Die Bundesministerin für Bildung und Forschung Frau Prof. Dr. Annette Schavan eröffnet heute in Lübeck die Veranstaltung „Stadt der Wissenschaft 2012“. Hanse trifft Humboldt lautete der griffige Slogan, mit dem die Stadt den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft überzeugt hatte. Während die Hanse mit ihren Kontoren und internationalen Kontakten im Spätmittelalter wirtschaftliche Vernetzungen entscheidend ausweitete, war es Friedrich Wilhelm Christian Carl Ferdinand von Humboldt im 18. und 19.Jahrhundert, den viele als den Vordenker unseres heutigen Bildungssystem bezeichnen.

Grund genug, einmal über den Bildungsstandort Deutschland und den Bildungs- und Wissenschaftsstand im Lande auch im internationalen Vergleich nachzudenken.

PISA und Allgemeinbildung

Bildung ist Ländersache. In Deutschland heißt das, dass 16 Bundesländer für die Bildungspolitik zuständig sind. Ständig neue Schulreformen bei häufig wechselnden Landesregierungen machen Lehrern, Schülern und auch Eltern das Schulleben mitunter sehr schwer. Angestoßen von den PISA-Studien jagte in den letzten Jahren eine Reform die andere. Viele fühlen sich heute von den endlosen Debatten ermüdet. Schulleiter klagen über den kaum mehr zu bewältigenden Verwaltungsaufwand, der mit den veränderten Novellen einhergeht. Lehrer erleben den Schulalltag zunehmend als stressig. Und kritische Schüler und Eltern hinterfragen immer häufiger das Notensystem. Auf dem Weg zum Abitur und im Hinblick auf den Numerus Clausus, der für viele wichtige Studiengänge gilt, ist der Wettbewerb um den entsprechenden Notendurchschnitt härter geworden. Das Abitur selektiert noch immer, wenngleich im Vergleich zu den 50er- und 60er- Jahren des vergangenen Jahrhunderts heute weitaus mehr junge Menschen die Fachhochschulreife und Hochschulreife erlangen. Mit Ausnahme des Bundeslandes Rheinland-Pfalz werden von den Bundesländern jährlich Vorgaben für das Zentralabitur erarbeitet. Im Sinne von Wilhelm von Humboldt gelten diese Vorgaben als Standardsicherung der Allgemeinbildung. Was ist schlecht an diesem Anspruch?

Abitur und Universität

Die Frage, die heute immer wieder von unterschiedlicher Seite gestellt wird, ist, ob sich mit der sprunghaften Zunahme der Abiturientenzahlen über die letzten Jahrzehnte die Qualität der Bildung verschlechtert habe. Zugleich sehen wir mit den Hochschulen Entwicklungen, die eine immer stärkere Spezialisierung in den einzelnen Studiengängen erfordern und sich vom einmal gelernten Allgemeinwissen wieder entfernen. Ist die deutsche Bildungskultur also eine Art Nadelöhr, durch das einmal alle Ehrgeizigen müssen, damit sie sich danach endlich frei nach ihren Talenten und Neigungen spezialisieren können? Diese Frage wirkt sich natürlich auf die Frage nach dem Sinn des Abiturs aus. Das dort erlernte Allgemeinwissen ist in den Studiengängen plötzlich kaum mehr gefragt, nicht mehr nutzbar und damit für viele wertlos. Im Rückblick schauen viele Studenten heute ärgerlich auf das Abitur zurück. Wir haben heute eine pragmatisch denkende Generation von Jungen, die lernt, Bildung auf Verwertbarkeit zu  reduzieren.

Das föderale Bildungssystem und sein internationales Prestige

Der heute vor allem auch international geprägte Bildungs- und Wissenschaftsstand ist vom selektiven Leistungsprinzip durchdrungen. Fachartikel erscheinen in den meisten akademischen Disziplinen in englischer Sprache. Wer da nicht mitkommt, bleibt stecken. Und auch wirtschaftliche Interessen erhalten nun stärkeren Einzug an den Universitäten. Elitehochschulen und Exzellenzinitiativen entfernen sich vom Humboldtschen Ideal, weil die Einheit von Forschung und Lehre schon länger nicht mehr Alltag an deutschen Hochschulen ist. Man kann die Entwicklung auf einen kurzen Nenner bringen: Während die Lehre Geld kostet, bringt die Forschung Geld ein. Das Ergebnis sind von Studenten geleitete Tutorien, die die Lehrpflicht des Dozenten und Professor bereits weitestgehend ersetzen. Wie die Koggen der Hanse stechen Spitzenwissenschaftler kurz nach ihrer akademischen Ausbildung in See und landen in den Vereinigten Staaten oder anderswo, um gutes Geld zu verdienen. Wir vergessen dabei leicht, dass auch sie Repräsentanten eines deutschen Bildungssystems sind, die durch das Nadelöhr Abitur mussten und heute auf dieser Grundlage eine internationale Karriere hinlegen. Das föderale Bildungssystem in Deutschland kann also so schlecht nicht sein, wenn wir Jahr für Jahr Spitzenakademiker an international renommierte Universitäten abgeben müssen. Deshalb ist es gut und notwendig, wenn wir unseren Anspruch auf Allgemeinbildung nicht aufgeben. Föderal ausgerichtete Initiativen wie die des Deutschen Stifterverbandes Deutsche Wissenschaften helfen, Menschen zur Bildung zu mobilisieren. Wir dürfen nur nicht die wissenschaftliche Spezialisierung gegen die Allgemeinbildung ausspielen.

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