Politiker, Pädagogen und Bildungsexperten streiten über mögliche Reformansätze, durch die den Schülern verbesserte Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen und gesteigerte Leistungsfähigkeit geschaffen werden sollen. Im Wirrwarr der Bildungsdebatte und in einer Situation des Wandels der Regelschulen denken immer mehr Eltern darüber nach, ihre Kinder in Alternativschulen unterzubringen.

Doch welche pädagogischen Prinzipien liegen den jeweiligen Schulformen eigentlich zugrunde? Handelt es sich dabei um sinnvolle Alternativen zur Regelpädagogik? Oder um veraltete Konzepte, die nicht halten, was sie versprechen?

Teil I: Montessori-Schulen
Die Montessori- Schule ist, neben der Waldorfschule, die in Deutschland wohl bekannteste alternative Schulform. Die erste Montessori-Einrichtung wurde vor mehr als hundert Jahren von der italienischen Reformpädagogin Maria Montessori ins Leben gerufen. Heute sind es in Deutschland vor allem Kitas und Grundschulen, die das von ihr begründete reformpädagogische Konzept anwenden. Gemäß dem Montessori Dachverband Deutschland bestehen derzeit über 400 Schulen, davon über 100 weiterführende Schulen, die entsprechend der Montessori-Pädagogik arbeiten.

„Hilf mir, es selbst zu tun“
…ist der Leitsatz der Montessori- Pädagogik. Sie gründet auf der Idee, dass jedes Kind eine natürliche Neugierde und Freude am Lernen in sich trägt. Dieses von vorneherein gegebene Interesse soll gefördert werden und die Grundlage für einen individuellen und weitgehend selbstbestimmten Lernprozess darstellen. Die Freiarbeit stellt dabei einen wichtigen Faktor dar. In Lernräumen wird den Schülern ein breites Aufgebot von Material zur Verfügung gestellt. Die Kinder bestimmen nicht nur selbst womit sie sich beschäftigen wollen, sei es Sachkunde, Mathematik oder Grammatik, sondern auch wie lange und wie intensiv sie daran arbeiten. Das Lernen kann alleine, zu zweit oder in Gruppen stattfinden – auch das hängt von der Entscheidung der einzelnen Schüler ab.

Kinder als selbstständige Persönlichkeiten
Die Lehrkräfte werden dabei als „Helfer zur Entwicklung selbständiger Persönlichkeiten“ (www.montessori.de) verstanden. Ziel ist es die Selbstständigkeit und Selbstdisziplin der Kinder zu fördern und ihnen nicht Ordnung und Lernbereitschaft „von oben“ aufzuzwingen. Noten gibt es nicht – denn die Kinder sollen die Motivation aus sich selbst schöpfen und nicht durch ein starres Belohnungs- bzw. Bestrafungssystem beeinflusst werden. Die Lehrer fungieren eher als begleitender Coach und bieten Hilfestellung, z.B. beim Umgang mit dem Arbeitsmaterial. Dabei kommt den Montessori- Pädagogen auch die Rolle des Beobachters zu. Es wird davon ausgegangen, dass Kinder „sensible Perioden“ haben, in denen sie besonders empfänglich für bestimmte Lerninhalte sind und sich ausnehmend gut auf diese konzentrieren können. In diesen Phasen, so das Konzept, muss den Schülern entsprechendes Material zur Verfügung gestellt und sie müssen besonders gefördert werden.

Maria Montessori und die kosmische Ordnung
Ein wichtiges Detail: Sowohl Montessori- als auch Waldorfpädagogik sind mit einer eigenen „Philosophie“ verbunden, die auf ihren jeweiligen Gründer zurückgeht. Maria Montessoris Idee einer kosmischen Ordnung geht aus einem christlich-religiösem Weltverständnis hervor. Verantwortungsbewusstsein und Selbständigkeit des Schülers sollen gefördert werden, damit er seine individuelle Position einnehmen und seinen Teil zum „großen Ganzen“ beitragen kann. Auch hier gilt: Dem Kind soll nichts aufgezwungen werden. Das hintergründige Welt- und Gottesbild soll den Schülern nicht aufgedrängt, sonder näher gebracht werden. In vielen deutschen Montessori- Einrichtungen spielt die Theorie über die „kosmische Erziehung“ in der Praxis keine vordergründige Rolle.

Ein Erfolgsrezept?
Manche Psychologen, Pädagogen und sogar einige Eltern alarmieren: Unsere Kinder stumpfen ab und können sich nicht mehr selbst beschäftigen. Schuld daran sollen unter anderem auch Fernseher und Videospiele sein. In den Kinderzimmern herrsche Reizüberflutung und Berieselung statt kindlicher Neugier und Aktivität. Könnte die Montessori- Pädagogik einen Ausweg aus dieser Entwicklung bieten? Hier gibt es keine Berieselung – anders als manchmal im herkömmlichen Frontalunterricht. Das Kind „konsumiert“ die Lerninhalte nicht einfach. Stattdessen ist seine Eigeninitiative gefragt, die Motivation muss aus ihm selbst herauskommen. Der natürliche Selbstantrieb und auch die Selbstdisziplin der Kinder sollen gefördert werden.

Nicht in jedem Fall eine sinnvolle Alternative
Jedoch verlangt das Konzept dem Kind auch einiges ab. Nicht jeder ist für diese Form des Lernens geschaffen. Viele Kinder können in einer Regelschule sicher besser gefördert werden. Hier werden den Kindern klarere Strukturen und Lernanweisungen vorgegeben. Sicher können viele Kinder ihr Potential besser entfalten, wenn ihnen eine stärkere strukturelle und personelle Orientierung geboten wird. Das gilt wohl insbesondere für Schüler, die Konzentrationsschwächen haben. Für diese dürfte das Konzept der selbstbestimmten Freiarbeit  in Montessori-Einrichtungen eher anstrengend und wenig förderlich sein. Letztlich hängt es von der Persönlichkeit des Kindes ab, inwieweit es sich in einer Montessori-Schule zurecht findet.

Die in diesen Schulen angewandte Pädagogik umfasst eine Vielfalt an Prinzipien, über die sich Eltern genau informieren sollten, bevor sie darüber nachdenken, ihr Kind in einer Montessori-Einrichtung unterzubringen. Außerdem spielt es eine große Rolle, wie konservativ die entsprechende Einrichtung die Grundsätze und pädagogischen Herangehensweisen in der Praxis umsetzt. Letztlich hängt es vor allem von der Einstellung der Kinder ab, ob eine Montessori- Schule eine sinnvolle Alternative für sie darstellen könnte. Wenn sie selbst die Konzepte als unproduktiv und dubios empfinden, ist es klar, dass sie von der Unterbringung in einer Montessori- Schule kaum profitieren würden.

Bildnachweis: @istockphoto/Maica; @istockphoto/targovcom

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