Die Überlastung von Menschen hat es schon immer gegeben. Sie hatte in der Geschichte allerdings eher eine körperlich orientierte Definition als eine mentale. Heute finden wir ein anderes Selbstbewusstsein des Menschen, der insbesondere im Kopf tagtäglich unterschiedlichste Verknüpfungen im Arbeitsalltag bewältigen muss. Dabei gab es schon vor 15 Jahren auf der internationalen Nomenklatur für Krankheiten ICD die Diagnose Burnout unter der Nummer Z 73.0, aber es war eine Verlegenheitsdiagnose. Heute ist Burnout eine der schwersten Diagnosen überhaupt und bedarf einer fachlich therapeutischen Behandlung.

Lässt sich die Stresssteigerung der letzten 15 Jahre begründen?

Es war für Menschen lange Zeit ein gesellschaftliches Tabu, zuzugeben, in psychotherapeutischer Behandlung zu sein. Noch heute befinden sich Topmanager in der Situation, dass das Eingeständnis einer Erschöpfung nicht mit den Leistungsidealen der Wirtschaft und den Erwartungen des Unternehmens zusammenpasst. Und dennoch ist die Zahl der Burnout-Fälle in den letzten Jahren gestiegen. Ist die Stresssteigerung nur eingebildet oder gehen einfach mehr Menschen offener damit um? Zweifelsohne hat das digitale Zeitalter mit der Einführung des „WorldWideWebs“ dazu beigetragen, dass die gefühlte Zeit schneller wahrgenommen wird. Die Ansprüche rund um Familie und Beruf sind gestiegen, während der Mensch der Technik mittlerweile hinterherhinkt und sich Anforderungen gegenüber sieht, die ihm Angst vor dem Versagen einflößen. Aber taugen diese Alltagsbeobachtungen wirklich, zu erklären, warum Menschen heute anfälliger für Burnout sind?

Was Statistiken nicht sagen

Da es sich um eine noch recht junge und sehr komplexe Diagnose handelt, lassen sich die Einzelfälle kaum in eine wirklich verwertbare Statistik zusammengießen. Jeder Fall und jede Situation ist anders, durch andere Umstände herbeigeführt, so dass es Psychotherapeuten noch immer schwer fällt, eine klare Klassifizierung vorzunehmen. Es bleibt jedoch augenscheinlich, dass die Zahl der Fälle in den letzten Jahren offenbar gestiegen ist und sich immer häufiger Menschen von ihrem Alltag so eingenommen fühlen, dass sie ausgebrannt sind. Da der Mensch die meiste Zeit des Tages arbeitet oder die Zeit in der Familie verbringt, lassen sich entsprechende Schlussfolgerungen auf diese Bereiche vornehmen.

Arbeit und Familie – Stress ohne Freude?

Auch Überlastungen im Alltag hat es sicher schon vor fünfzehn Jahren gegeben. Heute sieht sie womöglich qualitativ anders aus, weil im Zuge der digitalen Prozesse die Ansprüche an jeden Einzelnen gestiegen sind. Wer die Verhältnisse im Beruf dann noch auf das Familienleben kopiert und erkennt, dass die geforderte Perfektion trotz eigener Anstrengungen nie stabil übertragbar ist, der wird womöglich in diesen Wechselwirkungen eine der Ursachen dafür finden, warum das Burnout-Syndrom stärker im Bewusstsein der Menschen ist als noch vor fünfzehn Jahren. Wenn die Arbeit und das Familienleben nicht mehr als Quelle neuer Energien empfunden wird, ist bei den eigenen gefühlten Anstrengungen klar, dass ein Minus auf der Saldoseite herausspringt. Die negativen Wechselwirkungen zwischen Beruf und Familie können somit fatale Auswirkungen haben. Der Mensch ist vermutlich heute sensibler dafür geworden, weil er sich seinen eigenen Leistungskapazitäten und Leistungsgrenzen spürbar angenähert hat.

 Bildnachweis: @istockphoto/Qwasyx

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