Suchterkrankung im Betrieb ist immer noch ein großes Tabuthema, wobei es sicher kein unbekanntes Problem ist. Vor allem Alkoholsucht kommt weitaus häufiger vor, als es vielleicht vielen von uns klar ist. Dabei trifft es alle Berufsschichten gleichermaßen: Arbeiter, Teamleiter, Führungspersonen. Doch obwohl sich Suchterkrankungen meistens über einen sehr langen Zeitraum entwickeln, wird das Problem oft zu spät erkannt. Statt frühzeitig einzugreifen, ignorieren viele Vorgesetzte und Kollegen das Problem so lange wie möglich.

Wie kann aber Wertschätzung im Betrieb zu einer erfolgreichen Suchtprävention führen, welche Sensibilisierung muss in der Belegschaft, unter den Führungsverantwortlichen stattfinden? Darüber sprachen wir mit Inga-Britt Meyer-Stüve von CLEO! Coaching.

1. Suchterkrankung gilt in unserer Gesellschaft immer noch als Tabuthema – warum haben Sie sich gerade diesem schwierigen Thema angenommen?

Meyer-Stüve: Wir haben überlegt, was unser Beitrag im Rahmen innerbetrieblicher Weiterbildung sein kann, Betriebe dabei zu unterstützen, wettbewerbsfähig zu sein – und haben erstaunlicherweise festgestellt, dass Unternehmen, die es schaffen, einen Tabubruch Sucht so einzuleiten, dass ihre Führungskräfte frühzeitig reagieren, sich Marktvorteile und in Einzelfällen sogar ihre Existenz sichern können. Warum? Bald steht nur noch die Hälfte der Mitarbeiter  zur Verfügung, die allerdings die 3-fache Arbeitsmenge bewältigen müssen. Hinzukommt der demografische Wandel: Stichwort Fachkräftemangel.

Der bundesweite, jährliche Produktionsausfall durch psychosomatische Erkrankungen liegt laut AOK Studie derzeit bei 53 Millionen Arbeitstagen mit steigender Tendenz. Deshalb entscheiden künftig die Belastbarkeit und die Gesundheit der Mitarbeiter darüber, wie lange Unternehmen am Markt sind.

Und jetzt kommt einfaches kaufmännisches Denken: Dort beginnen, wo mit wenig viel erreicht werden kann: Volkskrankheit Nr. 1 ist die psychosomatische Erkrankung Alkoholsucht. Laut DHS ist jeder 10. Mitarbeiter alkoholauffällig. Jeder alkoholerkrankte Mitarbeiter kostet einen Betrieb im Schnitt pro Jahr 200.000€. Rechnen Sie das mal hoch für Ihren Betrieb – das kann sich kein Unternehmen mehr leisten!!! Und genau da wollen wir Unterstützung geben.

2. Wie führt Ihrer Meinung nach Wertschätzung im Unternehmen zu gesunden Mitarbeitern?

Meyer-Stüve: Wer sich wert geschätzt fühlt, wird automatisch selbstsicherer – fühlt sich wohl, engagiert sich mehr und ist in heißen Zeiten belastbarer. Es ist nachgewiesen, dass sich Wohlbefinden stärkend auf das Immunsystem auswirkt. So sind diese Menschen seltener bzw. nicht so lange krank, denken i.d.R. für das Unternehmen mit und haben auf Kollegen und Kunden eine positive Ausstrahlung. Durch gelebte Wertschätzung entsteht bei Mitarbeitern eine innere Haltung „ich bin hier wichtig – ich werde gebraucht“.

Die Kunst ist es, glaubwürdig rüber zu kommen mit dem Ansatz „Wir wollen, dass es Euch gut geht!“. Und das geht nur durch einen strategischen Ansatz. Ein Euro, der in das Wohlbefinden der Mitarbeiter gesteckt wird, fließt mit 3-10 Euro in das Unternehmen zurück. Dafür muss ein Unternehmen natürlich wissen, wo das Wohlbefinden der Mitarbeiter im Einzelfall gestört ist. So hat z.B. Katjes als Ergebnis einer Umfrage in einem warmen Produktionsraum freie Getränke etabliert und eine Hebevorrichtung für 50kg Säcke gekauft, die vorher selbst gehoben werden mussten. Dadurch sind nachweislich die Krankentage zurückgegangen und Umsätze gestiegen.

Genau hier setzen wir mit unserem Slogan „Wert steigern durch Wert schätzen“ an und haben spezielle Impulsvorträge und Intervalltrainings entwickelt, um solch eine Kultur in Unternehmen anzuschieben – denn gutes Klima kann man trainieren. Übrigens wirkt Wertschätzung am ehesten über die ganz kleinen Aufmerksamkeiten im Umgang miteinander – und ist damit eine der wirkungsvollsten und günstigsten Möglichkeiten, die Gesundheit der Mitarbeiter zu stärken.

3.  Wie gehört eine wertschätzende Kommunikation und Suchtprävention in Unternehmen für Sie zusammen?

Meyer-Stüve: Suchterkrankte Menschen leiden an einer schweren psychosomatischen Erkrankung. Eine gesetzliche festgelegte Fürsorgepflicht verpflichtet Betriebe, weder Gesundheit noch Leben von Mitarbeitern zu gefährden. Dazu würde es automatisch kommen, wenn ein Betrieb bei Suchterkrankungen wegsieht. Ein Beispiel: ein alkoholisierter Mitarbeiter würde sich und andere gefährden, würde er in diesem Zustand einen Gabelstapler fahren. Passiert etwas, ist die Betroffenheit oft groß und es stellt sich häufig heraus, dass viele schon lange davon gewusst haben.

Wertschätzung heißt, dass Führungskräfte und Betriebsräte sich ein Grundwissen über Suchterkrankungen aneignen, um zu erkennen wann dieses Thema im Raum steht und dann auch wissen, wie sie damit in ihrer betrieblichen Rolle umgehen müssen. Nur so bekommen die erkrankten Mitarbeiter eine Chance in Therapie zu gehen und gleichzeitig kann der Betrieb sich und die gesunden Mitarbeiter schützen. Zumal dann auch alle Mitarbeiter sehen: Auch wenn ich schwer erkranke, bekomme ich eine Chance – wenn auch nicht um jeden Preis!

4. Führungskräfte können allerdings keinen Therapeuten ersetzen – wie können sie trotzdem ihren betroffenen Mitarbeitern helfen?

Meyer-Stüve: Es wäre fatal, wenn Führungskräfte oder Betriebsräte nur ansatzweise versuchen würden, in die Rolle eines Therapeuten zu schlüpfen! Wer müsste jetzt den ersten Schritt machen? Der direkte Vorgesetzte. Was muss er machen? Zeitlich gesehen so früh wie möglich reagieren, sobald das Thema Sucht im Raum steht.

Und bildlich gesprochen: In der linken Hand ein Achtungsschild haben auf dem steht „Pass auf – Du gefährdest den Betrieb, da kennen wir kein Pardon – es liegt an Dir, wie weit wir arbeitsrechtlich gehen müssen!“ und in der rechten Hand ein Umleitungsschild, auf dem steht: „Bitte geh zur Beratungsstelle und lass dir helfen, wenn nötig!“.

Vom ersten bis zum letzten Gespräch sind diese Schilder in der Hand – und nach und nach kommen immer mehr Personen dazu: Der nächsthöhere Vorgesetzte, der Betriebsrat, der Ansprechpartner Sucht, der Personaler – und alle unterstützen und bestätigen diese Schilder auf ihre Art und Weise. Nur so ist es möglich, Suchterkrankte in eine Therapie zu bewegen und gleichzeitig den Betrieb zu schützen.

Was ist nötig, damit so ein Verhalten zur Kultur wird? Aufklärung! Das Bedarf keiner umfangreichen Schulung, es reicht eine gezielte Aufklärung in großer Gruppe und eine Anleitung bis hin zur wörtlichen Rede, die jeder in der Schublade hat – dann kann es jeder durchführen, egal wie er oder sie es findet und unabhängig davon, wie der eigene Umgang mit Suchtmitteln ist.

5.  Wie können Führungskräfte und Betriebsräte konkret dazu sensibilisiert werden, Suchterkrankungen in der Belegschaft wahrzunehmen und frühzeitig zu reagieren?

Meyer-Stüve: Genau das haben wir uns auch gefragt und eine kurzweilige Anleitung „Sucht im Betrieb: Wir haben es im Griff!“ entwickelt, die viele praktische Tipps enthält, teilweise bis in die wörtliche Rede geht, mit Mythen aufräumt und auf typische Verhaltensfallen aufmerksam macht und tatsächlich JEDER mit Vergleichsweise wenig Aufwand in der Lage ist, seine Verantwortung im Betrieb kompetent auszufüllen. Die Anleitung ist so konzipiert, dass es im Arbeitsalltag reicht, die 19 3-Minuten Videos anzusehen und die Texte zu überfliegen – dann kann sie in die Schublade gelegt werden – und sobald es „ernst“ wird, funktioniert sie wie ein erste Hilfekoffer für Verhalten, der Mut macht und bei der Umsetzung begleitet.

95% aller therapiebereiten Suchterkrankten gehen durch Druck von Führungskräften in Therapie.  Sobald typische betriebsrelevante Verhaltensweisen sich häufen, wie z.B. regelmäßige verlängerte Fehlzeiten am Arbeitsplatz, häufige Kurzfehlzeiten, Schweißausbrüche, Zittern, starke Stimmungsschwankungen, etc., muss zeitnah und konsequent im Betrieb reagiert werden. Und sollte es sich nicht um eine Suchterkrankung handeln, ist ein Gespräch ein Signal: „Du bist uns wichtig – wir machen uns Sorgen um Dich!“. Dann können vielleicht andere Rahmenbedingungen besprochen werden – es darf eben nur nicht auf Kosten der anderen Mitarbeiter oder des Betriebes gehen.

6. Frau Meyer-Stüve eine letzte Frage: Ihr Slogan lautet: „Wert steigern durch Wert schätzen“ – was bedeutet für Sie persönlich „Wertschätzung“?

Meyer-Stüve: Für mich persönlich heißt Wertschätzung, jedem Menschen das Gefühl zu geben, wertvoll zu sein, unabhängig davon, ob wir inhaltlich die gleiche Meinung vertreten. Und natürlich heißt es auch, wertschätzend mit sich selbst umzugehen, für eine gute Mischung aus Erholung und Spannung im sozialen und betrieblichen Umfeld zu sorgen.  Wenn Menschen und Betrieben diese Balance gelingt, dann  kommt der Rest von ganz allein 😉

Über Inga-Britt Meyer-Stüve

Inga-Britt Meyer-Stüve ist diplomierte Verwaltungswirtin und seit über 14 Jahren als Trainerin und Coach für Führungskräfte und Betriebsräte erfolgreich. Mit ihrer 20jährigen Konzernerfahrung, dem dort erlangten Praxiswissen und einem hohen persönlichem Engagement, entwickelte sie 2011 ein umfangreiches und trotzdem klares Weiterbildungskonzept für den innerbetrieblichen Umgang mit Suchterkrankungen.

Darauf aufbauend gründete sie zusammen mit ihrer Geschäftspartnerin Christine Riegg 2012 die Firma CLEO! Coaching. Das Ziel: Wertsteigerung in Betrieben durch wertschätzenden Umgang mit dem Thema Sucht. Von dem Erfolg des Konzepts „Sucht im Betrieb: Wir haben es im Griff“ überzeugt und um noch mehr Präsenz diesem wichtigen Thema zu verschaffen, hat sich CLEO! Coaching aktuell um den Deutschen Weiterbildungspreis  beworben.

CLEO! Coaching

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