WortzumFreitag

Auch in NRW muss Bildung vor der eigenen Haustür anfangen. Heißt konkret: In Geographie, auch Erdkunde genannt, sollen die Schüler nicht nur über die Rheinischen Kohlebergwerke Wissen erwerben, sondern auch über die westfälische – und natürlich die lippische – Geschichte. Jetzt wurde bemängelt, das Bild Westfalens in den Schulbüchern sei katastrophal verfälscht.

Reiner Burger von der FAZ hat just gestern einen Artikel veröffentlicht, bei dem es um die Benachteiligung Westfalens in den Schulbüchern des Landes NRW geht. Nordrhein-Westfalen trägt die Spaltung ja bereits im Namen. Zum einen gibt es die Rheinländer, in Städten wohnend, die mit Kohle ihre Plattenbauten heizen und die der (gemeine) Westfale abfällig als Menschen aus dem „Pott“ bezeichnet. Zum anderen gibt es die Westfalen, auf dem Land lebend, pferdezüchtend und durch Solarstrom und Windenergie energetisch versorgt, von den Rheinländern als wortkarg und spießig bezeichnet.

Dr. Wolfgang Kirsch, Direktor des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL), hat es sich zur Aufgabe gemacht, dieses vorurteilsbehaftete Bild zu zerstören. Durch eine allzu einseitige Darstellung in Lehrbüchern (wer würde dem Thema schon mehrere Seiten widmen?) würde bei den Schülern der Eindruck entstehen, als „wenn es bei uns keine Industrie gäbe und wir alle noch mit der Kiepe auf dem Rücken herumlaufen.“  Eine Schulbuchstudie hat den Direktor auf dieses Problem aufmerksam gemacht. Wie Burger berichtet wird Westfalen-Lippe als Agrarland und als Freizeit- und Tourismusregion wahrgenommen. Tatsächlich aber soll es in Westfalen-Lippe nicht nur mehr Betriebe geben, sondern auch die Stromproduktion hat in ganz NRW hier ihren größten Anteil.

Dass die westfälischen und lippischen Schüler nichts über ihre Heimatregion erfahren, liegt vielleicht auch im Desinteresse der Schüler begründet. Die Schulbücher tragen jedoch angeblich ihren Teil dazu bei. So wundert es nicht, dass sich seit Jahren der sogenannte Bielefeld-Mythos hält. Immer wieder trifft man auf Leute, die behaupten, Bielefeld gäbe es gar nicht. Diese Stadt, mitten in Westfalen-Lippe gelegen, sei das Produkt einer Verschwörung. Studenten der Universität Bielefeld haben bereits einen Film über diese lokalkulturelle Problematik gedreht. Vielleicht um zu zeigen, dass sie auch das Recht haben, als Westfalen anerkannt zu werden. Wer schon einmal in Bielefeld war, weiß, dass es diese Stadt, trotz ihrer grauenhaften Verkehrsführung, gibt – oder vielleicht gerade deswegen.

LWL-Direktor Kirsch hat nun unserer Schulministerin 350 Änderungsvorschläge zukommen lassen und plädiert dafür, dass Westfalen und Lippe zutreffend dargestellt werden, sodass in den Schulbüchern des Landes die Region Westfalen-Lippe einen gebührenden Platz bekommt. Das Wissen um die lokalspezifische Erdkunde soll also verbessert werden. Der Verfechter des Westfalentums wurde nicht müde, vor kurzen in Münster die Großartigkeit der westlichen „Falen“ anzupreisen: „Wir Westfalen spielen in Deutschland den besten Fußball, wir haben hier das leckerste Pils und die dichtende Droste Hülshoff, die es sogar auf den Geldschein geschafft hat. Zusammengefasst, wir hier in Westfalen sind die Größten!“

Lokalpatriotismus ist also auch außerhalb des üblichen Fußballmetiers anzutreffen. Nur eine Frage steht noch im Raum: Ist es nicht ein geographischer Fauxpas sich als Ostwestfale zu bezeichnen?

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