Nach der Definition her sind Werte jene Vorstellungen, welche in einer Gesellschaft allgemein als wünschenswert anerkannt sind und den Menschen Orientierung verleihen. So weit die Theorie. Aber was genau bedeutet das für uns Menschen, die in einer bestimmten Gesellschaft leben? Den wenigsten unter uns ist wohl tatsächlich klar, nach welchen Werten wir leben und wie sie uns Orientierung in unserm Miteinander geben. Deswegen sprachen wir genau über diese Fragen mit Dr. Boris Springer, Wertetrainer und Persönlichkeitscoach.

1. Sie sind Wertetrainer und das seit vielen Jahren – verändern sich Werte in unserer Gesellschaft eigentlich?

Dr. Springer: Da sich jeder Mensch im Laufe seines Lebens kontinuierlich weiterentwickelt, ändern sich auch seine persönlichen Werte. Und in der Summe dieser einzelnen Entwicklungen somit auch die der Gesellschaft. Beispielhaft seien hier nur die im wahrsten Wortsinne offensichtlichen Veränderungen bei Begrüßungen genannt. Junge Menschen begrüßen sich untereinander genauso herzlich und wertschätzend wie ältere Mitbürger, jedoch anders. Was bei persönlichen Kontakten zwischen diesen beiden Gruppen sowohl in der Wortwahl als auch in der Gestik manchmal erheiternd wirkt.

Wichtig sind bei den stetigen Veränderungen unserer Werte auch die äußeren Einflüsse. Das sind sowohl die durch bspw. Zuwanderer eingebrachten Verhaltens- und Denkmuster als auch die durch Medien hinein transportierten. Brauchte eine Nachricht vor einigen Jahrzehnten noch Tage für den Weg in einen anderen Kontinent, so sorgt die heutige Vernetzung für rasend schnellen Informationsaustausch.

2. Gibt es für Sie Werte, die es immer „wert“ sind, vermittelt und weitergegeben zu werden?

Dr. Springer: Für jeden Menschen wie für jede Gesellschaft gibt es Werte unterschiedlicher Gewichtung. Hierbei haben gemeinschaftliche Werte grundsätzlich Vorrang vor individuellen; schließlich lebt keiner von uns auf einer einsamen Insel. Unsere Gesellschaft kann in der jetzigen Form nur dann dauerhaft bestehen, wenn jede(r) grundlegende Werte akzeptiert, wie z.B. das Leben, Gesundheit, Glauben der anderen sowie weitere persönliche Werte, seien sie materieller oder immaterieller Natur. Dabei bedeutet Akzeptanz in jedem Fall das Hinnehmen ohne eigene Wertung.

3. Gibt es im Umkehrschluss vielleicht für Sie auch „falsche Werte“?

Dr. Springer: Eine klare Abgrenzung oder gar objektive Definition gibt es nicht für sämtliche Verhaltensweisen und Belange, die uns etwas „wert“ sind. Daher ist die Diskussion müßig, ob es überhaupt “falsche Werte” gibt oder ob sie dann in die Kategorie “Werte” fallen. In jedem Fall wäre ein vermeintlicher Wert, der die Wertevorstellungen Anderer negativ beeinflusst oder beeinträchtigt, ein “falscher Wert”.

Ohnehin verstärke ich lieber Positives, als Negatives durch Diskussionen aufzuwerten. “Falsche Werte” sind daher nie mein Thema.

4. Sind sich Menschen überhaupt den Werten, nach denen sie leben, bewusst?

Dr. Springer: Da sprechen Sie einen wichtigen Punkt an. Tatsächlich sind sich viele Menschen ihrer eigenen Werte nicht bewusst. Sie erwerben sie im Laufe des Lebens, modifizieren und ergänzen sie oder ersetzen sie sogar durch andere. Das geschieht jedoch unbewusst und unreflektiert lediglich aufgrund der eigenen Lebenserfahrung und den äußeren Einflüssen.

Beispielhaft sei der Umgang mit der Zeit genannt. Naturgemäß steht jedem genau die Spanne zwischen Geburt und Tod zur Verfügung. Einige machen daraus mehr als andere. Wenn überhaupt sind es nur Erstere, die sich ihres Zeitbudgets bewusst sind und es klug nutzen. Die Anderen besuchen Zeitmanagement-Seminare, um sich ihres – neben der Gesundheit – größten Wertes, ihrer Lebenszeit bewusst zu werden, Fehler der Vergangenheit zukünftig auszuschließen und ihre Zeit zukünftig bewusst zu erleben.

5. Gibt es Möglichkeiten oder Methoden die eigenen Wertevorstellungen zu überprüfen?

Dr. Springer: Das ist die mir am zweithäufigsten gestellte Frage nach “Lässt sich Wertebewusstsein lernen?”. Beide kann ich mit ja beantworten. Wichtig für eine Reflexion der eigenen Werte ist, sich dieser Fragestellung überhaupt bewusst zu werden.

Eine einfache, wenn auch nur sehr grobe Überprüfung kann jeder für sich durchführen. Dazu werden die eigenen, bekannten Werte schriftlich festgehalten und ihre Wirkung beobachtet. Die Fragestellungen sind dann “Wie wirken diesbezügliche Verhaltensweisen anderer Menschen auf mich?” und “Wie wirke ich mit meinen Werten auf andere?”. Wer das macht, kommt in der Regel aber lediglich auf etwa ein Dutzend allgemein bekannter Werte zur Überprüfung, was nur einen Bruchteil widerspiegelt.

Eine tiefergehende, detaillierte Analyse lässt sich zweifellos nur mittels Training oder Coaching erreichen und dauert ungleich länger. Dafür ist das Ergebnis auch wesentlich aussagekräftiger, sowohl in der Präzision als auch in der Stärke der Aussage.

6. Wie lerne ich meine Werte zu achten?

Dr. Springer: Eine einfache Einschätzung ist jeder Person selber möglich; für fundierte Aussagen, vor allem für die Entdeckung und Beachtung bisher nicht bekannter und nicht bewusster Werte ist professionelle Unterstützung sinnvoll.

Die Achtung der eigenen Werte ist dann einfach, wenn sie bekannt sind und bewusst gelebt werden oder zumindest gelebt werden sollen. Das Erfolgsrezept ist schlicht, diese Werte konsequent zu leben und ständig an ihrem wirkungsvollen Einsatz zu arbeiten.

Auch hier sei zur Verdeutlichung ein Beispiel genannt: Wem wertschätzende Kommunikation besonders am Herzen liegt und wer sich ständig über die Unzulänglichkeiten eingehender E-Mails ärgert, sollte ein besonderes Augenmerk auf korrekte Ausgangspost legen. Dies darf auch gerne kommuniziert werden. Dazu gehört dann zwingend, dass eigene E-Mails vor dem Versenden zwei Mal gegengelesen werden: Zuerst auf Vollständigkeit, Kürze, Relevanz, wertschätzende Formulierungen etc. und zum Schluss ein weiteres Mal auf korrekte Orthographie. Das klingt aufwendig, ist jedoch lediglich eine Sache der Routine.

7. Herr Dr. Springer, eine letzte Frage: Sie arbeiten als Werte-Coach – was bedeutet für Sie persönlich “Wertschätzung”?

Dr. Springer: Die oberste Maxime ist immer die Achtung und die Akzeptanz Anderer. Ihr Leben, ihre Gesundheit, ihre Persönlichkeit, ihre materiellen und immateriellen Werte. Das gelingt nur, wenn ich mir selber meiner eigenen Werte bewusst bin, diese ständig überprüfe und diese selber konsequent lebe. Die gleiche Wertschätzung erwarte ich auch von meinem Umfeld, sowohl von Privatpersonen als auch von allen Menschen, die – wie auch immer – ein Unternehmen repräsentieren. Dass gerade bei den Letztgenannten in Deutschland noch Verbesserungspotenzial besteht, ist bekannt. Es gibt noch viel zu tun, ich freue mich darauf.

Vielen Dank Herr Dr. Springer für das tolle Interview!

Über Dr. Boris Springer

Dr. Boris Springer arbeitet seit knapp 20 Jahren erfolgreich als zertifizierter Trainer, Autor und Redner im Bereich Werte- und Persönlichkeitscoaching und ist zudem Mitglied in mehreren Fachverbänden. Seine langjährige praktische Erfahrung, sein Expertenwissen und nicht zuletzt seine innovativen Trainingskonzepte machen ihn zu einem gefragten Berater bei Unternehmen und Dienstleistern unterschiedlichster Branchen. Für seine Arbeit wurde er deswegen unter anderem 2008 mit dem BaTB-Trainerpreis ausgezeichnet.

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