Einen neuen Job zu finden ist für die wenigsten unter uns eine einfache Sache. Stelle, Anforderungen und die eigenen Fähigkeiten müssen zueinander passen. Wenn dann tatsächlich potenzielle Arbeitgeber zum Bewerbungsgespräch einladen, ist die Freude groß.

Doch gerade Frauen fällt hier oft ein souveränes Auftreten schwer.
Wir sprachen deshalb mit Jobcoach Susanne Gehring über typische Verhaltensmuster von Frauen im Bewerbungsgespräch und geben mit ihr zusammen praktische Tipps, wie sich Bewerberinnen auf ihr nächstes Vorstellungsgespräch besser vorbereiten können.

Der erste Eindruck entscheidet

„Den typischen Einstiegsfehlern gibt es definitiv — aber nicht unbedingt geschlechtsspezifisch. Was ich aber bei Frauen in meinen Trainings häufig beobachte, ist eine anfängliche größere Zurückhaltung und das schlägt sich auch in der Körpersprache nieder. Gerade wenn Frauen Fingerringe tragen und ihr Händedruck zart ausfällt, signalisiert das dem Gegenüber eine Unsicherheit, die kaum noch im weiteren Gesprächsverlauf reduziert werden kann. Der erste Eindruck ist nun einmal entscheidend“, erklärt die Expertin. Frauen haben mit dieser höheren Unsicherheit — ob sie jetzt bei der Kandidatin tatsächlich gegeben ist oder nicht — ständig zu kämpfen. In verschiedenen Forschungen wurde Frauen grundsätzlich weniger zugetraut als ihren männlichen Konkurrenten — und das, obwohl die Qualifikationen gleich waren. Was können Frauen dagegen tun?

Typische Rollenbilder: Zu höflich, zu wenig aggressiv?

Für die Karriereberaterin Susanne Gehring liegt das Problem darin, dass es für Frauen sehr schwierig ist, hier einen geeigneten Mittelweg zu finden. „Es ist überraschend, aber wenn Frauen zu höflich sind, zu zurückhaltend, dann wird ihnen nichts zugetraut, man hält sie nicht für durchsetzungsfähig. Dabei ist dies noch nicht einmal unbedingt die Absicht der Frau —  Frauen tendieren nur generell dazu, erst einmal zu beobachten und herausfinden, wie das soziale Gefüge im Unternehmen ist, bevor sie reagieren. Wenn eine Bewerberin aber wiederum besonders männlich, besonders durchsetzungsstark auftreten möchte, dann führt dies bei dem Gegenüber zu einem Widerspruch: Für den Gesprächspartner erscheint das männliche Gebaren, das Übernehmen von männlichen Attributen,  nicht authentisch.“

Deswegen rät der Jobcoach ihren Klienten auch klar an der Selbstpräsentation zu arbeiten und herausfinden, wie die eigene Verhaltensart überhaupt rüberkommt. „Besonders bei Frauen bemerke ich immer wieder, dass sie durch ihre Kommunikation und durch ihre Körpersprache extreme Unsicherheit ausdrücken. Das nervöse Fassen ins Haar, das Drehen am Fingerring, dazu wird die Stimme auch noch piepsig  — daran können Bewerberinnen arbeiten. Ich analysiere mit meinen Kunden zuallererst die eigene Selbstpräsentation und gebe ihnen ganz praktische Tipps, die schnell umzusetzen sind. Und dazu gehören zum Beispiel auch einfach eine aufrechte Haltung, der optimale Einsatz von Mimik und Gestik und eine schlaue Auswahl von Werbeargumenten in eigener Sache.

Selbstsicher sich und seine Fähigkeiten präsentieren

Noch etwas ist Frau Gehring in ihrer Arbeit als Jobcoach aufgefallen: „Wenn Frauen sich zwischen zwei Qualifikationen entscheiden müssen, vielleicht die eigenen Kenntnisse aber genau dazwischen liegen, dann nehmen sie meistens die niedrigere. Soll heißen: Wenn sich Bewerberinnen entscheiden soll, ob sie jetzt gute oder vielleicht nur Grundkenntnisse einer Sprache habe, dann geben sie die Grundkenntnisse an. Männer sind da anders. Sie nehmen die höhere Qualifikation, weil es ja immer noch die Möglichkeit gibt, diese bis zur geplanten Neueinstellung nachzuholen.

Auch Frauen sollten eher in diese Richtung handeln: Also nicht nur höhere Qualifikationen angeben, sondern auch generell stärker ihre Kompetenzen unterstreichen. Wenn Spezialistenwissen gefragt ist, darf ich auch ruhig meine exakten Weiterbildungen, Schulungen etc. nennen und mein Können in den einzelnen Sparten angeben. Genauso sollten zum Beispiel Wiedereinsteigerinnen ganz klar von ihrem großen Netzwerk sprechen, wenn es um die Absicherung der Kinderbetreuung geht. Dem Arbeitgeber ist es wichtig, zu wissen, ob die Frau tatsächlich ihren Job ausführen kann. Eine gut aufgestellte Betreuung durch Kita, Großeltern und Babysitter (auch im Krankheitsfall) darf deswegen ruhig im Ganzen vorgestellt werden. So signalisiert die Bewerberin voll einsatzfähig zu sein.

Verkaufen sich Frauen unter Wert?

Das Thema Gehaltsverhandlung scheint für keinen Bewerber einfach zu sein. Doch während Männer auch gerne einfach mal hoch pokern, fordern Frauen oft viel zu wenig. „Gerade Frauen, die aus der Babypause kommen, verkaufen sich tatsächlich immer unter Wert. Sie haben Angst, dass sie ihrem Arbeitgeber aufgrund von Teilzeit oder Stundenreduzierung einfach nicht mehr genügend bieten können und sind deswegen bereit, im Gehalt einige Abstriche zu machen“, so die Expertin. Dabei geht es letztendlich nur darum auch als Frau geschickt zu verhandeln, glaubt sie: „Wenn eine Frau sich vorher klar macht, was sie verlangen kann und genau solche Verhandlungssituationen im Coaching übt, dann funktioniert das in der Praxis auch. Eine Gehaltsverhandlung ist ein Verkaufsgespräch in eigener Sache. Mit der richtigen Strategie, guten Werbeargumenten, dem richtigen Standing und vor allem auch der entsprechenden Forderung kann diese Verhandlung als Ergebnis dem Gehalt der Männer entsprechen.“

Die Wahl des Outfits ist für den Jobcoach übrigens ein sehr zweischneidiges Schwert: „Erwiesenermaßen ist es so, dass attraktivere Frauen es leichter haben überhaupt nach einer Bewerbung eingeladen zu werden, auch fällt es ihnen leichter in Kontakt mit den Personalverantwortlichen zu treten. Allerdings hört dann der Vorteil von Attraktivität auch schon wieder auf.  Die zugetraute Kompetenz ist nicht proportional zum guten Aussehen.“

Einen ganz praktischen Tipp hat Frau Gehring allerdings trotzdem: „Fühlen Sie sich wohl. Sie müssen sich natürlich der Branche angepasst kleiden, aber ob es nun ein Hosenanzug oder eine Kombination mit Rock wird, können Sie frei entscheiden. In einem Hosenanzug haben Sie z. Bsp. die Möglichkeit sich freier zu bewegen: Sie können die Beine überschlagen, ohne ungewollte  Einblicke frei zu geben. Das sind Kleinigkeiten, die aber das eigene Wohlbefinden und damit letztendlich auch das selbstsichere Auftreten beeinflussen können.“

Jobcoach Susanne Gehring

Jobcoach Susanne Gehring

Expertin für Jobcoaching

Schwerpunkte: Jobcoaching, Bewerbungstraining, Seminare und Recruiting.

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