Hauptsache Bildung hat im Rahmen der Themenwoche Burnout einen Rettungsdienst-Mitarbeiter für ein Interview gewinnen können, der selbst massiv unter dem Burnout-Syndrom leidet. Das Redaktionsteam von Hauptsache Bildung bittet um Verständnis, dass der betreffende Rettungsassistent anonym bleiben möchte, da er Angst hat, seinen Job durch diese Stellungnahme zu gefährden.Der Name des Interviewpartners wurde von der Redaktion geändert und sein Arbeitgeber wird nicht genannt.

Der Rettungsassistent der sich zu diesem Interview bereit erklärt hat und der nachfolgend von der Redaktion Maik Droste genannt wird, ist 43 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder im Alter von 12 und 18 Jahren. Er ist mittlerweile seit über 21 Jahren in einem hessischen Rettungsdienst tätig.

Hauptsache Bildung:
Herr Droste, wir danken Ihnen für die Bereitschaft zu diesem Interview. Seit wann sind Sie denn im Rettungsdienst beschäftigt und wie fanden Sie zu diesem Beruf?

Maik Droste (Rettungsassistent):
Ich bin 1991 als Zivildienstleistender zum Rettungsdienst gekommen. Vorher hatte ich mein Abitur gemacht und wollte gerade mit einem Sozialpädagogik-Studium beginnen.

Hauptsache Bildung:
Warum sind Sie nach dem Zivildienst im Rettungsdienst geblieben?

Maik Droste (Rettungsassistent):
Ich merkte von Anfang an, dass dieser Beruf absolut mein Ding ist. Ich wollte Menschen in Notsituationen helfen, ein bisschen Action haben und paramedizinische Tätigkeiten mit einem maximalen Background professionell verrichten. Dazu hatten wir am Anfang ein tolles Team und ich freute mich riesig auf jeden einzelnen Dienst. Nach dem Zivildienst machte ich meine Prüfung zum Rettungssanitäter, bekam eine Festanstellung und nach weiteren drei Jahren machte ich die Ausbildung zum Rettungsassistent und zum Lehrrettungsassistent.

Hauptsache Bildung:
Wie fühlen Sie sich jetzt?

Maik Droste (Rettungsassistent):
Das Wort erscheint zwar mittlerweile abgedroschen aber ich fühle mich total ausgebrannt. Ich bin ständig müde und gereizt, trinke zu viel Alkohol und habe oft Depressionen. Meine Familie leidet ebenfalls unter meiner Situation, weil ich keine Lust mehr auf Freizeitaktivitäten habe und meist völlig antriebslos bin.

Hauptsache Bildung:
Wann und wie setzte diese Entwicklung denn ein?

Maik Droste (Rettungsassistent):
Ich war immer voller Enthusiasmus bei der Arbeit und wollte das Maximum für mich und die Patienten erreichen. Wenn irgendwo eine Fortbildung angeboten wurde, dann war ich dabei, denn ich hatte höchste Ansprüche an meine Arbeit und wollte immer auf dem neuesten Stand sein.
Nach einiger Zeit kam ein neuer Rettungsdienstleiter, dieser war der Meinung, dass es nicht gut für die Arbeit wäre, wenn die Mitarbeiter der einzelnen Schichtgruppen untereinander ein zu freundschaftliches Verhältnis hätten. Also wurden die Schicht-Mitarbeiter künftig bunt zusammengewürfelt, so dass am Ende bei jedem Dienst ein „Radfahrer“ des neuen Vorgesetzten anwesend war.
Als nächstes kam ein neuer Geschäftsführer, der den Rettungsdienst für den ich arbeite ohne Rücksicht auf Verluste noch effizienter gestalten wollte. Es gab weniger Geld, mehr Arbeit, längere Fahrstrecken zu anderen Standorten und neue Vorschriften in rauen Mengen.
Wir waren vorher als einer der landesweit besten Rettungsdienste bekannt, doch durch die Umstrukturierungen waren wir bald genauso gut oder schlecht wie alle anderen auch.
Mein Engagement ließ langsam aber sicher nach weil ich merkte, dass meine Kollegen, die neuerdings nur noch „Dienst nach Vorschrift“ machten, auch nicht weniger Vergünstigungen hatten wie ich.
Nach einiger Zeit merkte ich, dass ich wesentlich mehr Alkohol konsumierte als gut für mich war und dass ich starkes Herzklopfen bekam, wenn ich im Nachtdienst über den Meldeempfänger alarmiert wurde. Langsam stellten sich auch immer häufiger Depressionen und Phasen völliger Erschöpfung ein.
Auch Kindernotfälle und Todesfälle durch Suizid bereiten mir mittlerweile Schlafstörungen – obwohl mir das früher nicht sehr viel ausgemacht hat, da ich nur die fachliche Seite eines Notfalls sah.

Hauptsache Bildung:
Geht es anderen Arbeitskollegen auch so?

Maik Droste (Rettungsassistent):
Fast keinem meiner Kollegen, die über 20 Jahre im Rettungsdienst sind, geht es anders. Manchen geht es etwas besser, vielen aber noch schlechter als mir.

Hauptsache Bildung:
Warum suchen Sie sich keinen anderen Beruf?

Maik Droste (Rettungsassistent):
Als ich im Rettungsdienst angefangen habe, sagte ich jedem der es hören wollte: „Wenn mir irgendwann der Patient auf der Trage egal ist, dann werfe ich sofort das Handtuch und suche mir einen anderen Job“ – nach circa. 14 Jahren im Rettungsdienst war ich an diesem Punkt, aber ich weiß nicht in welchen Beruf ich mit meinen 43 Jahren noch wechseln soll. Also bleibe ich dabei, halte meine Dienste aus und hoffe dass ich es noch bis zur Rente schaffe und mein Häuschen abbezahlen kann.

„Ich quäle mich durch meine Dienste und hoffe, dass ich es bis zur Rente schaffe und mein Häuschen abbezahlen kann.“(Maik Droste)


Hauptsache Bildung:

Existieren denn Hilfsangebote seitens des Arbeitgebers, haben Sie schon einmal an eine Psychotherapie oder Coaching gedacht?

Maik Droste (Rettungsassistent):
Angebote zur Stressbewältigung gibt es bei uns nicht. Wir hatten mal ein SBE-Team zur Stressbearbeitung bei Einsatzkräften, doch dieses Team löste sich nach kurzer Zeit wieder auf, weil es nicht unterstützt wurde. Die Kollegen hatten zudem Angst als „Weicheier“ bezeichnet zu werden, wenn sie dieses Angebot in Anspruch nehmen.
Wenn ich eine Psychotherapie wegen Burnout mache und mein Arbeitgeber davon erfährt, dann darf ich voraussichtlich keine NEF (Notarzteinsatzfahrzeug)-Dienste mehr leisten, weil man dafür „stressresistent“ sein muss. Wenn ich nicht mehr in diesem Dienst bin, verliere ich meine Schichtzulagen – verdiene also weniger und muss mehr Stunden arbeiten.

Hauptsache Bildung:
Finden Sie in der Familie Unterstützung, reden Sie mit Ihrer Partnerin über die Situation?

Maik Droste (Rettungsassistent):
Ich will meine Familie nicht mit meinen beruflichen Problemen belasten. Meine Frau versteht nichts von Medizin und von meinen Einsätzen will ich nicht reden, weil ich weiß dass ihr dann übel wird. Sie ist zwar auch der Meinung, dass mir dieser Beruf nicht mehr gut tut aber wir haben ein Haus abzustottern und ich verdiene nicht schlecht im Rettungsdienst – wir brauchen das Geld.

Hauptsache Bildung:
Und wie geht es jetzt weiter?

Maik Droste (Rettungsassistent):
So wie bisher. Ich sehe für mich persönlich zurzeit keinen Ausweg. Also quäle ich mich weiter durch meine Dienste und halte meinen Zustand aus.

Hauptsache Bildung:
Wir bedanken uns für Ihre offenen Worte. Vielleicht finden Sie in unserer Themenwoche ein paar nützliche Anregungen um Ihre Situation zu verbessern.

Maik Droste (Rettungsassistent):
Da habe ich kaum Hoffnung aber ich werde die Themenwoche aufmerksam verfolgen.

Bildnachweise:
Header: @istockphoto.com/BrandyTaylor
Kleines Foto:  @Redaktion/Privat

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