SchulwesenEin bildungspolitischer Zwischenruf

Wir freuen uns sehr, zum heutigen Wort zum Freitag einen Gastartikel von Raimond Schmahl, kommunaler Mitarbeiter im Bildungsbüro der Stadt Leverkusen, veröffentlichen zu dürfen.

Netzwerke schaffen – diese in der Öffentlichkeit inflationär verwendete Handlungsanweisung taucht immer häufiger auch im Zusammenhang mit dem Thema Bildung vor Ort auf, deren Situation sich heute ganz gut mit einer verwirrenden Einrichtungs- und Angebotsvielfalt umschreiben lässt.

Aber was ist das Ziel und was heißt es praktisch – eine Bildungsregion netzwerkartig zu denken und die Akteure aus den Einrichtungen an einen gemeinsamen Planungstisch zu bringen? Geht es vielleicht doch nur darum, Doppelangebote festzustellen, hier und da Bildungs-Übergänge herzustellen und oder gar Bildungsaufwände — aus gemeinsamen Trägerinteressen — zu vermeiden?

So volkswirtschaftlich verständlich ein solches Ansinnen auch sein mag, müsste die Handlungsaufforderung Bildungsregionen voranzubringen nicht mehr beinhalten als eine unter der Hand mitgedachte Verschlankung oder Neu-Justierung der Angebote einzelner Bildungsträger – nicht zuletzt aus Gründen demokratischer Bildungsteilhabe?

In einer Grundsatzdebatte über das Vorhandensein von oftmals unabgestimmten Bildungsangeboten in den Regionen sollte es m. E. nicht länger nur darum gehen, das Füllhorn der Möglichkeiten ein wenig ökonomischer auszugießen, sondern zunächst die Debatte darüber zu führen, wie die regionalen Lernangebote mit den sich immer schneller wandelnden Lebenssituationen der Menschen zuhause, an den Arbeitsplätzen und auch in den ganz unterschiedlichen Wohnquartieren korrespondieren bzw. planerisch in einen Zusammenhang gebracht werden können.

In den Blick zu nehmen ist die Bildungsperspektive jedes Einzelnen, welche oft genug durch irreversible Bildungsentscheidungen ein Leben lang eingeschränkt ist, weil sinnvolle Bildungsübergänge nicht erkannt wurden und unzureichende institutionelle Durchlässigkeiten dem Individuum ganz generell im Wege stehen.

So ist es dringend geboten, neben der einfachen Abstimmung von Planungsinteressen der Bildungsträger – grundsätzlich immer wieder – die Subjekte des  Lernens und der Bildung in ihren individuellen Lebenslagen mit spezifischen Lernnotwendigkeiten und -möglichkeiten in den Mittelpunkt durchdachter Bildungslandschaften zu rücken.

Bildungseinrichtungen im Wettstreit mit der Wissensgesellschaft

Die Jahr für Jahr wiederkehrende Diskussion über die immer schneller alternden Unterrichtsinhalte an Schulen macht deutlich, dass ein Großteil der noch von vielen als zeitlos und fix erachteten Wissensbestände – in immer schnelleren Zyklen – ihre Bedeutung für die zukünftige Lebens- und Arbeitsperspektive einer jeden Schülergeneration verliert.

Aktuell sind sich die heutigen Schülerinnen und Schüler dieses epochemachenden  Umstands instinktiv mehr bewusst, als dies die Schulen und ihre Lehrkräfte für ihr Rollenverständnis wahrhaben wollen. Andererseits sind der heutigen Medien-gesellschaft angemessene innovative Unterrichtskonzepte gar nicht so leicht zu finden und durchgängig im Schulalltag anzuwenden.

Was bedeutet dieses — allein schon quantitativ zu denkende — Erfordernis einer laufenden Wissens-Entsorgung grundsätzlich für die Bildungsanstrengungen der Menschen und sich darauf beziehender Lernangebote? Kindergarten, Schule und in der Bildungskette nachfolgende Einrichtungen  stehen vor der neuen, bislang unbekannten Aufgabe, nicht einfach weiterhin  fertige Wissens-Pakete an die ihnen anvertraute Generation durchzureichen. Es wird in den Einrichtungen der formalen Bildung darauf ankommen müssen, neben der Einübung von fundamentalen Kulturtechniken und Werthaltungen lediglich einen — der Jetztzeit angepassten — überschaubaren Kern von naturwissenschaftlichen, kulturellen und historischen Gewissheiten zu vermitteln.  Dabei gilt es selbstverständlich an den aktuellen Befindlichkeiten und Motivationen der jeweiligen Schülergeneration anzuknüpfen.

Auf die Zukunft der Institution Schule hin betrachtet — müssen Lernkonzepte der effektiven Aneignung und reflektierten Einordnung von Wissen mehr und mehr in den Mittelpunkt der Unterrichtsbemühungen treten. Die dabei in den Köpfen junger Menschen anzustrebende Einsicht in die Notwendigkeit lebenslanger Lernbereitschaften bildet gewissermaßen das grundlegende Bildungsziel in der sog. Wissensgesellschaft.

 Lernangebote für individuelle Situationen im Lebenslauf

Wie ausgeführt – wird die nicht zuletzt technologisch bedingte Wissensexplosion der jahrzehntelang praktizierten Wissensanhäufung in den Schulen zwangsläufig ein Ende setzen. Die feststellbaren Behaltensleistungen von Schulabgängern sprechen da eine deutliche Sprache.

Folgerichtig muss in der Schule die Grundlagenbildung für dauerhafte individuelle Lernmotivation, für Methodenkompetenz im Umgang mit Informationen und für Sozialverhalten auf Seiten der Schülergeneration mehr Raum gewinnen.

Gleichwohl kommen auf die Menschen – jenseits des bereits abgeschlossenen und oft bereits vergessenen Schulwissens – immer öfter überraschende, neue und andersartige als die bisher gekannten Anforderungen zu. Hier im privaten und sozialen Umfeld der Menschen und an ihren Arbeitsplätzen verlangt es zunehmend nach qualifikatorischen Antworten auf der Höhe der Zeit, die im Rekurs auf das zurückliegende Schulwissen nicht gegeben werden können.

Hinzu kommt, dass gerade die für das Wohlergehen der Generationen wichtige Lebensfragen und Themenfelder wie Gesundheit, Ernährung, Lebensführung und auch des Älterwerdens von den Einrichtungen der formalen Bildung nur unzureichend oder gar nicht mehr thematisiert – geschweige denn realitätsnah beantwortet werden.

Eine bildungspolitisch pragmatische Herangehensweise auch an diese Lernerfordernisse der Menschen im Lebenslauf scheint damit nicht nur sinnvoll, sondern unabweisbar sozialpolitisch notwendig, soll der bereits in vielen Milieus und  Altersgruppen sichtbare gesellschaftliche Schaden nicht noch größer werden.

Netzwerke für das Herausfinden und Schaffen von Lernangeboten

Zweifellos ist das Bemühen um eine treffende Analyse — der in den Lebenswelten der regionalen Bevölkerung vorfindbaren und spürbaren Lern- und Qualifikationsdefizite – der wichtigste Baustein, um für Menschen benutzbare und ertragreiche Bildungslandschaften für alle Altersstufen zu etablieren.

Hier liegen denn auch die Zweckbestimmung und der eigentliche Arbeitskern sich mittlerweile flächendeckend zusammenfindender Bildungsnetzwerke – mit zugehörigen Bildungsbüros als deren wichtiger Schaltstelle in Kommunen und Kreisen.

Dass die Netzwerkpartner aus den regionalen Einrichtungen bei Zusammenkünften oftmals kaum mehr als das — von ihrer Einrichtung geprägte — Selbstverständnis zum Thema machen und sich darüber austauschen, ist eine notwendige aber keine hinreichende Voraussetzung dafür, dass Junge und Alte, Männer und Frauen usw. tatsächlich am Ende ein — für ihre Lebens- und Arbeitssituation kompatibles — Lernangebot vorfinden und auch nutzen können.

So kommt es vor allen Dingen auf die gemeinsame Zielsetzung der Netzwerk-Mitglieder an, den Lernnotwendigkeiten und -bedürfnissen der Bevölkerung in deren Lebenswelten auf die Spur zu kommen, um daraus für die Menschen passgenaue und zwischen entsprechenden Einrichtungen abgestimmte Lernmöglichkeiten zu kreieren. Daneben kann das sog. Bildungsmonitoring als sinnvolle, aber sehr aufwendige objektivierende Methode – einer datengestützten regionalen Analyse von Bevölkerungsstruktur, Bildungsangeboten und deren Nachfrage – eine Ergänzung sein.

Wie kann die Erkundung der Bildungsregion besser gelingen als im Dialog der potentiell an Lernangeboten Interessierten mit den Bildungsanbietern eines Bildungsnetzwerks in den Stadtteilen vor Ort!

Was sich so leicht und einleuchtend anhört gilt im hergebrachten Selbstverständnis vieler Bildungseinrichtungen und angeschlossener Verwaltungen als schwierig vorstellbar oder wird gar für unmöglich gehalten.

Dabei geht es einfach doch nur darum, den Planungsprozess von Bildung – von der Methode her grundsätzlich mehr auf das zu beziehen, was man als Bildungsplaner/-in in einer Einrichtung oder als Mitarbeiter/-in in einem  Bildungsbüro an Fragen, Wünschen und oft unausgesprochenen Äußerungen von Menschen “vor Augen” oder “in den Ohren” hat, um daraus Schlüsse für gemeinsame Bildungsplanungen im Netzwerk zu ziehen.

Lebensweltnahe Bildungsberatung schaffen

Was liegt also näher, als Bildungsnetzwerke mit zugehörigem Bildungsbüro  immer im Zusammenhang mit lebensweltnaher Bildungsberatung der Bevölkerung (Projekt: LernLäden in Stadtteilen) zu betreiben und beispielsweise:

  • individuelle Fragen aufzugreifen, für Interessenten praktikabel zu beantworten und auf verallgemeinerbare Tendenzen hin zu überprüfen
  • einzelne defizitäre Bildungsbiografien ernst zu nehmen und diese auf fehlende oder nicht bekannte Bildungs-Anschlüsse von Einrichtungen zu beziehen
  • Bildungspatenschaften mit Lotsen- und Begleitungsfunktionen für schwache Schüler/-innen zu fördern und so Bildungspotentiale zwischen Alt und Jung auszubalancieren

Ein Netzwerk der Bildungspartner — im Dialog mit Bildungsinteressenten — bedarf in einer Mediengesellschaft selbstredend eines digitalen BildungsPortals — auch auf regionaler Ebene:

  • in dem alle Einrichtungen — bezogen auf Standort und Arbeitsprofil — ihre Visitenkarte abgeben und den Arbeitszusammenhang dokumentieren
  • Bildungsinformationen von regionaler Bedeutung für Zielgruppen in einfacher Sprache verfügbar sind
  • und Möglichkeiten zu Online-Beratung und Praxis-Dialog gegeben sind.

Die Online-Plattform eines Bildungsnetzwerks — mit Suchfunktionen für Bildungseinrichtungen in den Stadtteilen und Bildungsmöglichkeiten entsprechend  Lebensalter bzw. Lebenslage – wird damit zusätzlich als ein niedrigschwelliges und neutrales Instrument des Dialogs ins Spiel gebracht – besonders geeignet für den ungestörten Informations- und Austauschbedarf der Menschen zuhause.

Raimond Schmahl

Über den Autor

Raimond Schmahl ist Medienberater und kommunaler Mitarbeiter im Bildungsbüro der Stadt Leverkusen und Betreiber des Angebots Medien für Leverkusen

Schwerpunkte: Medien – Lernen – Wissen in Schule, Bildung und Freizeit

Medien für Leverkusen

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