Was ist die  Hochschulreife wert, wenn viele Schüler als Studenten an der Uni scheitern? Wie reif ist man wirklich? Vor allem in Mathematik wird offenbar nicht das notwendige Grundlagenwissen vermittelt. Ein Essay über das vermeintliche Bildungsparadoxon, auf das unser Land zusteuert.

Nach der Lektüre eines Artikels in der Onlineausgabe der FAZ („Abi, na und?“) hegte ich einen Verdacht: Bildung wird nicht mehr wert, im Endeffekt bleibt sie immer gleich viel wert. Sicherlich wollte der Autor auf das Bildungsparadoxon abzielen. Dieses lässt sich folgendermaßen formulieren: Ein Hochschulabschluss ist eine besondere Auszeichnung. Wenn aber immer mehr Bürger über einen Hochschulabschluss verfügen, wird der Abschluss in der Folge abgewertet. Denn wenn immer mehr Bürger über eine solche Auszeichnung verfügen, tut diese nicht mehr das, was sie soll: jemanden vor anderen auszeichnen. Auf den ersten Blick klingt diese, ich nenne sie einmal metrische, Denkweise einleuchtend.

Nehmen wir aber die Position unsere Bildungsministerin. Diese sagt: Wenn mehr Bürger über einen Hochschulabschluss verfügen, profitieren wir alle über diesen Zuwachs an speziellem Wissen. Dieser Gedanke ist ein anderer: Bildung wird mehr wert, weil eine Gesellschaft, die viele ihrer Bürger mit einem hohen Bildungsstand ausstattet, mehr wert ist. Sie ist produktiver und effizienter. Daher lohnt es sich, mehr Bürger an Hochschulen auszubilden, damit diese in anspruchsvollen Berufsbildern ihren Talenten nachgehen – und so der Gesellschaft und sich selbst nutzen.

Aber was ist nun mit dem Bildungsparadoxon? Ist da etwas dran? Es würde für ein Paradoxon sprechen, wenn die tatsächlichen Berufschancen über einen gewissen Zeitraum nicht mehr den vormals zugeteilten Bildungsabschlüssen entsprechen. Wenn man also trotz Jurastudium keine Garantie auf eine Stelle als Rechtsanwalt hat. Höhere Abschlüsse und gleich bleibende berufliche Perspektiven also?

Man darf nicht vergessen, dass Bildung auch einen Status verleiht. Wer einen höheren Abschluss hat, darf sich, zumindest formell, einer anderen Schicht der Gesellschaft zugehörig fühlen. Wer von der Hochschule kommt, darf sich Akademiker nennen. Nun besitzt die Gesellschaft aber noch andere Mechanismen, um sozialen Status zuzuschreiben. So kann man seinen Status über Beziehungen oder auch über nicht-akademische Leistungen beträchtlich erhöhen. Wenn es also stimmt, dass wir in einer Zeit Leben, in der paradoxerweise Bildung immer weniger wert ist, oder zumindest nicht im Wert steigt, dann werden andere Funktionen der Gesellschaft wichtig.

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