Man sagt: „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“ Doch wie genau ist der Einfluss der sozialen Herkunft auf die Bildungschancen von Kindern in Deutschland?

Chancengleichheit ist eins der großen Schulentwicklungsziele der letzten Jahre. Seitdem die erste PISA-Studie aufzeigte, dass in Deutschland der Bildungserfolg massiv mit der sozialen Herkunft gekoppelt ist, wird in Politik, Wissenschaft und Medien immer wieder darüber diskutiert, wie sich dieses Problem lösen lässt.  Wie aber entstehen die Bildungsungleichheiten überhaupt?

Primäre Herkunftseffekte

Primärer Herkunftseffekt I – Money, money, money
Primäre Herkunftseffekte sind die, die durch unterschiedliche Sozialisationsbedingungen (anderes Aufwachsen, andere Erziehung, anderes Umfeld) entstehen. Zu diesen Effekten gehört auch die finanzielle Ausstattung der Familie.

Zwar hört man immer wieder gerne, dass Kinder vor allem Liebe und Zuneigung brauchen, doch wenn man gewisse Leistungs- und Bildungserwartungen hat, trifft das ganz und gar nicht zu. Wächst das Kind in einer ökonomisch solideren Familie auf, so sind in der Regel mehr Materialien (Spiele, Lernmaterialien) da und zwar auch schon vor der Schule. Die Familie kann sich außerdem Musikunterricht, Sportkurse und andere Fördermaßnahmen problemlos leisten. Während der Schulzeit machen auch Nachhilfestunden „reicheren“ Eltern nur wenig aus. Mehr Geld zu haben bedeutet dann also doch eben auch Kinder, die besser in der Schule sind und bei denen mehr aus ihrem Potential gemacht wird.

Primärer Herkunftseffekt II – Bildung als Wert
Mit der sozialen Herkunft hängt ebenso zusammen, welchen Wert Bildung in der Familie hat. Eltern, die selbst einen hohen Bildungsabschluss haben und erfolgreich in Beruf und Leben sind, erachten es als wichtiger, ihren Kindern eine gute Bildung zu ermöglichen und schätzen Bildung auch im Alltag und in der Freizeit. Den Kindern wird so vorgelebt, dass Bildung etwas Erstrebenswertes ist und sie steigern selbst ihre Leistungsbereitschaft.

Die große Bedeutung von Bildung zeigt sich aber auch schon an kleinen Dingen, wie etwa daran, dass Nachfragen und Erklärungen in den Familien selbstverständlich sind. Eine positive Einstellung gegenüber Bildung, Lernen und Bildungseinrichtungen wird so schon grundgelegt.

Primärer Herkunftseffekt III – Sprache und Bildung
Das Bildungsniveau prägt auch den Sprachstil der Eltern. Eltern mit einem geringeren Abschluss und Jobs in Tätigkeitsbereichen, in denen eine Alltagssprache oder Umgangssprache zur Normalität gehört, sprechen in der Regel auf einem anderen Niveau als Eltern mit akademischen Abschlüssen. Dies führt dazu, dass beim Spracherwerb in der Familie auch das Sprachniveau der Kinder entsprechend entwickelt wird. Die Sprachunterschiede von Kindern variieren schon mit drei Jahren sehr stark.

Sprache stellt jedoch den hauptsächlichen Zugang zu Wissen dar. In der Schule werden neue Erkenntnisse in der Regel über Sprache gewonnen (sowohl gesprochene als auch geschriebene Sprache). Kinder, die mit einem komplexeren Sprachvermögen in die Schule eintreten haben dadurch bereits enorme Vorteile gegenüber denen, die auf einem einfacheren Niveau sprechen.

Primärer Herkunftseffekt III – Lebensstil und Bildung
Unterschiede zeigen sich aber auch in den Gewohnheiten und den Konsumgepflogenheiten der Familien. In einigen Familien sind Theaterbesuche, Konzertbesuche, Vorlesestunden, der Besuch von Museen und Ausstellungen, gemeinsames Musizieren oder Ähnliches fester Bestandteil des Familienlebens. In anderen Familien jedoch nicht. Auch dies ist vor allem an das Bildungsniveau und die ökonomischen Ressourcen der Familie gekoppelt. Derartiger Umgang mit Kultur prägt das Lernen jedoch positiv, führt zu mehr Wissen und einem vertrauten Umgang mit den Kulturerzeugnissen, die in der Schule von Bedeutung sind. Auch hier profitieren die Kinder also vom Bildungsniveau und der finanziellen Situation ihrer Eltern, die mit ihrer Freizeitgestaltung bereits den Grundstein für gute schulische Leistungen legen.

Sekundärer Herkunftseffekt

Neben den Effekten der unterschiedlichen Familiensituationen und Sozialisationsbedingungen, führen aber auch konkrete Entscheidungen der Familien zu Ungleichheiten in puncto Bildung. Dieser Effekt wird auch als sekundärer Herkunftseffekt bezeichnet. Es geht dabei vor allem um Entscheidungen im Bildungsprozess der Kinder, vor allem die Schulwahlentscheidung. Gerade beim Übergang von der Grundschule zur Sekundarstufe I steht eine bedeutende Entscheidung an, die unter Umständen die gesamte Laufbahn des Kindes bestimmt. Eltern mit unterschiedlichen Bildungsniveaus entscheiden sich jedoch bei gleicher Leistung ihrer Kinder noch lange nicht gleich. Das kann zum einen an Unwissen über die prinzipiellen Schulmöglichkeiten liegen, vor allem aber daran, dass die Erfolgswahrscheinlichkeit der Kinder verschieden eingeschätzt wird. Bei einer Zeugnisnote 3 zweifeln die meisten Eltern mit eigenem hohem Bildungsniveau z.B. noch nicht daran, dass ihr Kind für das Gymnasium geeignet ist.

Eltern, die keinen höheren Bildungsabschluss haben, schätzen die Erfolgswahrscheinlichkeit ihrer Kinder jedoch als schlechter ein und entscheiden sich dann eher für gegen das Gymnasium und für eine Real- oder Gesamtschule. Hinzu kommt, dass soziale Normen diese Entscheidung beeinflussen. Eltern aus der „Oberschicht“ etwa gehen von Statusverlusten aus, wenn ihr Kind nicht, wie die Kinder der Kollegen ein Gymnasium besucht. Das Entscheidungsverhalten variiert somit sehr stark und die soziale Herkunft eines Kindes beeinflusst auch in diesem Punkt die möglichen Bildungschancen.

Ist das jetzt schlimm?

Okay, Eltern beeinflussen die Leistungsmöglichkeiten ihrer Kinder. Logisch! Aber ist das schlimm?
Es ist durchaus schade, dass aufgrund der Sozialisationsbedingungen und wegen zu vorsichtiger Entscheidungen der Eltern Potentiale von Kindern nicht entfaltet werden können. Solange man jedoch nicht dazu übergeht, die Kinder direkt nach der Geburt von ihren Familien zu trennen oder sie zunehmend und immer früher in Einrichtungen bringt, ist dies jedoch unvermeidlich. Entgegenwirken kann man höchstens mit einem stärkeren Einfluss von außen (z.B. in Kindergärten und Kindertagesstätten oder schon Eltern-Baby-Kursen). Wie weit diese Maßnahmen greifen können wird sich zeigen. Es ist auch immer fraglich inwieweit man das für legitim erachtet.

Schlimm ist jedoch vielmehr, wenn das staatliche Bildungssystem diese Einflüsse noch zusätzlich verstärkt. Es werden immer wieder Vorwürfe laut, dass die Schulcurricula an die Mittel- und Oberschicht angelehnt seien, dass das gegliederte Schulsystem zu undurchlässig ist und durch den Übergang nach der Grundschule Entscheidungseinflüsse der Eltern überhaupt erst ermöglicht. Des Weiteren wird kritisiert, dass Schüler immer mehr auf private Zusatzleistungen wie etwa Nachhilfe angewiesen sind, was Bildung immer mehr vom Geldbeutel der Eltern abhängig und die Bildungschancen in Deutschland immer schlechter macht. Ebenso haben Lehrer einen Einfluss darauf, da sie selbst in der Regel der Mittelschicht entstammen und somit gewisse Standards erwarten. Sie berücksichtigen bei Übergangsempfehlungen z.B. auch den Kontext des Schülers wie etwa das Bildungsniveau und das Engagement der Eltern. Diese Aspekte sind tatsächlich fatal, denn hier sorgt der Staat dafür, dass die Schere zwischen arm und reich weiter auseinanderklafft. Die Familien selbst sind eher unbewusst für die Ungleichheiten verantwortlich.

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