WortzumFreitagNeulich am Hauptbahnhof. Eine Mutter geht mit zwei quengelnden Kindern durch die Bahnhofspassage, sucht nach dem Ticketschalter für die bevorstehende Bahnfahrt, während ein großer Bohrer weiter hinten einen ohrenbetäubenden Lärm auslöst.

Es ist heiß, und die unterschiedlichsten Gerüche in der Vorhalle des Bahnhofs tun ihr Übriges zu der Situation. Die Frau löst innerhalb von fünf Minuten keines der Probleme, die sie hat. Sie kann den Bohrer nicht abstellen. Sie kann die Kinder nicht beruhigen. Und sie kann vor allem die Tickets für die Bahnfahrt nicht lösen und verzweifelt am Automaten. Die Frau hat gleich noch eine wichtige Präsentation, die sie für einen Neukunden vorbereitet hat. In einem kurzen Gespräch im Zug unterhalten wir uns kurz noch über die Probleme mit den Fahrkartenschaltern der Deutschen Bahn. Ihre Kinder quengeln noch immer und werden gleich der Tante zugeführt, die an der nächsten Station schon wartet. Ich steige aus, wünsche der Frau noch viel Glück und schüttele doch den Kopf.

Stress und die Angst vor dem Versagen

Die eigene Unfertigkeit in einer automatisierten Gesellschaft, in der noch immer Menschen und keine Roboter leben, macht uns das Leben heute nicht einfach. Während wir auf der einen Seite durch technische Innovationen die angenehmen Seiten des Fortschritts erleben dürfen, scheitern wir auf der anderen Seite an unseren Vorstellungen und Erwartungen, genauso perfekt sein zu müssen. Der Leistungsdruck, die Herausforderungen des Alltags zu bewältigen, zugleich noch eine beruflich blitzsaubere Karriere hinzulegen und auch noch eine Familie zu führen, steigt mit den Jahren und führt Menschen immer wieder ins Burnout.

Sie fühlen sich leer, resigniert, einsam, erschöpft und hilflos. Sie spüren kaum mehr Energie in ihrem Leben. Alles scheint an ihnen zu reißen. Die Angst vor dem Versagen lähmt sie genauso wie das Eingeständnis, schon längst versagt zu haben. Denn im Prinzip scheitern und versagen wir alle täglich auf die eine oder andere Weise. Diese Frau steht für den Wahnsinn des stressigen Alltags, in unterschiedlichen Situationen stetig Handlungslösungen für unterschiedliche Probleme parat zu haben. Schnell und reibungslos.

Was machen wir mit uns selber?

Es liegt auf der Hand, dass die wirklichen Probleme in unseren Köpfen sind. Wir sehen jeden Tag in den Medien und in der Werbung, wie etwas perfekt aussehen soll. Wir übertragen diese Vorstellungen auf unseren Alltag und vertauschen dabei Illusion mit Wirklichkeit. Wir glauben, niemand zu sein, wenn wir nicht funktionieren, wie die Gesellschaft es will. Aber wer ist eigentlich die Gesellschaft? Wir sind dabei die Gesellschaft, jeder zu einem kleinen Teil. Die Falle, in die wir tappen, ist hausgemacht. Menschen, die an einem Burnout-Syndrom leiden, müssen nach und nach wieder an den Alltag herangeführt werden, aber zunächst einmal die Langsamkeit wiederentdecken. Nicht selten wissen sie danach aber besser, ihre Kräfte einzusetzen.

Der junge Mensch, der noch voller Energie steckt, möchte dagegen die Geschwindigkeit und die Prozesse steigern, damit die eigene Leistungsbilanz zufriedenstellend ausfällt. Unsere Gesellschaft lebt mit diesem Widerspruch unterschiedlicher Geschwindigkeiten. Statt zu akzeptieren, dass jeder sein eigenes Tempo hat, versuchen wir ein leistungsbezogenes Ideal aufrechtzuerhalten, das immer mehr Aufgabenfülle für jeden einzelnen vorsieht. Das kann nicht gut gehen. Am Ende wird nämlich der volkswirtschaftliche Schaden größer als der Nutzen sein. Die Ursachen von Burnout hat der moderne Mensch selbst verschuldet. Er allein kann sie abstellen.

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Leistungsdruck und Karrierezwang oder wo steckt eigentlich die Ursache von Burnout? Was machen wir mit uns selbst?, 10.0 out of 10 based on 2 ratings