Als Vater von zwei Kindern komme ich naturgemäß oft mit anderen Vätern und Müttern zusammen. Dabei habe ich festgestellt, dass es für Eltern in Bezug auf ihre Kinder zunächst einmal drei „heiße“ Phasen gibt – ob diese Phasen allerdings von den Kindern als „heiß“ empfunden werden liegt meist bei den Eltern. Die erste Phase fällt ungefähr in den Mittelpunkt der Kindergarten-Jahre, die zweite Phase betrifft die Einschulung und die dritte Phase den Übertritt in eine weiterführende Schule.

Von den meisten Eltern in meinem Umfeld, deren Sprösslinge sich in einer dieser Phasen befinden, werde ich oft derart zugetextet, dass ich mir mittlerweile einen guten Überblick über die Probleme und Fantasien, die Erziehungsberechtigte in diesen Zeiten plagen, verschaffen konnte.

Phase I – Im Kindergarten

Yvonne H. und Michael M. unterhalten sich über ihre Kinder. Frau H. sagt: „Der Malte-Karl kann übrigens schon einen Handstand und Purzelbäume. Ist dein Klaus-Rüdiger auch schon so weit?“ Völlig geschockt muss Herr M. feststellen, dass sein Herzchen gerade mal die Treppe runtergehen kann ohne hinzufallen. Er bespricht das umgehend mit seiner Frau und diese rennt schnurstracks zum Kinderarzt, der sie wiederum postwendend zum Physiotherapeuten schickt. Heutzutage ein völlig normales Szenario. Ich habe mir einmal den Spaß gemacht, die Ergebnisse weiterer Eltern-Gespräche zu notieren und auszuwerten – hier das Ergebnis:

  • 69%: Die Feinmotorik bzw. Grobmotorik meines Kindes ist nicht altersgerecht. Es muss deshalb zur Physiotherapie.
  • 30%: Mein Kind ist körperlich schon weit überdurchschnittlich entwickelt.
  • 1%: Mein Kind ist völlig normal entwickelt.

Phase II – Die Einschulung

Sascha P. fragt Jaqueline A.: „Ist euer Kind ein „Kann-Kind“ oder ein „Muss-Kind“? Darauf Jaqueline: „Also die Birte-Martha ist eigentlich ein „Muss-Kind“ aber der Kinderarzt meint, sie wäre noch nicht ganz so weit und ein weiteres Jahr Kindergarten würde ihr gut tun. Deswegen lassen wir jetzt ein psychologisches Gutachten machen.“. Sascha eilt hoffnungsvoll zu seiner Frau und sagt, dass es für ihren kleinen Laif-Eric doch noch eine Chance gibt, die ihn vor der völlig verfrühten Einschulung retten kann – die Frau besorgt sich umgehend einen Termin beim Kinderarzt und dieser einen Termin beim Kinderpsychologen. Hier meine persönlichen Umfrageergebnisse zu diesem Szenario:

  • 15%: Mein Kind müsste eigentlich eingeschult werden, wir lassen jedoch ein psychologisches Gutachten machen, weil es definitiv noch nicht schulreif ist.
  • 50%: Unser Kind ist ein „Kann-Kind“, wir lassen es aber auf jeden Fall einschulen, denn im Kindergarten ist es total unterfordert.
  • 34%: Unser Kind gilt als hochbegabt und kann wahrscheinlich die erste Klasse überspringen.
  • 1%: Wir haben ein ganz normales Kind.

Phase III – Der Übertritt

Mandy S. im Gespräch mit Klaus B.: „Na, in welche Schule wechselt eure Maria-Celine nach der vierten Klasse? Unser Eric-Odin hat sich dank täglicher Nachhilfe für das Gymnasium qualifiziert – stimmt es eigentlich, das Maria-Celine Legasthenie hat?“ Darauf Klaus B.: „Also die Maria-Celine hat schon Legasthenie aber im Test reicht es nicht ganz für die Diagnose, sonst könnte sie auch aufs Gymnasium – aber mit einem Fünfer in Deutsch haben ihr diese bescheuerten Ärzte den Weg verbaut!“ Dazu meine ganz persönlichen Umfragewerte:

  • 18%: Unser Kind leidet unter Legasthenie/Dyskalkulie. Die Ärzte diagnostizieren es aber nicht.
  • 27%: Unser Kind muss in die Hauptschule – aber daran sind allein die Lehrer schuld.
  • 38%: Unser Kind geht aufs Gymnasium – muss aber künftig auf fast alle Freizeitaktivitäten verzichten, weil es enorm viel dafür tun muss.
  • 16%: Unser Kind hat ADS/ADHS und kann ohne medikamentöse Einstellung dem Unterricht nur schwer folgen.
  • 1%: Wir haben ein normal begabtes, gesundes Kind und warten einfach ab, welche Schulform am besten seinen Fähigkeiten entspricht.

Und die Moral von der Geschicht`

Normale Kinder gibt es nicht? Auf jeden Fall gibt es die! Die meisten Eltern wollen aber keine „normalen“ Kinder, viele Ärzte ebenfalls nicht und die Pharmaindustrie schon mal gar nicht. Selbstverständlich gibt es Kinder die unter ADHS leiden und Hilfe brauchen. Legasthenie und Dyskalkulie gibt es ebenfalls – aber sind wirklich derart viele Kinder davon betroffen oder sind es oft nur die individuellen Schwächen und Stärken der Kleinen? Als ich noch Motorrad fuhr, hatte ich den berüchtigten 1%-Aufnäher auf der Kutte – vielleicht sollte sich das eine Prozent der Eltern, die ihrer Ansicht nach „normale“ Kinder haben, ebenfalls mit einer solchen Plakette schmücken. Dann wüsste ich persönlich schon einmal, dass bei diesen Exoten eine reelle Chance auf eine fruchtbare Konversation besteht.

By the way: Ich habe zwei „normale“ Kinder und bin absolut glücklich mit diesem Umstand.

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Nicht repräsentative Studie: Es gibt nur noch 1% „normale“ Kinder, 7.0 out of 10 based on 2 ratings