Das Wort Plagiat ist seit mehr als einem Jahr wieder in aller Munde. Bertolt Brecht hat es getan, auch Karl-Theodor zu Guttenberg und Veronika Saß. Sie haben plagiiert, also Textstellen anderer übernommen und diese nicht oder nicht ausreichend gekennzeichnet. Die Dreigroschenoper wurde umgeschrieben, zu Guttenberg ist zurückgetreten und hat wie die Tochter von Edmund Stoiber seine Doktorwürde verloren. Womit wir beim Thema wären. Würde.

Würde ich wissen, dass dieser nun geschriebene Text in großen Teilen schon anderswo geschrieben wurde, würde ich vorsätzlich plagiieren und mich der Urheberrechtsverletzung nach §13 des UrhG schuldig machen. Ein solcher Vorsatz spielt bei dem Vorwurf des Plagiats allerdings keine Rolle, denn auch jede unbewusste Entlehnung ist ein Plagiat. Die Wahrscheinlichkeit, sich dem Vorwurf eines Plagiats aussetzen müssen, steigt exponentiell mit dem Wachstum der Textmenge. Und die hat mit dem Internet zweifellos zugenommen. Aber bleiben wir bei dem Wort Würde.

Der würdevolle Doktorgrad wird unter anderem verliehen, weil die schriftliche Dissertation als selbständige wissenschaftliche Leistung gilt. Es liegt auf der Hand, dass der Titel seine Würde verliert, wenn sich immer häufiger Mr Copy und Mrs Paste paaren und das aufwändige Verfahren der thematischen Durchdringung eines Themas abkürzen. Wer ein Thema mit dem Ziel des Doktortitels ernsthaft wissenschaftlich bearbeitet, der kann kaum nebenher ein Bundestagsmandat ausüben oder über den ganzen Zeitraum einen Full-Time-Job ausüben. Weil aber in kaum einen anderen Land wie Deutschland dieser Titel Karrieren befördert, ist die Versuchung groß, das Verfahren abzukürzen. Sind die Ehrlichen also heute die Dummen?

Ganz so einfach ist es dann auch nicht. Die Zahl der Dissertationen ist in den letzten Jahrzehnten gestiegen, der Druck für Hochschulen immens geworden, entsprechende Output-Zahlen vorzulegen. Viele Doktoranden arbeiten als wissenschaftliche Mitarbeiter an den Hochschulen, müssen für wenig Geld nebenher Lehraufgaben übernehmen und sind damit maßlos überfordert. Unter diesem Druck ist die Schlamperei bei Zitaten und Belegen auch ein hausgemachtes Problem. Schon jetzt fordern viele Experten, dass die Rahmenbedingungen für Promotionen neu formuliert werden müssen. Die Promotionsordnungen sind an vielen Hochschulen von vorgestern.

Ein weiterer Punkt, der meines Erachtens eine immer größere Rolle spielen wird, ist die Standardisierung von Prüfungen. Abitur und Hochschulstudium verkommen immer mehr zu Abfrageprüfungen, die Wikipedia und Co. zum Nabel wissenschaftlicher Erkenntnisse machen. Die wichtige Hinführung zu Wissen bleibt damit zunehmend auf der Strecke, so dass schnelle Nachschlagewerke nicht nur hilfreich sind, sondern auch das Bewusstsein für Forschungsdiskussionen verunklaren. Die mangelnde Sorgfalt in der wissenschaftlichen Bearbeitung ist vorprogrammiert, wenn am Ende nur das Ergebnis zählt. Warum soll ich mir Tausende von Seiten durchlesen, wenn ich durch verkürzte Darstellungen viel schneller zum Ergebnis kommen kann? Ergebnisse werden so nicht mehr mitgedacht sondern einfach übernommen.

Plagiate gab es in der Wissenschaftsgeschichte schon immer. Wenn ich hier von einer neuen Plage in der Wissenschaft spreche, dann meine ich damit insbesondere die zunehmend oberflächlichere Bearbeitung wissenschaftlicher Themen sowie die neuen Herausforderungen, die das Internet stellt. Die Versuchung, zu betrügen, wird größer, je mehr man die Studieninhalte komprimiert, je weniger Zeit man den Studenten in ihrem Studium gibt. Freie und gute Forschung setzt Unabhängigkeit und Zeit voraus. Immer weniger Studenten verfügen über diese Voraussetzungen.

 

 

 

 

 

VN:F [1.9.22_1171]
Diesen Artikel bewerten
Rating: 0.0/10 (0 votes cast)