Wie soll man Kindern vermitteln, was schlecht und was „wertvoll“ für sie ist? Können wir uns überhaupt anmaßen das zu wissen? Gibt es überhaupt noch allgemeingültige Werte in unserer Gesellschaft oder ist die Vermittlung von Werten in der Erziehung eine eher subjektive Angelegenheit? Das sind einige Fragen, deren Antworten in der Regel weder in Büchern noch im Internet zu finden sind. Aufgeklärte Geister wissen selbstverständlich, dass Werte in der Erziehung am besten durch „vorleben“ vermittelt werden, aber gerade das ist in unserer Gesellschaft gar nicht mehr so einfach.

„Du sollst nicht…“ versus „es wäre hilfreich wenn Du…“

Was nutzt es beispielsweise wenn dem Kind jeden Tag gepredigt wird, dass es auf keinen Fall lügen darf, sich aber die Eltern am Telefon verleugnen lassen oder bei der Lohnsteuer schummeln. Kinder bekommen wesentlich mehr mit, als sich die Eltern im Allgemeinen vorstellen können. Die meisten Kinder sehen auch täglich fern, was sollen sie denn denken wenn sie von den Affären und Lügengeschichten unserer Politiker hören? Etwa dass man auf keinen Fall lügen darf, außer man ist erwachsen bzw. Politiker? Aber auch dann ist es noch lange nicht ok zu lügen, außer es geht irgendwie nicht anders. Das hört sich reichlich paradox an – übrigens nicht nur für Kinder.

Dass kein Mensch, aus welchem Grund auch immer, getötet werden darf, das ist doch schon einmal ein allgemein gültiger Wert für die ganze Gesellschaft. Oder sollte es zumindest sein. Töten darf man also auf gar keinen Fall. Außer natürlich Soldaten im Krieg oder in Ländern, bei denen noch die noch die Todesstrafe im Justizprogramm verankert ist, da ist es selbstverständlich in Ordnung. Das waren zwei krasse Beispiele für typische „Du sollst nicht-Regeln“. Pädagogisch geschulte Menschen wissen aber unter anderem, dass man den Kindern besser sagt was sie tun sollen, und nicht, was sie nicht tun sollen.

Eltern sollten Werte vor allem kongruent vermitteln

Welche alltäglichen Werte sollten wir also in Familie und Erziehung einbringen? Wie wäre es zum Beispiel mit Liebe, Respekt, Hilfsbereitschaft und positiver Wertschätzung? Diese Werte können Eltern sowohl vorleben als auch deren Sinn erklären, wenn die Kinder nachfragen. Nur kann das teilweise etwas anstrengend sein und Anstrengungen versuchen viele Manchen bekanntlich zu vermeiden, denn das Leben in unserer hektischen Welt ist anstrengend genug. Wenn Eltern aber Werte effektiv vermitteln wollen, sollten sie sich zuerst einmal ihre eigenen Werte anschauen.

Eines merken nämlich alle Kinder – wenn die Eltern inkongruent sind, also die Werte selbst nicht leben, die sie vermitteln wollen. Ich kann zum Beispiel von meinem Kind nur dann Ehrlichkeit verlangen, wenn ich selbst ehrlich bin. Auch kann ich von meinem Kind nicht einen liebevollen Umgang mit anderen Menschen verlangen, wenn ich selbst keinen respektvollen und liebevollen Umgang mit meinen Familienmitgliedern pflege. Mit anderen Tugenden, wie Respekt, positiver Wertschätzung und Hilfsbereitschaft verhält es sich genauso.

Kinder zu Offenheit und konstruktiver Kritik ermuntern

Die wenigsten Kinder haben allerdings das Glück (oder Pech), dass beide Elternteile Zen-Meister oder Engel in Menschengestalt sind, deshalb wird es auch äußerst selten vorkommen, dass Eltern die gepredigten Werte konsequent und ohne Ausnahme vorleben. Hier kann die so genannte Achtsamkeit ein Schlüssel sein. Eltern sollten ihr Verhalten öfter überprüfen, oder besser noch einen vertrauenswürdigen Außenstehenden um seine Einschätzung bitte. Dabei werden oft Kritikpunkte offenbar, die man in den meisten Fällen gar nicht gerne hört. Die besten und zugleich auch härtesten Kritiker sind allerdings die Kinder selbst. Es ist ein großer Schritt für Eltern, ihre Kinder zu offener Kritik am eigenen Verhalten zu ermuntern – aber dieser Schritt lohnt sich in den meisten Fällen.

Für diese Kritik müssen jedoch klare Regeln aufgestellt werden. Beispielsweise, dass die Kritikpunkte im Rahmen eines Streits nicht sofort geäußert werden, sondern erst in einer Stunde oder am nächsten Tag. Den Kindern kann vermittelt werden, dass sie es ruhig sagen können, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen oder ihnen auffällt, dass die Eltern selbst Dinge tun, die sie ihren Kindern als „schlechtes Verhalten“ vorwerfen. Wenn allerdings die Emotionen gerade am hochkochen sind, ist die Regel hilfreich, dass die Kinder oder die Eltern für den nächsten Tag ein Gespräch über die Meinungsverschiedenheit vorschlagen.

Folgende Ansätze können hilfreich für die Wertevermittlung in der Familie sein:

  • die Werte, die den Kindern vermittelt werden sollen, selbst vorleben
  • das eigene Verhalten und die eigenen Werte öfter überprüfen
  • den Kindern vermitteln, dass sie selbst „wertvoll“ sind
  • Kinder zu offener Kritik ermuntern
  • Ratschläge funktionieren besser als Verbote
  • den Kindern den Sinn der Werte erklären

Fazit

Die o.g. Ratschläge und Einschätzungen hören sich hoffentlich plausibel und vernünftig an, doch werden die Kinder, die nach diesen Maximen erzogen werden, im weiteren Leben nicht ausschließlich Vorteile daraus ziehen. In der Schule kommt beispielsweise die offene Kritik am Lehrer, und sei sie noch so berechtigt und konstruktiv, meist gar nicht gut an. Auch die wenigsten Vorgesetzten sind gewillt, über ihre Werte zu diskutieren. Die Werte Ehrlichkeit, Liebe, Respekt und Hilfsbereitschaft entlocken vielen Managern und Geschäftsführern nur ein müdes Lächeln: „Damit kommt man in unserer Gesellschaft nicht weiter“, hört man dann fast unisono.

Ist das wirklich so? Wir denken dass es nicht so ist – oder zumindest nicht so bleiben muss!

 

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