Noch immer fehlen 42 000 staatlich anerkannte Erzieherinnen und Erzieher in Kitas und Co. – sagt die Bertelsmann Stiftung. Und nächstes Jahr beginnt der Rechtsanspruch für die Betreuung der unter Dreijährigen.

Betrachtet man die Situation der Kitas genauer, fehlt es an mehreren Punkten. Zum einen arbeiten fast zwei Drittel der Erzieherinnen in Teilzeit. Ein Ausbau der Teilzeitstellen wäre demnach eine gute Lösung – so die Bertelsmann Stiftung. Zum zweiten müssen sich in Zukunft mehr Anreize für eine Vollbeschäftigung ergeben. Das Bundesfamilienministerium äußerte sich bzgl. einer Umwandlung von Teilzeit- in Vollzeitarbeitsplätze so: „Es bedarf aber noch großer Anstrengungen von allen Seiten, um im nächsten Jahr eine ausreichende Zahl an Betreuungsplätzen sowie Erzieherinnen und Erziehern zur Verfügung zu stellen.“ Vorschläge dazu werden derzeit in einer vom Ministerium eingesetzten Arbeitsgruppe geprüft.

Neben der Aufstockung von Teilzeitstellen und der Umstellung von Teil- auf Vollzeit, gibt es noch eine dritte Möglichkeit, den Notstand zu beheben: die Behebung des Fachkräftemangels. Durch die Ausbildung oder Umschulung weiteren Personals könnten die Betreuungsengpässe behoben werden. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft warnt jedoch davor, diese Lücke mit ungelernten Kräften zu füllen. Eine Umschulung benötigt Zeit und muss den nötigen Qualifizierungsstandards für pädagogisch ausgebildetes Personal entsprechen. Jedoch beginnt ab nächstem Jahr bereits der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz. Es scheint also, als haben die Bundesregierung sowie die Regierungen der Länder zu spät auf diesen Missstand reagiert.

Frankfurter Projekt schult Arbeitslose zu Erziehern um

So sieht es auch Renate Fein, Projektleiterin von Werkstatt Frankfurt e.V. Der Verein bereitet seit 2009 qualifizierte Arbeitslose für die Umschulung als Erzieherinnen und Erzieher vor. Von 140 Teilnehmer/-innen, die im Pilotprojekt 2009 und im Folgeprojekt 2011 mit Praktika und Vorbereitungskursen in Frankfurt begannen, haben mittlerweile über 100 Teilnehmer/-innen das Studium für Sozialpädagogik abgeschlossen. Der Unterricht fand an drei Tagen in der Woche statt, die verbleibenden Tage wurde in den Kinderbetreuungseinrichtungen gearbeitet.

Auf die Frage, ob es zu wenig Qualifikationsmöglichkeiten oder Qualifizierte gibt, antwortet Frau Fein: „In Frankfurt sind wir meines Erachtens mit der Ausweitung der Qualifizierungsmöglichkeiten weit voran geschritten. Die Fachschule für Sozialpädagogik in den Beruflichen Schulen Berta Jourdan hat ihr Angebot an Schulplätzen verdoppelt und bildet zurzeit in 11 parallelen Klassen Erzieher und Erzieherinnen aus. Im Rahmen unseres gemeinsamen Projektes entstanden neue Angebote auch für Bewerber/ -innen aus anderen Berufen oder für Personen, die vorher arbeitslos waren. Dem liegt die Einschätzung zugrunde, dass aus den Jahrgängen der Schulabgänger nicht genügend Jugendliche für den Beruf zu gewinnen sind, so dass der Fachkräftebedarf gedeckt werden könnte. Die Schulen sollten sich auch erwachsenen Bewerbern gegenüber öffnen.“

Mehr Männer in Kitas

Bei den erwachsenen Bewerbern sind es, entgegen der klassischen Berufsbeschreibung, vor allem die männlichen Erzieher, die derzeit gesucht werden. Pädagogisch wird schon lange die Forderung nach einer Stärkung der männlichen Bezugspersonen für Kinder im Vorschulalter gestellt. Nun unterstützt das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend mit seiner Initiative „Quereinsteigerprogramm – Männer in Kitas“, welche Bundesländer beim Schaffen von Qualifizierungsmöglichkeiten für Quereinsteiger unterstützt. Vor allem für Männer mit Berufserfahrung sollen Möglichkeiten in diesem Bereich geschaffen werden. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) finanziert hierbei geeignete Qualifizierungen für arbeitslose, interessierte Männer, hält Informationen bereit und berät Interessenten.

Da die Vorgaben zu Dauer und Aufnahmevoraussetzungen der Ausbildung zum Erzieher in den Bundesländern unterschiedlich sind, wird es vermutlich keine bundeseinheitliche Lösung, sondern eher spezifische Wege geben. Frau Fein fasst die Situation so zusammen: „Es gibt meines Erachtens sehr viele Bewerber/innen – auch männliche -, die an der Ausbildung interessiert sind. Aber viele Fachschulen bieten nicht genügend Studienplätze oder beziehen sich auf einen stark eingeschränkten Bewerberkreis.“

Erfahrungsvielfalt macht Kitas bunt

Umschulungen für Quereinsteiger jeglichen Geschlechts sind durchaus eine Option. „Hierbei kann ich auf unsere sehr positiven Erfahrungen verweisen“, sagt die Projektleiterin aus Frankfurt. „Warum soll eine Einzelhandelskauffrau oder Verkäuferin nicht Erzieherin werden? Wichtig ist, sie melden sich aus eigenem Interesse und werden nicht auf diesen Weg gedrängt. Das ist eine anspruchsvolle Ausbildung. Die allgemeinen Voraussetzungen sind Realschulabschluss und eine Berufsausbildung bzw. mehrjährige Berufserfahrung und die Motivation sich in einem Studium von zwei Jahren und einer anschließenden fachpraktischen Ausbildung von noch einmal einem Jahr in einer Kita zu qualifizieren.“

Dabei kommt pädagogisch betrachtet den Kindern zugute, wenn die Lebensläufe der Erzieherinnen und Erzieher bereits mit anderen beruflichen und familiären Erfahrungen gefüllt sind. Denn so werden viele unterschiedliche Interessen zusammengebracht, die sich bei der Betreuung von Kindern positiv auswirken können. „In Frankfurt kommt ein großer Teil der Studenten an der Fachschule inzwischen aus anderen Berufen“, ergänzt Frau Fein. „Über unser Erzieherprojekt wurden Bürokauffrauen, Kinderkrankenschwestern, Grafikerinnen, Laborantinnen, Gärtner, Elektriker usw. in der Fachschule weiterqualifiziert. Sie bringen wertvolle Erfahrungen mit in die Kindertagesstätten, viele auch die Erfahrungen mit den eigenen Kindern.“

Eine Verkürzung der Ausbildungsdauer ist der falsche Weg

Über eine Verkürzung der Ausbildungsdauer nachzudenken, halten viele für keine gute Idee. Die Ausbildung kann und sollte nur an Fachschulen stattfinden, damit für Absolventen am Ende eine staatliche Anerkennung möglich ist. Die Arbeitsagenturen fördern jedoch nur zwei Jahre und das dritte Jahr kann in einigen Fällen vom Bundesland übernommen werden. Bisher dauert die Ausbildung jedoch vier oder fünf Jahre. Zwar können Bewerberinnen und Bewerber mit beruflichen oder schulischen Abschlüssen die Zeit auf drei Jahre verkürzen – zweijähriges Studium inklusive einjährigem Berufspraktikum, dennoch sollten auch im Bereich der Förderung Anreize bestehen. „Für das Berufspraktikum wird ein Arbeitsvertrag mit einem abgesenkten Tariflohn vereinbart, der mit den Ansprüchen auf eine staatliche Förderung (ALG) verrechnet wird“, erklärt Frau Fein. „Um erwachsenen Bewerbern die Ausbildung zu ermöglichen, ist natürlich eine finanzielle Unterstützung notwendig, das kann das Bafög sein oder eben Arbeitslosengeld. Arbeitslos gemeldete Personen können nach dem SGB einen sogenannten ‚Bildungsgutschein‘ von den Arbeitsagenturen und Jobcentern erhalten, sodass ein Minimum der Lebenshaltungskosten abgedeckt ist.“

Die Ausbildungsdauer hat ihre Berechtigung, so Frau Fein, denn „die Erzieher/ -innen haben nicht nur eine Betreuungspflicht, sie haben auch einen Bildungsauftrag den Kindern gegenüber. Auch die Diskussion über die Verkürzung des Berufspraktikums halte ich für falsch. Im Berufspraktikum können die angehenden Erzieher/ -innen das theoretische Wissen aus dem Studium in die Praxis umsetzen und lernen selbstständig und eigenverantwortlich mit den Kindern zu arbeiten. Sie tragen später die Verantwortung für eine liebevolle und qualitativ hochwertige Betreuung der Kinder. Die Eltern wünschen sich ebenfalls gut qualifiziertes Personal. In anderen Staaten Europas werden die Fachkräfte für die Kindertagesstätten an Universitäten ausgebildet.“

Bildquellen: @istockphoto/lostinbids @iStockphoto.com/targovcom

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