Was bewegt Frauen dazu, einen Beruf zu erlernen, der offensichtlich eine Männerdomäne ist? Wie können sich Frauen in diesem Bereich durchsetzen? Wir haben eine Studentin der Ingenieurswissenschaft nach ihren Erfahrungen befragt.

Leonie ist Studentin der RWTH Aachen im Fach Maschinenbau. Sie steht kurz vor ihrem Abschluss.

Hauptsache Bildung: Leonie, aus welchen Gründen hast du dich für ein Maschinenbau-Studium entschieden?

Leonie: Ich habe eine Ausbildung zur Bürokauffrau gemacht und danach neben der Arbeit per abi-online das Abitur nachgeholt. Da ich innerhalb von 2 Jahren in der Firma so weit aufgestiegen war, dass ich nur mit meiner Ausbildung für die nächsten 10-20 Jahre auf dem gleichen Posten sitzen geblieben wäre, mir das aber nicht genügte und ich etwas aus dem Abitur machen wollte, entschied ich mich für ein Studium. Auf dem Gymnasium war ich wegen Mathematik sitzen geblieben, jetzt hatte ich eine 1 im Abi in Mathe. Das Mathefieber hatte mich gepackt und ich wollte rechnen. Daher riet mir meine Mathelehrerin zum Maschinenbau.

Mein Mann, der damals mitten im Maschinenbaustudium steckte, hielt das für eine verrückte Idee, weil er schließlich selbst wußte, wie schwer es sein würde. Aber er unterstützte mich wo er nur konnte und tut dies immer noch. Schon bevor das Studium begann, informierte ich mich über die einzelnen Vertiefungsrichtungen und dann war ziemlich bald klar, dass es Verfahrenstechnik werden würde. Und ich weiß jetzt, das war genau die richtige Entscheidung.

Hauptsache Bildung: Gab es Probleme, die du aufgrund deines Geschlechts im Studium erfahren musstest? Gab es Probleme mit Professoren?

Leonie: Überhaupt gar nicht. Frauen sind im Maschinenbau immer gern gesehen, da es nur sehr wenige gibt. Männliche Kommilitonen, Assistenten und auch Professoren waren immer sehr freundlich und hilfsbereit. Probleme gab es eher mit den Frauen, das aber auch nur ganz selten.

Hauptsache Bildung: Hast du Angst davor, dass du dich später beruflich in dieser Männerdomäne schwer durchsetzen kannst?

Leonie: Nein. Da ich vor dem Studium bereits in der Logistik gearbeitet habe, die sehr männerlastig ist, und auch während des Studiums immer einen Hiwijob hatte, habe mich an den Umgang mit Männern gewöhnt und weiß, wie ich mich durchsetzen kann.

Hauptsache Bildung: Warum glaubst du, haben viele weibliche Schulabgängerinnen so wenig Interesse an technischen Fächern?

Leonie: Weil immer noch vermittelt wird, dass Mädchen schlecht in Mathe sind und Technik nur was für Jungs ist. Vielleicht nicht unbedingt an den Schulen, aber allgemein in der Gesellschaft. Wenn z.B. die Mutter, die Tante und die Nachbarin immer wieder sagen „Och, in Mathe war ich nie gut. Das braucht man ja auch nicht.“

Das Vordiplom Tor der RWTH Aachen

Hauptsache Bildung: Denkst du, dass eine Förderung in diesem Rahmen Sinn macht?

Leonie: Bestimmt macht es Sinn Mädchen darin zu bestärken, dass auch sie sich für Technik interessieren dürfen und in technischen Berufen erfolgreich sein können. Nur sollte die Förderung nicht einseitig geschehen. Auch Jungs sollten gefördert werden und auch für Männer sollte es kein Problem sein, Kindergärtner oder Altenpfleger zu werden. Optimal wäre es, wenn Eltern und Lehrer es als unwichtig ansehen würden, ob das Kind männlich oder weiblich ist und es einfach nur nach seinen Stärken fördern würden. Mit dem Ziel, dass die Kinder irgendwann einen Beruf ergreifen, der sie glücklich macht, zu dem sie berufen sind.

Hauptsache Bildung: Wie wurde dein Interesse geweckt?

Leonie: Meine Mathelehrerin am Abendgymnasium hat mich wieder für die Mathematik begeistert, aber BWL fand ich schon auf der Berufsschule extrem langweilig. Daher war mir schnell klar, dass ich ein Fach aus dem MINT-Bereich studieren möchte. Allerdings wäre mir nur Chemie, Biologie oder Informatik zu einseitig gewesen. Mathematiker rechnen angeblich nicht, sondern beweisen nur. Ich wollte rechnen, also musste es etwas technisches sein. Auf Maschinenbau kam ich, weil mein Mann mitten im Maschinenbaustudium steckte und ich dadurch an einer Exkursion mit etwa 20 Maschinenbauern teilgenommen habe. Die haben mich nacheinander 10 Tage lang bequatscht, ich solle Maschinenbau studieren, weil das so toll und genau das Richtige wäre, wenn ich rechnen wöllte. Genau das wollte ich, deswegen also Maschinenbau.

Hauptsache Bildung: Findest du die Frauenquote sinnvoll? Würdest du dir eine solche Quote in anderen Bereich wünschen?

Leonie: Die Quote an sich halte ich für zweifelhaft. Was stattdessen passieren sollte ist, dass Betriebe familienfreundlicher werden. Es sollte Normalität werden, dass Männer, die Väter werden, 1-3 Jahre aus dem Beruf aussteigen und nicht immer nur die Frauen für die Kinder zuständig sind. Dann würde es für einen Betrieb unwichtig, ob man eine Frau oder einen Mann einstellt, weil beide gleich „zuverlässig“ sind und Fragen nach der Familienplanung wären ebenso überflüssig.

Hauptsache Bildung: Wie wichtig ist dir deine Karriere und infwiefern kannst du dir vorstellen, dies mit dem Wunsch nach Familie zu vereinen?

Leonie: Ich möchte auf jeden Fall nach dem Diplom als Ingenieurin arbeiten. Am liebsten flexibel (Stichwort: Homeoffice) und maximal in einer 80% Stelle. So habe ich Zeit für die Familie, aber auch für mich. Ich komme mal raus und bleibe im Beruf. Ich will arbeiten um zu Leben und nicht umgekehrt. Würde ich 1-3 Jahre zur Kindererziehung komplett aussteigen, wäre es sicher schwer als Ingenieurin noch eine Stelle zu finden. Außerdem wäre es auch für mich anfangs sehr schwer wieder ins Thema zu kommen. Es wäre schade, wenn ich das Diplom damit einfach verwerfen würde. Dafür habe ich zu viel Zeit und Energie hinein gesteckt.

Abgesehen davon halte ich es für leichtfertig auszusteigen und mich von meinem Mann durchfüttern zu lassen. Ich will auch meinem Mann die Chance geben, nicht komplett Vollzeit zu arbeiten, damit er als Vater ebenso miterleben kann, wie seine Kinder aufwachsen. Er soll Vater sein dürfen und nicht nur Ernährer sein müssen. Und sollte es einmal zu einer Scheidung kommen, was keiner hoffen will, dann müsste ich eh bald das Hausfrauendasein aufgeben und wäre gezwungen zu arbeiten. Unter Umständen in einem anderen Beruf. Ganz abgesehen davon, dass ein reines Hausfrauendasein meine spätere Rente schmälern würde. Dann hätte ich mir das Studium auch sparen können.

Hauptsache Bildung: Leonie, danke für das Gespräch und viel Erfolg für deinen Abschluss.

VN:F [1.9.22_1171]
Diesen Artikel bewerten
Rating: 5.5/10 (2 votes cast)
Warum studieren Frauen Maschinenbau?, 5.5 out of 10 based on 2 ratings