Studenten bekommen zu Semesteranfang neuerdings immer häufiger kostenlose Begrüßungspakete mit Süßigkeiten, Getränken, Kosmetika und Schreibwaren von Markenherstellern geschenkt. Die schön konfektionierten Pakete dürfen kostenlos mitgenommen werden und finden schnell reißenden Absatz. Für die Unabhängigkeit der Wissenschaften scheinen diese kleinen Bonbons, die von Unternehmen gesponsert werden, auf den ersten Blick keine Gefahr darzustellen.

Und auch die vielen beiliegenden Werbeflyer in den Paketen sind zunächst einmal unverdächtig, da sich unter ihnen renommierte Akademien wie DAAD (Deutscher Akademischer Austausch Dienst) oder die Studentenzeitschrift UNICUM befinden. Nur einige ganz Misstrauische fragen sich, warum hier mit so viel Aufwand an den Universitäten Werbung für ohnehin kostenlose Medien betrieben wird. Aber wenn es dem guten Zweck dient. Dazwischen darf dann auch gern einmal ein Flyer der Diesenhaus Ram GmbH verborgen liegen, die Reisen nach Israel anbietet. Man muss ja nicht gleich den Untergang des Abendlandes beschreien.

Dunkle Wolken am Horizont der Hochschullandschaft

Seit fünfzehn Jahren nun besteht die Erlaubnis zur Werbung an Universitäten. Bereits im Jahre 2005 ist eine Professionalisierung der Werbung an Universitäten kritisch beobachtet worden (Quelle: Stern)

Geändert hat sich nicht viel, nur, dass nun aus einem Duldungsstatus ein aktives Universitäts-Marketing geworden ist, bei dem sich die Hochschulen jetzt selbst nach privilegierten, finanzkräftigen Partnern aus der freien Wirtschaft umschauen. In diesem Zusammenhang versichern Universitäten wie die Goethe Universität in Frankfurt am Main gern, dass sie die Partnerschaften und die Werbebotschaften zuvor sorgfältig prüfen (Quelle: Campus Uni Frankfurt)

Es dauert nicht mehr lange, dass die Universitäten in Zeiten knapper Kassen Werbeeinnahmen fest in ihr Budget einplanen werden wie Kommunen die Bußgelder aus Geschwindigkeitsüberschreitungen. An einigen Hochschulen ist dies bereits der Fall. Welches Szenario sich damit für die Zukunft vorstellen lässt, ist einfach umrissen. Hörsäle werden wie Universitäten entsprechende Namenspatrone bekommen, die mit der Wissenschaft kaum mehr etwas zu tun haben. Die Verflechtung von Wirtschaft und Wissenschaft wird undurchsichtiger. Am Ende wird die Frage stehen, was genau Wissenschaft und was nun Wirtschaft ist. Es ist dabei nicht nachvollziehbar, warum für Werbung in hessischen Schulen nach wie vor ein Neutralitätsgebot betont wird, an Hochschulen im gleichen Bundesland aber ein offensives Werbemarketing um sich greift (Quelle: Hessisches Kulturministerium)

Bildung ist Ländersache, aber die Kassen für Bildung sehen in Deutschland überall gleich leer aus. In der neuen Selbstverwaltung der Universitäten ist der Budgetdruck zunehmend auf die Hochschulen verlagert worden. Die Gefahr interessengebundener Abhängigkeiten mit Partnern aus der Wirtschaft steigt damit immens. Die Länder geben unter chronischem Geldmangel immer mehr Rechte und Pflichten an die Universitäten ab. Die Folge davon ist, dass weniger Staat durch mehr privat ersetzt wird.

Universitäten waren nie interessenfreie Zonen  

Selbstverständlich waren die deutschen Hochschulen nie interessenfreie Zonen. Es hat auch in früheren Zeiten Auftragsarbeiten gegeben, die durch die Wirtschaft bestimmt und auch finanziert waren. Aber es muss mit den jüngeren Entwicklungen der deutschen Hochschulen schon nachdenklich stimmen, wenn die Universitäten zunehmend von sich aus damit beginnen, nach attraktiven Partnern in der Wirtschaft zu suchen. Die Unabhängigkeit der Wissenschaft ist allein aus historischen Gründen ein hohes Gut. Diese ganz dem Altar der Ökonomie zu opfern, bedeutete, dass wir langfristig auf die Ausbildung kritischen Denkens zugunsten der Finanzierbarkeit verzichten wollen. Die Markenhersteller in den Wundertüten der Bonuspakete haben dabei längst erkannt, wo die Zukunft der nächsten Generation ausgebildet wird. Und an manchen Universitäten sind nahezu alle Flächen bereits werbewirksam ausgebucht. Der Wettbewerb um die Köpfe von morgen ist längst im Gange. Und wer Geldgeber an Universitäten ist, lässt schnell die Musik auflegen, die dort gespielt werden soll.

Drittmittel als notwendige Universitätsfinanzierung   

Ein ähnliches Phänomen der strukturellen Abhängigkeit stellen heute bereits die Drittmittel dar, ohne die eine Hochschule in ihrer Finanzierung heute kaum mehr auskommen kann. Richard Münch, Professor an der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg, hat im Zuge der bundesweiten Ausrufung von Eliteuniversitäten in seiner Abhandlung  „Die akademische Elite“ bereits im Jahre 2007 darauf verwiesen, wie sehr die Hochschullandschaft unterfinanziert ist. Er sieht die föderale Universitätslandschaft bedroht, weil sich die bildungspolitische Steuerung immer mehr zu zentralen Strukturen hinentwickelt. Im Kampf um Aufmerksamkeit und Renommee sind dann traditionelle Universitäten mit großzügiger Personalausstattung von vornherein im Vorteil, weil sie naturgemäß mehr Forschungsarbeiten herausbringen. Obgleich sie im Verhältnis zur Mitarbeiterzahl ineffizienter sind, was die zahlenmäßige Herausgabe von Forschungsarbeiten angeht, werden sie großzügiger mit Drittmitteln bedacht, weil sich mehr wissenschaftliche Mitarbeiter um die aufwändige Beantragung von Forschungsmitteln kümmern können.

Werbung und Drittmittel an Hochschulen schaffen Abhängigkeiten

Mit diesen Beobachtungen und Entwicklungen lässt sich feststellen, dass Bildung immer stärken den Pfad der Ökonomisierung geht. Bereits heute arbeiten große Konzerne mit privilegierten Universitäten und Fachhochschulen zusammen und ermöglichen nur den Studenten hier Praktika und Anschlussmöglichkeiten. Die Gefahr einer rein wirtschaftlich gesteuerten Bildungslandschaft widerspricht dabei dem hohen Gut der wissenschaftlichen Unabhängigkeit. Wie schleichend sich Werbung und wirtschaftliche Interessen vor Jahrzehnten noch an den Hochschulen präsentierten – heute suchen Universitäten ihrerseits aktiv nach schlagkräftigen Partnern und finden diese schnell. Damit werden auf lange Sicht Abhängigkeiten geschaffen, die den Freiraum für Forschung und Lehre nachhaltig bedrohen.

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