Ich gebe es nur ungern zu, aber letzte Woche war ich zum ersten Mal in meinem Leben bei einem Psychiater. Der Grund war ein unbeschreibliches Desinteresse an meinen Mitmenschen. Als ich mit gesenktem Haupt vor dem Spezialisten saß, wusste ich erst gar nicht, wie ich meine selbst diagnostizierte Verhaltensstörung in Worte fassen sollte; vielleicht war es doch nicht so schlimm wie ich dachte. Eine der wenigen Fragen, die mir der Psychiater stellte, war folgende: „Fokussiert sich Ihr angebliches Desinteresse auf eine bestimmte Gruppe von Menschen oder korreliert Ihr Verhalten eher mit äußeren Umständen oder Kommunikationswegen?“

„Ganz klar mit Kommunikationswegen“, gab ich zur Antwort; „genauer gesagt eigentlich nur auf Twitter.“ Er runzelte die Stirn, in einer Art wie es nur Psychologen, Psychiater und Philosophen nach jahrzehntelanger Übung beherrschen, und hakte nach: „Was genau interessiert Sie denn an den Tweets Ihrer Mitmenschen nicht, warum nehmen Sie diese Personen nicht einfach aus Ihrer Timeline?“ Ich schluchzte: „Weil fast jeder solche Tweets schreibt und wenn ich alle, die es machen rauswerfe, dann habe ich bald kein Netzwerk mehr und ein wichtiger Social-Media-Kanal hat seinen Sinn für mich verloren!“

„Was meinen Sie denn mit „solche Tweets“?“ fragte mich der Psychiater mit einer Stimme, die selbst einen Amokläufer besänftigt hätte. Jetzt sprudelten auf einmal die ganzen angestauten Probleme aus mir heraus: „In gefühlt jedem dritten Tweet informieren diese Zwitscherer darüber, wo Sie sich gerade aufhalten. Da kommen am laufenden Band Infos wie: I´m @Steigenberger Hotel Ffm w /8 others; I´m @Opernball Munich w /7657 others; I´m @Messe Mailand w /5 others.“ Der Psychiater nickte verständnisvoll. Mittlerweile schrie ich: „Und ich? Soll ich vielleicht jede Stunde schreiben „I´m @ homeoffice w /2 Dogs oder „I´m @Toilette w /0 others – Stuhlgang normal?“

Weinend legte ich meinen Kopf auf die dunkle Eichenholzplatte des überdimensional großen Psychiaterschreibtisches und hauchte erschöpft: „Das hat bei mir dazu geführt, dass ich mich darauf spezialisiert habe, diese Tweets zu überlesen – ja ich sehe sie teilweise noch nicht einmal mehr“. Der Psychiater sagte: „Aber das ist doch eine hervorragende Lösung und hat auch gar nichts mit einem Desinteresse an den jeweiligen Personen zu tun!“ Kleinlaut gab ich zu, dass mir diese Tweets eigentlich schon immer völlig egal waren und ich noch nicht einmal neidisch bin, sondern eher froh, dass ich für meinen Beruf nicht durch Weltgeschichte reisen muss – die Motivation hinter solchen Kurznachrichten jedoch einfach nicht verstehe.

„Man muss nicht alles verstehen“, sagte der Psychiater lachend. „Manche Menschen haben durch die Omnipräsenz der mobilen Endgeräte eben das Bedürfnis bekommen, sich immer und überall mitzuteilen“. Der Verhaltensspezialist hatte mich soweit beruhigt, dass ich sogar meine Absicht aufgab, mein gutes altes Nokia 6210 durch ein iPhone zu ersetzen, nur um die große weite Welt darauf hinzuweisen, in welchem Planquadrat ich mich gerade aufhalte. Meine diesbezüglichen Tweets wären auf Dauer ohnehin langweilig und würden sich größtenteils auf: „I´m @ homeoffice w /family oder I´m @ Spessart-nature gottlob/alone“ beschränken.

In diesem Sinne: Man muss nicht jeden Standortwechsel einer breiten Öffentlichkeit mitteilen – es ist aber auch nicht schlimm wenn man es doch tut, sollte dabei nur in Betracht ziehen, dass es eventuell niemanden interessiert. 😉

bildnachweis@istockphoto.com/michaeljung

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