WortzumFreitagWir freuen uns sehr, zum heutigen Wort zum Freitag einen Gastartikel von Sibylle Schwarz,  Expertin für Schul-, Hochschul-, und Prüfungsrecht, veröffentlichen zu dürfen.

Ich las es wieder. Jedes Jahr im September lese ich es. Die „Watschn“, die die jährliche Studie „Education at a Glance /Bildung auf einen Blick“ der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) Deutschland verpasst.

Schüler, Studenten und Eltern lesen es auch. Steht da doch geschrieben, dass „ein höheres Bildungsniveau deutliche Vorteile bringt“, oder dass „ein höheres Bildungsniveau den Arbeitskräften während der Rezession dabei half, Arbeitslosigkeit zu vermeiden und in Arbeit zu bleiben“.

Also überlegen sich Familien sehr genau, mit welcher Schullaufbahn ein höheres Bildungsniveau und damit deutliche Vorteile erreicht werden können. Und neben all dem wirtschaftlichen Nutzen der Bildung muss vor allem das Schulkonzept zum Kind passen. Für die Familien ist klar: es muss die richtige Schule oder die richtige Hochschule her. Wenn sie dann auch noch in ihrem Schulgesetz nachlesen können, dass „die Wahl der Schullaufbahn in den Sekundarstufen I und II […] den Eltern“ obliegt (hier am Beispiel Rheinland-Pfalz), sind die Familien bei der Wahl der richtigen Schullaufbahn und Schule nicht mehr zu halten.

Dass Worte allerdings täuschen können, mussten einige Familien in diesem Sommer leidvoll erfahren. Aus unterschiedlichen Schulkonzepten – man muss nicht erwähnen, dass ein Unterrichtstag in einer bis Klasse 10 integrierten Gesamtschule anders abläuft als im verkürzten G8-Gymnasium – wählten sie das passende für das eigene Kind. Sie wählten eine Schullaufbahn und eine konkrete Schule für ihr Kind. Ein höheres Bildungsniveau bringt Vorteile. Ein Wahlrecht wurde ausgeübt. Den gewählten Schulplatz aber bekamen sie nicht.

In einem exemplarischen Fall wählten Eltern die Schullaufbahn „Integrierte Gesamtschule“. Eine ganz bewusste Entscheidung. Einen Schulplatz in der gewählten Schullaufbahn erhielten sie aber nicht. In keiner Schule dieser Schullaufbahn. Die Familie zog vor Gericht. Die Antwort des angerufenen Gerichts: absurd bis menschenverachtend.

„Die Ablehnung einer Integrierten Gesamtschule begegnet keinen rechtlichen Bedenken. […] Die Planungssicherheit würde aber erheblich stärker eingeschränkt, könnten sich SchülerInnen an allen Integrierten Gesamtschulen gleichzeitig bewerben und sodann im Falle mehrerer Zusagen eine freie Auswahl treffen. Zugleich würde hierdurch der Verwaltungsaufwand seitens der Schulen erheblich verstärkt.

[…] mit Gymnasium und Realschule Plus stehen ausreichende Alternativen […] zur Verfügung“

Es ist genau diese Art mit Bildungswilligen umzugehen, die die OECD jährlich in ihren Studien kritisiert.

Ich werde es wieder lesen. Jedes Jahr im September lese ich es. Die „Watschn“, die die jährliche OECD-Studie Deutschland verpasst. Aber so lange Behörden und Gerichte auf die wie im obigen Fall beschriebene Art und Weise mit Bildungswilligen umgehen – du kannst zwar Deine Schullaufbahn wählen, aber Deine getroffene Wahl interessiert uns nicht – bedeutet die Umsetzung der Wahl doch nur Verwaltungsaufwand. Daher ist die Kritik der OECD absolut berechtigt.

Rechtsanwältin Sibylle Schwarz

Sibylle Schwarz Bildungsanwalt

Beratung und Vertretung rund um Schule, Studium, Prüfungen, Beruf.
Schwerpunkte: Schulrecht, Prüfungsrecht, Hochschulrecht und Berufsbildungsrecht

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