Interview mit Burnoutexperte Manuela Starkmann Teil II

Nachdem gestern unsere Interviewserie zum Thema Burnout erfolgreich gestartet ist, geht es heute im zweiten Teil unseres großen Experteninterview mit Manuela Starkmann um die Sinnhaftigkeit einer Abgrenzung zu anderen psychischen Erkrankungen geht.

Hauptsache Bildung: Warum sind heute viel mehr Menschen gefährdet, bzw. betroffen?

Coaching-Expertin Manuela Starkmann

Coaching- und Burnout-Experte Manuela Starkmann

Manuela Starkmann: Ist das so? Vielleicht war der Müller vor fünfhundert Jahren, dem das Haus abgebrannt ist, ein Kind erkrankte und er Schulden hatte, ebenso erschöpft wie heute der Manager im Unternehmen oder der Familienmanager zuhause. Ich weiß nicht, ob wir Menschen heute gefährdeter oder betroffenerer sind als früher. Wir haben halt jetzt einen Begriff, einen Namen dafür. Und ich wüsste nicht, welcher andere Begriff so für Zündstoff, Tabuisierung und Mystifizierung sorgt wie das Wort „Burnout“.

Vielleicht eine andere Form von Antwort: Die Zeit verändert sich. Menschen wollen immer weniger im Außen ihr Heil finden, sondern wieder in sich. Um mit sich und ihrem Umfeld zufrieden zu sein.

Hauptsache Bildung: Der Begriff Burnout ist erst in den letzten fünf bis zehn Jahren populär geworden – was war eigentlich vor dieser Definition, wie wurden Menschen, die sich vor dieser Zeit „ausgebrannt“ gefühlt haben, behandelt?

Wie gesagt, ich glaube nicht, dass es Burnout erst seit 1974 gibt als Herbert Freudenberg ihn benannte. In unser patriachalisch geprägten Welt geht es seit Hunderten vielleicht Tausenden von Jahren stetig um Zahlen, Daten, Fakten. Und Gefühle, Spiritualität, Selbstbewusstsein verloren scheinbar im Verhältnis an Wert. Doch das hält der Mensch nun mal nicht auf Dauer aus.

Bei Burnout gibt es eine entscheidende Antwort: Bei Burnout fehlt die objektiv feststellbare Grunderkrankung. Somit ist grundsätzlich alles Burnout. Die Rücken-, Kopf- oder Magenschmerzen, vielleicht sogar der Krebs oder der Zynismus oder die Aggressivität, die Ängste und Schulgefühle und so weiter. Und so wurde und wird halt das behandelt, was die Schulmedizin feststellt. Das ist ganz „einfach“: „Passen“ die Symptome, sind sie „wiederholbar“, „ergeben“ sie in ihrer Summe eine „Krankheit“, dann wird diese nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft behandelt. Ironie des Ganzen aus einem Zitat: „Die Wissenschaft von heute ist der Irrtum von morgen.“

Hauptsache Bildung: Die schwierige Abgrenzung des Burnouts zu Depressionen oder vorübergehenden Erschöpfungszuständen macht eine klare Diagnose wahrscheinlich oft schwierig. An wen sollten sich Personen, die sich betroffen fühlen, am besten wenden?

Manuela Starkmann: Ich finde es eh sehr verwirrend, dass versucht wird, diese Begriffe abzugrenzen. Nette Idee der Medizin oder Psychologie, doch sie hilft den Menschen nicht. Burnout, so eine aktuelle Definition, ist ein Erschöpfungszustand. Depression eine Niedergeschlagenheit. So, und hilft das jetzt? Fühlen sich Betroffene jetzt besser, wenn sie überlegen dürfen: bin ich eher erschöpft oder doch niedergeschlagen?

An wen sollen sich die Menschen wenden? Meine wichtigste Empfehlung: – und die ist sehr entscheidend in einer Phase, wo der Betroffene sehr suggestibel ist –

Alles was Sie hören oder lesen, trifft auf andere Menschen zu. Erkenntnisse und Studien sind nicht anhand ihres Lebens gemacht worden. Sie geben nur ein allgemeines Bild. Bitte betrachten Sie dieses von außen. Es hat grundsätzlich nichts mit Ihnen zu tun. Erlauben Sie sich, neutrale Informationen zu sammeln. Vermeiden Sie, alles als „Wahrheit“ anzunehmen.

Und wenn Sie einen Test machen, ob Sie Burnout haben oder nicht und in welcher Phase, dann gelten meine Worte ebenso. Das sogenannte „Ergebnis“ darf sie nicht noch tiefer ziehen, es ist nur ein Hinweis.

Wenden sollte sich der eventuell Betroffene an sich. Klingt komisch, meine ich aber ernst. Er sollte sich um sich kümmern, sich mehr Zeit nehmen, mehr spazieren gehen, die Gedanken ziehen lassen und die Gefühle akzeptieren.

Wenden sollte er sich auch an einen Arzt. Bitte an einen, wo er ein gutes, vertrauensvolles Gefühl hat. Jemand, der ihn als Mensch wahrnimmt, als Einheit aus Körper und Geist und Seele. Das hat überhaupt nichts mit Glauben oder Religion zu tun. Schon Plato sage:

„Der größte Irrtum unserer Tage bei der Behandlung des menschlichen Körpers besteht darin, dass Ärzte zuerst die Seele vom Körper trennen.“

Tipp: Morgen gibt es hier den dritten Teil unseres großen Experteninterview mit Manuela Starkmann, in dem es um die Umstände und Ursachen eines Burnout geht.

Coaching-Expertin Manuela Starkmann

Manuela Starkmann

Experte für Guiding
und Coaching

Schwerpunkte: Burnoutvorbeugung, LebensZEITmanagement und Guiding, Vertriebscoaching und Bewusstseinserweiterung.

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