Was aus studentischer Perspektive gegen ein Fernstudium spricht.

Für viele Erststudierende ist die Wahl des Studiums eine schwere Entscheidung. Dennoch wird meistens erst gar nicht über ein Fernstudium nachgedacht. Diese Studiengänge werden hingegen eher zu Weiterbildungszwecken genutzt. Warum genau ist das so? Welche Vorteile werden in Präsenzstudiengängen gesehen?

1. Soziale Aspekte

Gerade Schüler und junge Erwachsene kurz nach der Schule suchen im Studium eine Art Weiterführung der vorherigen Institution. In der Universität gibt es zwar lediglich Kurse und nicht zu selten überfüllte Vorlesungen oder ähnliches, aber dennoch besteht so etwas wie eine soziale Gruppe, die man mehrmals die Woche trifft und zwar nicht nur über das Internet. Der Austausch ist hoch und es entstehen häufig neue Freundschaften. In Fernstudiengängen besteht dieser Aspekt seltener und trotz der heutigen medialen Möglichkeiten eben auf eine andere Art und Weise.

Hinzu kommt, dass auch das Umziehen in eine andere Stadt für das Studium für viele Erststudierende bzw. Schulabsolventen ein wichtiger Bestandteil des Studiums ist. Es ist sozusagen auch ein Schritt zum Erwachsenwerden inklusive des Auszugs von zu Hause, des Wohnens in einer WG oder erstmals mit dem Partner zusammen. Ein Fernstudium macht diesen Schritt gewissermaßen überflüssig. Natürlich spricht theoretisch nichts dagegen, trotz der Möglichkeit aus dem Elternhaus heraus zu studieren, von dort auszuziehen, aber die Notwendigkeit ist  nicht da und wird mit einem Fernstudiengang nicht verbunden

2. Fächerangebot

Das Fächerangebot an staatlichen Hochschulen, die in der Regel Präsenzstudiengänge anbieten, ist zwar gerade durch den Bologna-Prozess immer vielfältiger geworden, aber dennoch ist es oftmals beschränkt auf wenige Fächer mit kleineren Unterschieden in den Schwerpunkten. Die Fächer sind insgesamt relativ breit angelegt, sodass man beispielsweise Philosophie, Wirtschaftswissenschaften oder Maschinenbau studiert. An Fernuniversitäten ist die Fächerauswahl wesentlich differenzierter und kleinmaschiger, was bereits eine stärkere Fokussierung voraussetzt, über die sich die jüngeren Studierenden noch gar nicht sicher sind. So muss man sich beispielsweise schon von Beginn an für Logistikmanagement oder Wirtschaftspsychologie einschreiben – eine Vertiefung, die an den staatlichen Hochschulen in der Regel erst mit dem Master einsetzt.

Diese größere Differenzierung und Spezialisierung, die zu einer Überforderung bezüglich der Entscheidung für ein Fach führen kann, wird andererseits wieder dadurch angeglichen, dass bestimmte Studienfächer an Fernuniversitäten stark unterrepräsentiert sind. Geistes- und Sozialwissenschaften fallen häufig aus dem Angebot heraus, während viele wirtschaftliche oder administrative Studiengänge angeboten werden. Die Einschränkung der Fächer widerspricht den Studienvorstellungen vieler Studenten, die eben Philosophie, Pädagogik, Soziologie, Germanistik oder ähnliches studieren möchten.

3. Anerkennung und Seriosität

Falls das Angebot nun aber doch in die Vorstellungen passt und auch die sozialen Aspekte nicht als Nachteil angesehen werden, wird es heikel, wenn es um die Anerkennung der Fernstudiengänge geht. Die Präsenzhochschule, die staatlich anerkannt ist, wird auch als sicherer Weg angesehen. Ein Bachelor oder Master an einer Fernuniversität (außer der Fernuniversität Hagen) hingegen birgt die Unsicherheit der Anerkennung und Seriosität. Zwar gibt es Qualitätsstandards und man kann sich über den Ruf der Fernuniversität informieren sowie über das Ansehen bei Firmen, aber dennoch wirkt die Fernuniversität nicht gleichermaßen anerkannt – möglicherweise auch, weil sie noch nicht derart etabliert ist, wie die teilweise Jahrhunderte alten staatlichen Universitäten. Unterstützt wird dies zusätzlich dadurch, dass auch Kurse angeboten werden, wie Kindererziehung oder Astrologische Psychologie, wie sie an keiner Präsenzhochschule angeboten werden würden. Gerade Studieninteressierte, die sich zum ersten Mal für einen beruflichen Bildungsgang entscheiden, werden hierdurch verunsichert. Diese Argumente treffen allerdings teilweise auch auf private Hochschulen zu, auch wenn sie keine Fernstudiengänge anbieten. Die staatliche Anerkennung ist gewissermaßen das Entscheidende.

4. Kosten

Neben den nun genannten Aspekten spielen sicherlich auch die Kosten für ein Fernstudium eine Rolle. Das Studium ist in der Regel deutlich teurer als ein Studium an der staatlichen Hochschule. Man muss allerdings bedenken, dass Materialien in der Regel inbegriffen sind und die Kosten nicht noch wesentlich höher werden. Die Kosten für ein Präsenzstudium – auch ohne Studiengebühren – kann man diesbezüglich nur sehr schwer einschätzen. Trotzdem wirken die recht hohen Summen abschreckend gerade auf jüngere Studieninteressierte. Des Weiteren stellen sich die Anbieter von Fernstudiengängen, da sie in der Regel privat organisiert sind, auch eher als ein Unternehmen dar, das profitorientiert arbeitet. Die staatlichen Hochschulen hingegen geben sich als Teil des Sozialstaates. Selbstverständlich gibt es aber auch zahlreiche private Hochschulen, die bezüglich der Kosten und der unternehmerischen Darstellung ebenfalls möglicherweise abschreckend wirken, obwohl sie keine Fernuniversitäten sind. Die Kosten bleiben aber dennoch auch bei Fernstudiengängen ein wichtiger Faktor.

5. Mögliche Berufswege

Wenn man das Fächerangebot und die Abschlüsse an Fernuniversitäten betrachtet, wird schnell klar, dass es diesen Instituten in der Regel um berufliche Bildung geht. Ähnlich wie Berufsausbildungen bereiten sie auf relativ konkrete Tätigkeiten vor. An Präsenzuniversitäten ist das Angebot häufig anders und eher wissenschaftlich orientiert. Zwar sind Fachhochschulen oder private Hochschulen ebenfalls stärker am Berufsweg orientiert und auch der Bologna-Prozess führt dazu, dass dieser Aspekt an staatlichen Hoschschulen verstärkt wird, aber dennoch hat die Universität einen klaren Wissenschafts- und Forschungsanspruch. Damit verbunden ist auch die Möglichkeit, einen akademischen Werdegang einzuschlagen, sich promovieren zu lassen oder zu habilitieren. Diese Möglichkeit ist an Fernuniversitäten (außer Hagen) bislang nicht gegeben und stellt eine weitere Einschränkung der dort bestehenden Möglichkeiten dar.

Fernstudium – Für das erste Studium nach der Schule uninteressant?

Die ausgeführten Vorteile der Präsenzuniversität überwiegen sicherlich bei den meisten jüngeren Studieninteressierten. Selbst die Vorteile eines Fernstudiums, wie die extreme Flexibilität, die Möglichkeit, von zu Hause zu studieren und die großartigen technischen Möglichkeiten können diesen Aspekten jedenfalls in der Altersgruppe 18-25 Jahre nichts entgegenbringen. Für die Weiterbildung hingegen oder Studienwünsche neben einer Berufstätigkeit bietet das Fernstudium enorme Vorteile gegenüber „herkömmlichen“ Universitäten. Fraglich ist, ob Fernuniversitäten eben auch die jüngeren Studieninteressierten erreichen wollen und wenn ja, wie sie sich ändern könnten, um dies zu schaffen. Bislang sind Fernstudiengänge jedoch nicht an den Bedürfnissen der Schulabgänger orientiert.

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