Ein neues Projekt in NRW macht auf sich aufmerksam: Schüler sollen künftig schon in der Schule zu einem konkreten Berufsziel hingeführt werden. „Ziel ist es, ausbildungsreifen Jugendlichen möglichst rasch nach der Schule den Einstieg in eine Berufsausbildung zu ermöglichen“, sagte NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider (SPD).

Alle Jugendlichen sollen eine persönliche „Übergangsempfehlung“ erhalten, die zu dem Zeugnis nach der neunten und zehnten Klasse ausgehändigt wird. Die Lehrer geben darin ihren Schülern Anschlussperspektiven für mögliche Ausbildungen, zum Beispiel ob es eher in eine kaufmännische Richtung oder in eine gewerblich-technischen Richtung gehen sollte. Die Empfehlung gilt als richtungsweisend. Bislang war es den Schülern selbst überlassen, was für Praktika sie wählen. Nun sollen die Jugendlichen frühzeitig unterstützt werden, gezielt Praktika in dem vorgeschlagenen Bereich zu absolvieren.

Eine interessante Idee, die sich zumindest für mich immer am besten als gut oder schlecht beurteilen lässt, wenn ich sie mit meiner eigenen Schulzeit vergleichen. Die ist zwar schon eine Weile her, aber ich denke die späten 90er reichen durchaus noch als Vergleichswerte… :-)

Interesse vs. Geschenke

Tja, wie war das zurzeit als Loona und Britney Spears gerade die Charts stürmten? Wenn sich meine Erinnerung nicht völlig täuscht, suchten sich die meisten Jugendlichen sehr wohl passende, sie interessierende, Praktikumsstellen aus.

Natürlich gab es auch bei mir im Jahrgang welche, die drei Wochen in einer Baufirma hospitiert haben, weil bekannt war, dass es dort am Ende eine kleine Entlohnung gibt. Genauso gab es Schüler (wie unter anderem ich selbst), die in Sportläden Praktikum gemacht haben, nur in der Hoffnung zum Ende ein cooles Präsent abzustauben.

Aber der tatsächlich überwiegende Teil (und darunter durchaus Jugendliche, die eventuell bei den Lehrern als schwierig galten) hat in einem Berufsfeld das Praktikum absolviert, in dem sogar einige von ihnen auch später eine Ausbildung begonnen haben. Und für diejenigen, die sich nicht nach Neigung, sondern nach Entlohnung das Praktikum ausgesucht haben, so wie ich, stand wohl zumindest am Ende fest: Nie wieder Einzelhandel! Ganz sicher! Und das ist doch auch eine Erfahrung oder nicht?

Klassenclown vs. Online-Redakteurin

Und vielleicht unterschätze ich meine Lehrer zumindest auch im Nachhinein, aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie auch nur ansatzweise einen vernünftigen Berufsvorschlag gehabt hätten. Fünfzehn- oder Sechzehnjährige Schüler sind erfahrungsgemäß nicht gerade die kooperativsten und wohl auch nicht die mitteilungsfreudigsten ihrem Lehrkörper gegenüber. Eher im Gegenteil. Ich für meinen Teil war notentechnisch zu der Zeit mehr Mittelmaß, zu aufsichtsbefugten Lehrpersonal eher „aufmüpfig“ und ging allgemein sehr in die Richtung „Klassenclown“. Was hätten mir meine Lehrer bitte für eine Berufsempfehlung gegeben? Zirkus? Fernsehen? Klapse? Man weiß es nicht.

Falls ich demnächst einmal die Gelegenheit haben sollte, meinen Klassenlehrer der zehnten Klasse zu fragen, werde ich es bestimmt tun. Und wenn er mir dann sagt: „Für mich warst du immer eine Online-Redakteurin“, dann werde ich meine nun folgende Aussage umgehend revidieren:

Branche A vs. Branche B

Ich halte es nicht für sinnvoll, dass Lehrer ihren Schülern eine Berufsempfehlung mit in das Zeugnis geben. Damit entheben sie sie der Selbstbestimmung, verwehren ihnen Erfahrungen zu sammeln (und festzustellen, dass einem etwas keinen Spaß macht ist eine sehr wichtige!) und hindern sie im schlimmsten Fall nachhaltig daran, einen möglichen Traumberuf zu ergreifen (nämlich wenn kein einziger Ausbildungsbetrieb aus Branche A sie nimmt, weil nun mal auf dem Zettel des Lehrers Branche B als Empfehlung steht…).

Also: Ein Unterstützung ausbildungsreifer Jugendlicher den richtigen Beruf für sich zu finden, sie mit Praktika und Berufsvorbereitungsangeboten fit für den Arbeitsmarkt zu machen – das ist sicher eine gute Idee. Sie durch Dritte fremdklassifizieren zu lassen aber bestimmt nicht.

VN:F [1.9.22_1171]
Diesen Artikel bewerten
Rating: 10.0/10 (1 vote cast)
Schüler bekommen Berufsempfehlung zum Zeugnis: Gut oder schlecht?, 10.0 out of 10 based on 1 rating