Lehrerin vor SchulklasseDie Kultusministerkonferenz (KMK) hat in diesem Monat beschlossen, das Abitur in ganz Deutschland stärker zu vereinheitlichen. Ab dem Schuljahr 2016/2017 soll durch einen erarbeiteten Aufgabenpool ein gemeinsames Abitur entstehen, bei dem jedoch nicht jeder deutsche Abiturient die gleiche Aufgabenstellung bearbeiten muss. Lediglich der Anspruch der Aufgaben soll möglichst identisch sein.
Der KMK-Präsident Ties Rabe bekräftigt diese Forderung: „Es ist kein Zentralabitur“!

Zuerst sollen Aufgaben für die Fächer Mathematik, Deutsch, Englisch und Französisch entwickelt werden. Anschließend folgen die Naturwissenschaften. Geistes- und Sozialwissenschaften sowie Kunst und Musik werden hingegen mit keinem Wort erwähnt.

Welche Vor- und welche Nachteile bringt dieser Beschluss mit sich?

Vorteile

  • Die Vergleichbarkeit zwischen den Schülern und den einzelnen Bundesländern nimmt zu, da es keine Bundesländer mehr geben kann, in denen das Abitur „schwerer“ ist.
  • Dies führt zu einer Gleichwertigkeit des Abiturs in ganz Deutschland. Bislang müssen Schüler je nach Bundesland ihren Abiturdurchschnitt bei der Bewerbung um einen Studienplatz an das andere Land anpassen und korrigieren. (+/- 0,2 Punkte)
  • Das einheitliche Niveau des Abiturs erhöht die Mobilitätsmöglichkeiten und macht den Wechsel zwischen Bundesländern leichter.
  • Die Schüler in ganz Deutschland haben in etwa die gleichen Chancen auf ein Abitur mit einer entsprechenden Leistung. Es gibt also keine Nachteile in der Abiturprüfung durch das Bundesland, in dem man zur Schule geht.
  • Die Vereinheitlichung kann auch als Teil einer Qualitätssicherung angesehen werden, die bundesweit kontrolliert und festgelegt ist und weder von Schule zu Schule, noch von Land zu Land schwankt.
  • Die Aufgaben werden wahrscheinlich weniger konkret ausfallen können, da nicht von exakt den gleichen Inhalten (z.B. Lektüren) ausgegangen werden kann. Die Aufgaben orientieren sich daher eher an Kompetenzen und Bildungsstandards als an den Lehrplänen.

Insgesamt verbindet die KMK laut Ties Rabe mit der Reform die Hoffnung „keine Leistungs- und Anspruchsunterschiede mehr“.

Nachteile

  • Der exakt gleiche Anspruch an die Abituraufgaben macht es notwendig, eine Orientierungsinstanz festzulegen. Werden die Aufgaben so schwer wie in Bayern oder doch eher leichter, wie es in Stadtstaaten und NRW angeblich der Fall ist? Wer entscheidet dies und prüft die Aufgaben danach? Möglicherweise ist eine Antwort darauf schwer und es könnten zudem einige Bundesländer durch diese Festlegung benachteiligt werden.
  • Wie bereits unter Vorteilen verbucht, sind konkretere Aufgabenstellungen kaum noch möglich, sondern es findet eine Orientierung an Kompetenzen statt. Fraglich ist, ob dies tatsächlich erwünscht ist. Lehrer können ihre Schüler wesentlich besser auf konkrete Aufgabenstellungen vorbereiten und auch die Klausuren vor der Abiturprüfung beziehen sich in der Regel immer exakt auf die gelehrten Inhalte (z.B. bestimmte Lektüre). Selbst wenn es nicht bundesweit die gleichen Aufgaben geben soll, bestimmen die Inhalte, die tatsächlich bearbeitet wurden doch sehr genau die Wahl der Aufgaben aus dem Aufgabenpool und somit wird nur wenig vereinheitlicht.
  • Es ist zudem fraglich, ob es tatsächlich möglich ist, einen so großen Aufgabenpool zu erstellen, in dem alle Aufgaben etwa gleich schwer sind. Nur wenn diese Bedingung tatsächlich erfüllt werden kann, ist die Vergleichbarkeit und Gleichwertigkeit auch gesichert. Schwankt das Niveau hingegen, können Lehrer eine strategische Auswahl der Klausuren vornehmen, um etwa einen guten Schnitt der eigenen Gruppe zu ermöglichen oder Defizite der Klasse zu vertuschen.

Die Nachteile des bundesweit vergleichbaren Abiturs liegen demnach vor allem auf der Umsetzungsseite der Reform. Gegen den Anspruch von Vergleichbarkeit, Mobilität und Gleichwertigkeit wird nichts geäußert, sondern es wird hinterfragt, ob diese Ansprüche auch wirklich erreichbar und machbar sind.

In welchem Kontext ist die Entscheidung der KMK zu sehen?

Das Reformvorhaben kann als ein Teil der Diskussion um das Kooperationsverbot in Deutschland angesehen werden. Bislang ist Bildung reine Ländersache, aber es werden immer mehr kritische Stimmen laut, die eine mögliche Kooperation unter den Ländern und vor allem zwischen Bund und Ländern fordern.

Außerdem fördert die Einführung eines gemeinsamen Abiturs auch die Umsetzung der nationalen Bildungsstandards, die ebenfalls eine Vergleichbarkeit anstreben und Mindestansprüche für die deutsche Schulbildung darstellen.

Wie ist das Reformvorhaben zu bewerten?

Allgemein muss jeder die Debatte selbst beurteilen. Die oben angeführten Vor- und Nachteile können eine Orientierung dazu bieten. Deutlich wird sicherlich, dass die Idee als positiv anzusehen ist, die Umsetzung jedoch als noch nicht ganz ausgereift bzw. fragwürdig. Dieser Umsetzungsaspekt ist jedoch bei den meisten bildungspolitischen Vorhaben das Problem (siehe Inklusion, Gemeinschaftsschule etc.). Wenn es so einfach wäre, diese Vorstellungen umzusetzen, gehörten sie sicherlich schon zum Alltag an deutschen Schulen.

Meiner Ansicht nach, ist das bundesweit vergleichbare Abitur eine unbedingt notwendige Reformidee, wobei ich mich frage, warum dies, bis auf kleinere Umsetzungslücken, nicht schon immer so ist. Drei Kritikpunkte bzw. Nachfragen möchte ich hierzu noch in den Raum stellen:

1.) Gibt es wirklich einen Beleg dafür, dass die Abituraufgaben in Bayern und Baden-Württemberg schwerer sind, als in NRW und Hamburg? Liegt das unterschiedliche Niveau nicht eher daran, dass man in Süddeutschland verpflichtend mehr Naturwissenschaften wählen muss und dies für Schüler häufig Problemfächer sind? Außerdem ist die Anzahl der geprüften Fächer deutschlandweit nicht einheitlich. Diese Aspekte sind auf jeden Fall zu bearbeiten, aber dass wirklich auch die einzelne Aufgabe schwieriger ist, ist zu bezweifeln. Wer könnte überhaupt eindeutig bestimmen, welche der Aufgaben nun schwerer oder leichter ist. Selbst bei ein und derselben Aufgabe, ist die Einschätzung bei Schülern dazu ja bekannterweise sehr unterschiedlich.

2.) Ebenso ist zu hinterfragen, ob es möglich ist, mehrere hundert oder tausend Aufgaben zu erstellen, die tatsächlich gleich schwer sind. Auch hier ist die Frage, wer entscheidet dies und ist es nicht nur eine gute Idee, die aber nicht umsetzbar ist.

3.) Als letzten Kritikpunkt gegenüber dem Reformvorhaben, ist es notwendig, nochmals auf die geplanten Fächer zu schauen. Die Aufgaben sollen für Mathematik, Deutsch, Englisch, Französisch, Biologie, Physik und Chemie entwickelt werden. Es wird tatsächlich nicht einmal erwähnt, dass hiermit die Sozialwissenschaften etwa völlig aus den Prüfungsfächern fallen. Dies hat nicht unbedingt allein etwas mit der Einführung eines bundesweit vergleichbaren Abiturs zu tun, sondern ist generell Teil der Schulentwicklung heute, aber trotzdem sollte die Frage gestellt werden, warum diese Fächer nicht mehr zu den Abiturfächern gehören (in NRW haben sie das bislang beispielsweise getan). Ebenso fehlen Kunst und Musik in der Liste. Sind national vergleichbare Aufgaben in diesen Fächern nicht möglich oder werden sie allgemein als nicht gleichwertig mit den anderen Fächern betrachtet? Wenn die neue Entscheidung der KMK die Begrenzung von ästhetischer, politisch-historischer und philosophischer Bildung an den Schulen begünstigt, wäre diese Reform trotz der guten Idee, meiner Ansicht nach abzulehnen.

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