Die Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände will die Bildung in MINT-Fächern fördern, um Deutschlands Wirtschaftskraft dauerhaft zu sicher zu stellen.

Im Positionspapier „Bildung schafft Zukunft 2012“ der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA) werden aktuelle Trends und Kritikpunkte am deutschen Bildungswesen geäußert. Diese Ausführungen beziehen sich jeweils auf frühkindliche, schulische, hochschulische und berufliche Bildung und beinhalten vor allem auch Forderungen an die jeweiligen Bereiche für die Zukunft. Konkrete Ziele werden zunächst bis 2015 gesetzt.

Neben einigen allgemeinen Forderungen, die klar aus Sicht der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes entwickelt sind (siehe Artikel „Bildungspolitik in der Kritik“), geht der BDA auch speziell auf die Bedeutung der MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) ein. Dieser Fokus ist durch eine eigene Initiative begründet, dich gerade diese Fächer ausbauen will, um den Fachkräftebedarf zu decken.

Die Initiative „MINT Zukunft schaffen“

Innerhalb Deutschlands existieren mittlerweile zahlreiche Verbände und Organisationen, die sich für die Förderung von MINT-Fächern einsetzen. Dies bezieht sich auf sämtliche Bereiche des Bildungssystems. Im Jahr 2008 haben der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sowie der BDA die Initiative ins Leben gerufen und seitdem wurde sie stetig ausgebaut. Teil der Initiative sind eine Website (www.mintzukunftschaffen.de), MINT-Botschafter in Schulen, die für entsprechende Berufe und Studiengänge werben sowie das Evaluationssystem MINT-Meter zur Analyse der deutschen MINT-Angebote.
Im Zuge dieser Initiative fordert der BDA konkrete Veränderungen im Bildungssystem, die unter anderem in ihrem Positionspapier entwickelt werden.

MINT in den einzelnen Bildungsbereichen

Konkrete Forderungen des Positionspapiers zeigen: MINT soll schon in der frühkindlichen Bildung für alle beginnen und schließlich bis zum Hochschulstudium konsequent ausgebaut werden. „In jeder Kindertageseinrichtung müssen der erste Umgang mit Zahlen, Größen, Formen, Mengen und Relationen und das erste forschende Experimentieren gegeben sein.“ (BDA, S. 13)

Dieser Anspruch führt auch zu einer Veränderung der Erzieherausbildung in Deutschland, denn wenn die MINT-Förderung angemessen in die frühkindliche Bildung einfließen soll, müssen die Erzieher im Vorschulbereich dafür ausgebildet werden. Hierzu ist die Ausbildung in diesem Bereich umzustellen und ggf. die Qualifikation insgesamt durch die Verlagerung an die Fachhochschulen zu erhöhen.

Ebenso sollen die MINT-Fächer in deutschen Schulen von allen Schülern durchgehend belegt werden müssen. Des Weiteren fordert der BDA einen Anstieg der PISA-Punkte bis 2015 von 513 bzw. 520 Punkten im Jahr 2009 auf 540 Punkte sowohl in Mathematik als auch im Kompetenzbereich Naturwissenschaften.

Für die Hochschule wird ferner gefordert, den Anteil der MINT-Studenten anzuheben und weitere Studienplätze in diesem Fächerspektrum zu schaffen. Teilweise soll dies durch das Mehr an Förderung im frühkindlichen und schulischen Bereich erreicht werden. Innerhalb der MINT-Fächer soll außerdem die Frauenquote auf 40% erhöht und die Studienabbruchquote insgesamt gesenkt werden. Nur auf diese Weise kann der Fachkräftebedarf dauerhaft gedeckt werden.

Ziele der Förderung von MINT-Fächern

Wie bereits mehrfach angeklungen ist, geht es dem BDA und dem BDI in ihrer Initiative sowie in dem Positionspapier „Bildung schafft Zukunft“ insbesondere um den Fachkräftemangel und -bedarf in Deutschland. Die Wirtschaftskraft des Standortes liegt im Fokus der Betrachtungen sowohl bezüglich der allgemeinen Forderungen als auch bezogen auf die MINT-Fächer.
In diesen Fächern wird die Zukunft Deutschlands gesehen sowie die Möglichkeit, dauerhaft genügend Arbeitnehmer zu haben, aber auch die Arbeitslosenquote zu senken, da dann nicht mehr am Arbeitnehmerbedarf vorbei „produziert“ wird. Dies trifft auch auf die Akademikerarbeitslosigkeit zu.
Die MINT-Fächer entsprechen insgesamt genau dem, was der Arbeitsmarkt benötigt und sollen deswegen im gesamten Bildungssystem gefördert werden.

Problematische Aspekte der MINT-Förderung

Bei diesen ganzen Forderungen bezüglich der MINT-Fächer könnte man fast vergessen, dass es ebenso noch andere Studiengänge, Ausbildungen und Fächer gibt. Das Positionspapier legt den Schwerpunkt so stark auf dieses Spektrum, dass man sich fragen muss, was mit den anderen Fächern eigentlich geschieht. Soll die Förderung der MINT-Fächer in Konkurrenz zu den Geisteswissenschaften, Sozialwissenschaften, künstlerischen Fächern und Sprachen stattfinden? Oder wurden diese Aspekte nur nicht erwähnt? Gerade die Sprachförderung, die noch vor nicht allzu langer Zeit einen wesentlich Fokus in der Bildungsdebatte ausmachte scheint hier weitgehend vergessen. Sprachliche Bildung ist gewissermaßen der Schlüssel dazu, sich auch MINT-Bildung anzueignen (Textverständnis, internationale Fachliteratur etc.).
Fraglich ist auch, ob es überhaupt legitim ist, den Arbeitsmarktnutzen der einzelnen Fächer so stark in den Vordergrund zu stellen und bereits Schüler dahingehend beraten, wenn man sich gar nicht sicher sein kann, in welche Richtung sich der deutsche Arbeitsmarkt in den nächsten Jahren entwickeln wird. Eine Dienstleistungsgesellschaft bzw. eine internationale Gesellschaft benötigt ebenso wie MINT-Absolventen auch Fachkräfte der anderen genannten Bereiche. Allein die Tatsache, dass heute Arbeitnehmer in den MINT-Bereichen fehlen, legitimiert noch keine Bevorzugung dieser Fächer oder eine stärkere Förderung als in allen anderen Fächern.

Lobby-Arbeit?

Sicherlich ist eine Förderung insgesamt in diesem Bereich nicht abzulehnen, allein um die Möglichkeiten der Schüler bei ihrer Berufswahl zu erhöhen und ggf. naturwissenschaftliche oder technische Talente zu entdecken, aber eine so drastische Förderung widerspricht einer individuellen Förderung der Kinder.
Die Lobby der MINT-Berufe macht es jedoch möglich, derartige Forderungen zu stellen und auch die Politik dabei mitzureißen. Man sollte sich aber nur einmal vorstellen, dass sich Philosophen oder bildende Künstler dafür einsetzen, dass ihre Fächer in der Schule von allen Kindern durchgehend belegt werden müssen. Man würde diese Forderungen belächeln. Bei den MINT-Fächern wird dies jedoch ernst genommen, da das Argument der Wirtschaftskraft des Standortes Deutschland zieht und Politiker sowie verunsicherte Eltern und Schüler überzeugt.

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