Wer in Deutschland in eine bildungsferne „Klasse“ hineingeboren wird, der hat es besonders schwer den sozialen Aufstieg zu schaffen, das ergab eine vom Wissenschaftszentrum Berlin durchgeführte Studie für Sozialforschung im Auftrag der Vodafone Stiftung Deutschland. Anders als in europäischen Nachbarländern oder auch Nordamerika haben Menschen in Deutschland wenige Aussichten im Laufe ihres Lebens den sozialen Aufstieg zu schaffen.

Bildungsaufstieg Grafik

Während in der Nachkriegszeit viele Menschen den sozialen Aufstieg schafften, was nicht zuletzt an der damals relativ chancengleichen Gesellschaft lag, entwickelt sich Deutschland immer mehr zu einem Land mit extrem wenig sozialer Durchlässigkeit. Heute gäbe es viel mehr soziale Abstiege als früher, erklärte der Leiter der Studie, Dr. Reinhard Pollak. Gründer hierfür sind nach Aussage des Sozialwissenschaftlers in allen Lebensphasen zu finden, die er in vier Kernthesen festhält:

Aufstiegshürde Nr. 1: Bildungs- und Erziehungsdefizite im Elternhaus blockieren Entwicklung im Kleinkindalter

Besonders die Eigenschaften, die in den ersten Lebensjahren erlernt werden, wie die sprachlichen und rechnerischen Fähigkeiten, die sozialen Kompetenzen und Selbstdisziplin, sind Grundkompetenzen, die über die weitere Entwicklung entscheiden. Die  Vermittlung dieser Kompetenzen erfolgt in Deutschland allerdings in erster Linie durch die Eltern und viele von ihnen, besonders mit sozial schwacher Herkunft, sind mit dieser Aufgabe zunehmend überfordert. Deswegen erhalten Kinder immer seltener die erforderliche Vermittlung von Grundfähigkeiten, was von vornherein zu schlechten Startchancen führt.

Aufstiegshürde Nr. 2: In der Schulzeit werden Schulwechsel blockiert

Da die Förderung durch das Elternhaus häufig fehlt und es immer noch zu wenig Nachmittagsbetreuungsangebote für Kinder aus sozial schwachen Familien gibt, wird der Leistungsunterschied zwischen Kindern mit bildungsfernen und bildungsnahen Hintergrund bereits in den ersten Schuljahren zunehmend größer. Auch die zuständigen Lehrer lassen sich in ihrer Notengebung und ihrer Schulempfehlung oft durch die soziale Herkunft beeinflussen. Schüler aus sozialschwachen Familien erhalten bei gleichen Noten viel seltener eine Empfehlung für das Gymnasium als ihre Mitschüler aus hoher sozialer Herkunft.

Aufstiegshürde Nr. 3: In der Jugend werden die Berufschancen blockiert

Gerade für Jugendliche aus bildungsfernen Familien fehlt eine gezielte Förderung der Berufschancen. Auch Jugendliche mit einem sehr guten mittleren Schulabschluss und einer Berufsausbildung streben selten ein weiterqualifizierendes Hochschulstudium an.  Die fehlenden Grundkenntnisse aus der Schulzeit können mangels Förderprogramme zu selten nachgeholt werden. Auch für Jugendliche ohne Abschluss gibt es kaum Möglichkeiten und Förderungen einen Schulabschluss nachzuholen – sie gelten als „nicht ausbildungsreif“.

Aufstiegshürde Nr. 4: Im Erwachsenenalter werden Karriereschritte blockiert

In Deutschland haben qualifizierende Bildungs- und Berufsabschlüsse immer noch eine sehr hohe Bedeutung und sind oft Voraussetzung für bestimmte Berufsfelder, die tatsächliche berufliche, praktische Qualifikation wird zu selten anerkannt. Allerdings ist das Nachholen von Abschlüssen in Deutschland besonders schwer: Es fehlen klare Regelungen und eine gezielte Förderung – finanziell wie aber auch durch ausreichende Kinderbetreuungsangebote. Denn nur wenn die Kinder in der Zeit versorgt sind, können Eltern tatsächlich eine Weiterbildung durchführen.

Die Pressemitteilung sowie die ausführliche zu dieser Studie sind www.vodafone-stiftung.de unter abrufbar.

 
Bildquelle: Vodafone Stiftung

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