gemeinnützige Institutionen enger miteinander arbeiten sollten. Entgegen vieler Stimmen sind solche Partnerschaften sogar förderlich.

Denn sind wir mal ehrlich: Vereine, steuerlich begünstigte Unternehmen, Stiftungen und auch gGmbH´s arbeiten schon lange sehr wirtschaftlich orientiert. Die Wohlfahrtsverbände verwalten Milliardenbeträge für das Betreuungsnetz in Deutschland. Private Dienstleister hingegen sind nicht steuerlich befreit, werden kaum öffentlich gefördert und haben allgemein kein gutes Standing in der Öffentlichkeit. Denn Geld verdienen mit Bildung? Das ist für viele Menschen noch immer nicht nachvollziehbar.

Von Partnerschaften dieser Art profitieren alle Beteiligten. Auch wenn private Dienstleister hier nach wie vor auf viele Hemmnisse treffen, dürfen wir nicht von einer Sackgasse sprechen. Private Firmen bringen Know-How, Flexibilität, Innovation und BWL-Verständnis mit, auf staatlicher Seite stehen Vertrauen, Tradition und Bekanntheitsgrad. Auf dieser Basis ist, sollte man meinen, die perfekte Zusammenarbeit möglich.

Die Bedingung hierfür ist aber ganz klar: Es braucht öffentliche Ausschreibungen, damit langfristig keine der beiden Seiten bevorzugt wird.

 Frage 7:  Eine letzte Frage: Wie vereinbaren Sie persönlich Beruf und Familie?

Nothelfer: Ich versuche jeden Tag die kleinen und großen Hürden im privaten wie auch im beruflichen Bereich zu bewältigen.

Wenn es kritisch wird, kommt meist alles zusammen: Im Beruf stehen schwierige Entscheidungen an und Zuhause hängt der Haussegen schief. Allzu oft schlagen mir zwei Herzen in der Brust und für was ich mich auch entscheide, irgendwer fühlt sich immer benachteiligt. Und bei dem ganzen Spagat versuche ich dann auf mich zu achten. Das ist nicht leicht, aber davon bin ich auch nie ausgegangen. Also versuche ich manchmal früher von der Arbeit zu gehen, meine Zeit so gut es geht zu strukturieren, aber vor allem ist eines wichtig: zu improvisieren.

Wir danken Manuel Nothelfer für das Interview!

BetreutAuf Betreut.de können Interessierte sowohl Betreuung finden als auch selber anbieten. Das Team von Besser  Betreut garantiert eine vertrauensvolle, schnelle und qualitativ hochwertige Vermittlung aus allen Bereichen der Familiendienstleistungen.

 

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