Sieben Fragen an den Wirtschaftsethiker und Journalisten Jan Thomas Otte 

Unternehmen müssen sich dem Thema Burnoutvorbeugung stellen. Die verantwortlichen Arbeitgeber sollten sich um die Gesundheit ihres „Humankapitals“ ernsthaft Sorgen machen. Und viele haben bereits in irgendeiner Form reagiert. Doch gilt es eben nicht nur das ein oder andere Freizeitangebot zu bieten oder mehr Obstschälchen aufzustellen. Weitere Bausteine sind für eine gesunde, ausgeglichene und produktive Belegschaft notwendig.

Das Stärken und Vermitteln einer „gesunden“, nach außen und innen gelebten Unternehmensphilosophie und -kultur spielt ebenso eine, wenn nicht sogar die entscheidende Rolle, um langfristig Mitarbeiter vor psychischer Überlastung zu schützen.

Wir sprachen deswegen mit Jan Thomas Otte über Unternehmen, Werte und das große Thema Burnoutvorbeugung. Als Wirtschaftsethiker berichtet er in Reportagen über den Alltag von Unternehmen, berät einzelne Führungskräfte in ihrer Organisation und forscht nebenher für sein Doktorarbeit. Thema? Was ethisches Verhalten motiviet. Und warum dieses häufig scheitert. Mit dieser Trias aus Journalismus, Beratung und Forschung will Jan Thomas Otte bestehende Glaubenssätze hinterfragen, neue Blickwinkel schaffen. Einige davon finden sich im Onlinemagazin „Karriere-Einsichten„, welches er mit einem Team von Autoren leitet.

Wirtschaftsethiker und Journalist Jan Thomas Otte

Frage #1: Unsere Gesellschaft wird immer mehr zur Leistungsgesellschaft. Nach dem Prinzip „Schneller, Höher, Weiter“ gerät jeder Einzelne zunehmend unter Druck.  Fördert nicht genau diese gesellschaftliche Wertevermittlung die Burnoutgefahr?

Jan Thomas Otte: Ja. In der Tat klagen immer mehr Menschen über fordernde Chefs, ein rauer werdendes Betriebsklima. Vor allem in Konzernen ist mir dieses Phänomen auf meinen Recherchen begegnet. Aber auch in Kliniken, Pflegeheimen und anderen karitativen Einrichtungen. Einige Abteilungen haben wirklich zu wenig Personal. Andere finden kaum ausreichend motivierte Mitarbeiter, um das stressige Alltagsgeschäft zu bewältigen.

Frage #2: Stichwort Fachkräftemangel bzw. demografischer Wandel. Müsste die deutsche Wirtschaft nicht eigentlich ein besonderes Interesse daran haben, ihre (wenigen) Mitarbeiter gut zu behandeln?

Jan Thomas Otte:  Da ist was dran. Aber noch ist dieses Thema, auch „war for talents“ genannt, für die breite Masse an Unternehmen nicht akut genug. Nehmen wir stark spezialisierte Betriebe in Forschung und Entwicklung einmal aus. Noch finden Manager genügend Mitarbeiter, um ihre Jobs zu erledigen. Die Wirtschaft denkt insgesamt eher kurzfristig. Die Prognosen für 2020, 2030 haben da noch zu keinem wirklichen Umdenken in den Köpfen der Entscheider geführt.

Burnout verursacht Milliardenschaden für unsere Volkswirtschaft

 

Frage #3: Sollte nicht jeder Unternehmensführung daran gelegen sein, frühzeitig Warnzeichen zu erkennen und dem Ausfall von Mitarbeitern durch Burnout oder anderen Depressionserkrankungen entgegenzusteuern?

Jan Thomas Otte: Auch in diesem Punkt gebe ich Ihnen völlig Recht! Theoretisch ist das noch ein frommer Wunsch. Praktisch betrachtet aber ein Wunsch, der immer mehr eine breite Basis findet. Irgendwann geht nichts mehr. Und wenn es mehreren Mitarbeitern so geht, dass sie durch Krankheit längere Zeit ausfallen, ist dies nicht nur blöd fürs einzelne Unternehmen, sondern auch ein Milliardenschaden für unsere Volkswirtschaft, geringere Steuereinnahmen, höhere Ausgaben der Krankenkassen. Was tun? Vielleicht eine E-Mail-Sperre am Wochenende einbauen, wie es die Deutsche Telekom gerade probiert.

Frage #4: Gerade in den Bereichen, in dem die Unternehmenskultur eine wichtige Rolle spielt, wirken sich Fehlorganisationen und falsche Wertevermittlung oft auf die Leistungen der Mitarbeiter aus. Was zeichnet Ihrer Ansicht nach eine gute Unternehmenskultur, die erschöpfte Mitarbeiter frühzeitig erkennt und dementsprechend handelt, aus?

Jan Thomas Otte: Geht es nur ums Fordern der Mitarbeiter, also um Motivation allein durch Druck? Ist Lob lediglich nicht ausgesprochenes Meckern? Oder geht es auch ums Fördern, um Motivation durch konkrete und konstruktiv gemeinte Tipps? Wird Lob auch bei kleinen Fortschritten ausgesprochen? Wenn letzte Kultur überwiegt, habe ich bei meinen Recherchen fröhlichere Mitarbeiter getroffen, die auch in stressigen Jobs noch belastbar sind. In begrenztem Rahmen natürlich. Auch die Postbotin oder Putzfrau, die ich bei ihren Arbeiten mal begleitet habe, braucht wie jeder andere Mensch 6 Stunden Schlaf pro Nacht.

Frage #5: Führungskräfte sind als Schlüsselfigur in der Verantwortung, Wertschätzung ist bestimmt ein wichtiges Thema. Wie kann so etwas im Unternehmensalltag in der Praxis aussehen?

Jan Thomas Otte: Wertschätzung hängt am Ende des Tages in Unternehmen immer vom klar erkennbaren Mehrwert ab, Werte wie Respekt und Integrität kommen meist danach. Das kann ich dann persönlich gut oder schlecht finden. Wenn Sie mich als religiösen, christlich geprägten Menschen fragen: Für mich ist jeder Mensch wertvoll, da ich fest daran glaube, dass Gott jeden Menschen liebt, völlig unabhängig von seiner Leistung, der Performance. Als Manager dagegen wird es schwieriger. Vielleicht hilft es, Mitarbeiter auch qualitativ zu bewerten. Ein Beispiel: Den Call-Center-Agenten nicht nur quantitativ zu bewerten, wie viele Anrufe er pro Tag in welcher Zeitspanne mit welchem Ergebnis abgewickelt hat. Sondern auch die Frage zu beantworten, wie er zu diesem Ergebnis gekommen ist bzw. warum seine Leistungen permanent schlechter werden. Vielleicht wegen Burnout?

Nicht einfach mit Werten werben

 

Frage #6: Kann man sagen, dass Werte die Grundlagen eines modernen Managements und einer gelungenen Führung sein sollten?

Jan Thomas Otte: Werte sind nicht gleich Werte. Sie können gut oder schlecht sein. Werte werden, wie schon eben gesagt, von Managern eher monetär gesehen. Mit Werten werben nicht nur Wirtschaftsethiker oder die Genossenschaftsbanken, welche ein nachhaltiges Verständnis davon haben. Auch Investment-Banker sprechen gerne und viel von Werten, vor allem dem Shareholder-Value. Allein der zählt häufig, auch wenn er am Ende des Tages durch eine einzige Spekulation wie bei der UBS vernichtet wird.

Frage #7: Wie können Unternehmen eigene Unternehmenswerte für sich definieren? Wie können dabei die individuellen Werte der Mitarbeiter erfolgreich berücksichtig bzw. miteingebracht werden?

Jan Thomas Otte: Sie haben die Antwort gleich mitgeliefert. Ich bin schon öfters auf meinen Recherchen im Foyer, im Besprechungs- oder Chefzimmer diesen 10-Punkte-Plänen begegnet. Sie alle haben bisher das gemeinsam: Sie sehen gut aus, sind schön gerahmt, aber werden doch kaum von den Mitarbeitern als Ganzes umgesetzt. Was hilft, wäre ein offener, ernst gemeinter Dialog zwischen Betriebsräten, Gewerkschaften und externen Vermittlern. Da kann am Ende des Tages sogar stehen, dass die Mitarbeiter etwas mehr arbeiten müssen. Dann aber zu anderen Konditionen, z.B. flexibleren Arbeitszeiten und viel mehr Wertschätzung.

Wir danken Jan Thomas Otte für das Interview!

 

 

 

Jan Thomas Otte ist Chefredakteur des Online-Magazins „Karriere-Einsichten“ . Dort finden sich in die Tiefe gehende Reportagen, aktuelle Berichte und weitere spannende Interviews zum Thema: Werte im Berufsleben.

 

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