SchulwesenEs war einmal Lissabon. Da hielt man Rat. Genau genommen am 23. und 24. März 2000. Wichtige Menschen des Europäischen Rates kamen an jenen zwei Tagen zusammen, um eine Strategie für Europa zu entwickeln, eine Vision für Europa 2020 (Quelle: Europäisches Parlament).

Diese Vision sah vor, dass alle EU-Länder bis 2020 drei Prozent ihrer Bruttosozialprodukte (BIP) in die Bildung investieren. Seither ist viel passiert. Manches war gut, vieles auch schlecht. Weltweit, Europaweit und Deutschlandweit. Die PISA-Studien 2001 schreckten die deutschen Bundesbürger unterdessen besonders auf. Im Jahre 2010 beklagten Bildungsforscher wie Klaus Klemm noch immer die gleichen Defizite im Bildungssystem. Bis heute hat kein Bundesland eine längere gemeinsame Lernzeit von der ersten bis zur sechsten Klasse durchsetzen können. In Hamburg haben sich die Eltern schließlich gegen ein solches Schulmodell gewehrt und mit den Füßen abgestimmt. Die Selektion von Stärkeren und Schwächeren ist also offenbar noch immer gesellschaftlicher Konsens. Dabei hat Klemm völlig zu Recht betont, dass die Schulzeit die einzige Zeit ist, in der Kinder aus allen Schichten zusammen kommen (Quelle: Süddeutsche 22.07.2010).

Der Hochschulpakt hilft nur, wenn die Hochschulen es packen

Die Bundesregierung hat beschlossen, in der Legislaturperiode von 2010 bis 2013 12 Milliarden Euro mehr in Bildung und Forschung zu investieren (Quelle: Bildungsministerium für Bildung und Forschung). Die Bildungsberichte lesen sich wie ein Zahlenspiegel. Aber können diese Zahlen die Realität abbilden? Schweifen wir den Blick über das Schulleben hinaus, so fallen einem gleich die Hochschulen ein, die der Ort für Wissenschaft und Forschung sind. Aber ähnlich zum ausgeprägten Selektionsgedanken in und an den Schulen hat man seitens des Bundes und der Länder in den Jahren 2005/2006 eine Exzellenzinitiative ausgelobt, die besonders wertvolle Universitäten noch großzügiger mit Förderungen ausstattet. Das Ergebnis, und das darf schon jetzt vorweggenommen werden, wird eine noch stärkere Hinwendung der zukünftigen Studenten zu den Hochschulen sein, die im Ranking und bei Drittmittelprojekten vom Renommee her besonders gut wegkommen. Die Bildungsrepublik Deutschland findet in Wissenschaft und Forschung bald nur noch in den traditionellen Universitätsstädten und Bildungsmetropolen statt. Diese wenigen Magnete werden die letzten jungen Menschen Deutschlands anziehen und eine föderale und kreative Bildungsstruktur zerstören. Schon jetzt leiden kleinere und jüngere Universitäten unter chronischer Mittelknappheit.

Die Bildungsrepublik Deutschland versteckt sich hinter wenigen Leuchttürmen

Fakt ist, dass die Bildungspolitik auf administrativer Ebene immer mehr an Herz und an Kreativität verliert. Sie ist längst ein Spiel mit Zahlen geworden, ein überholtes Input-Output-Modell. Wer sich anschaut, wie dreckig Schulen oder überfüllte Hörsäle aussehen, weiß, dass 12 Milliarden mehr oder weniger keine große Rolle spielen. Immer verweisen Politiker unterschiedlicher Couleur auf Leuchtturmprojekte und vergessen dabei die breite Landschaft. Solange kein Geld in die Qualität des Lehrpersonals gesteckt wird, hilfswissenschaftliche Kräfte mehr und mehr die ursprünglichen Aufgaben der Professoren übernehmen müssen, und letztere wiederum angehalten sind, Spitzenforschung zu betreiben, kann sich nichts ändern. Eine Forschung, die auf Dauer ohne junge Nachwuchsforscher auskommen muss,  braucht man nicht. Wir brauchen in Zeiten der Kinderarmut erst recht keine verfrühte Selektion in den Grundschulen. Was die Bildungsrepublik Deutschland nötig hat, sind ganzheitliche kreative Ansätze, die die föderalen Strukturen des Bildungssystems dort beibehalten und fördern, wo sie Sinn machen. Dabei dürfen länderhoheitliche Eitelkeiten nicht länger stören. Wir müssen uns schließlich als Gesellschaft darüber bewusst sein, dass wirklich kein junger Mensch mehr auf seinem Bildungsweg verloren gehen darf. Im Herbst 2008 prägte Bundeskanzlerin Merkel in Dresden den Begriff Bildungsrepublik Deutschland (Quelle: GEW).

Ein schöner Begriff, wie ich finde. Er könnte am Ende eines schönen Märchens stehen.

 

 

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