In den letzten Jahren kommen zum Semesterbeginn regelmäßig Meldungen in der Presse über die überfüllten Hochschulen in Deutschland. Seit 2011 ist die Situation außerdem noch gravierender geworden, da das Abitur nach 12 Jahren zu doppelten Jahrgängen führt. In diesem Jahr ist dies in Baden-Württemberg der Fall und im nächsten Jahr in NRW.

Welches Ausmaß nimmt die Überfüllung der Hochschulen an?

Im Prinzip ist jede staatliche Hochschule von den Problemen betroffen: zu volle Veranstaltungen, zu kleine Räume, zu wenig Wohnraum für Studenten…
An der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster ist besonders der Wohnraummangel spürbar. Studenten pendeln im ersten Semester häufig noch zwischen Münster und ihrer Heimatstadt – auch wenn diese Städte mehr als 200 km auseinander liegen. Bei anderen folgt Zwischenmiete auf Zwischenmiete, um wenigstens immer vor Ort sein zu können und so wechseln sie alle zwei Monate die Wohnung, ohne bisher eigene Möbel oder ähnliches nach Münster geholt zu haben. In einigen anderen Städten wurden sogar Notunterkünfte in Turnhallen eingerichtet.

In den Vorlesungen bemerkt man die Überfüllung jedoch auch. In Münster sind teilweise Veranstaltungen mit über 300 Teilnehmern in Hörsälen für 200 Personen untergebracht. Der Dozent darf dann zum Semesterende die Klausuren korrigieren und weiß kaum, wie er das schaffen soll. Bei der Anmeldung für mündliche Prüfungen sind die Wartezeiten immens: im Oktober oder November wird man einem Termin im Juni zugewiesen. In einigen anderen Unistädten müssen Vorlesungen sogar im Kino stattfinden, da zu wenig große Hörsäle vorhanden sind.

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Was bedeutet das für die Studenten und Dozenten?

Studenten müssen sich mittlerweile fast überall darauf einstellen, lange Wartezeiten für Prüfungen in Kauf zu nehmen, in Vorlesungen auf dem Boden zu sitzen, Seminarplätze lediglich durch Losverfahren zu bekommen, bestimmte Scheine nicht machen zu können, weil sich zu viele gemeldet haben und alles in allem dadurch länger zu studieren und dabei nicht mal die Wunschveranstaltungen belegen zu können. Die Studiensituation ist somit nicht sehr zufriedenstellend.

Auf die Dozenten kommt dabei auch noch mehr Arbeit zu: mehr Klausuren und Hausarbeiten lesen und korrigieren, überfüllte Sprechstunden, die dadurch immer länger dauern als erwartet und volle Seminare, sodass nicht alle Arbeitsformen möglich sind (bspw. Lektüreseminar). Die Lehrtätigkeit wird hierdurch sicherlich belastend und stressig.

Wie konnte es soweit kommen?

Die erste Vergrößerung der Hochschulen hat bereits mit der Bildungsexpansion in den 70er Jahren begonnen. Es wurden derzeit auch neue riesige Universitäten gegründet wie etwa Bielefeld. Die Umstellung aufgrund des Bologna-Prozesses führt aber auch dazu, dass zumindest gefordert ist, dass möglichst viele einen Bachelor-Abschluss machen und dazu in die Unis strömen. Die Politik fordert eben eine steigende Akademikerquote. Das Sahnehäubchen jedoch bilden die Verkürzung des Gymnasiums auf acht Jahre und die dadurch entstehenden Doppeljahrgänge sowie der gleichzeitig vollzogene Wegfall des Wehrdienstes.

Diese Entwicklungen sind jedoch alle nicht allein problematisch. Das Problem ist vielmehr, dass diese Reformen politisch durchgesetzt wurden, ohne dass die Universitäten hierauf vorbereitet wurden bzw. ohne dass etwas getan wurde, um die Hochschulen auf den neuen Ansturm vorzubereiten (etwa mehr Gelder, mehr Personal, größere Hörsäle,…). Die Universitäten müssen jetzt im Nachhinein damit klar kommen und sich selbst Lösungen für die Probleme ausdenken (wie etwa die Seminarplatzverlosung).

Wie können Studenten die Probleme umgehen?

Das Wohnungsproblem kann einfach dadurch gelöst werden, dass man sehr früh nach Wohnungen oder WG-Zimmern sucht und eventuell sogar schon zwei Monate vor Semesterbeginn anfängt, Miete zu zahlen. So umgeht man die Konkurrenz kurz vor dem Unistart.
Die Auswirkungen der Überfüllung innerhalb des Studiums sind jedoch nicht so einfach lösbar. Man kann theoretisch geschickt wählen und die Veranstaltungen aussuchen, die eher unbeliebt sind. Dies kann jedoch auch daneben gehen, da Veranstaltungen mit zu wenigen Teilnehmern gerne abgesagt werden. Die einzig gute Lösung ist möglicherweise eine geschickte Wahl der Hochschule. Man kann vorher auf den Homepages der Universität recherchieren, wie groß das jeweilige Institut des Faches ist, das man studieren möchte. Kleine Institute sind von den Problemen eher nicht betroffen. Das Problem hier kann dann allerdings sein, dass die Lehre auch nicht so vielfältig, das Institut nicht besonders angesehen und/oder die Zulassungsvoraussetzungen schwer zu bestehen sind.

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