Ein Gespräch mit Dirk Bayer, Sozialpädagoge, Familientrainer und Lehrercoach, über Werte in Familie und Erziehung.

Werteerziehung ist oder wird zumindest in unseren Zeiten wieder ein Thema. Aber passt das überhaupt zusammen: Werte und Erziehung? Oder anders gefragt: Kann man überhaupt Werte anerziehen? Nach Dirk Bayer, Sozialpädagoge und Familientrainer, ist es auf jeden Fall der falsche Ansatz. „Kinder lernen über 80 Prozent durch „erleben“ – das heißt also Eltern müssen Werte nicht erziehen, sondern ihren Kindern vorleben. Für mich spielt dabei auch Gleichwürdigkeit eine wichtige Rolle. Wenn Eltern eine gleichwürdige Beziehung zu ihren Kindern führen ohne dabei gleichzeitig ihre Verantwortung aufzugeben, vermittelt sie dabei schon wichtige Werte.“

Das eigene Wertegefühl wiedererlangen

Der Sozialpädagoge bei seiner Arbeit in Schulen.

Damit ihre Kinder nachhaltig Werte entdecken und leben können, müssen Eltern selbst erst einmal wieder zu ihrem eigenen Wertegefühl gelangen. „Gleichwürdigkeit, Akzeptanz und Selbstverantwortung sind für mich dabei ganz wichtige Begriffe“, so Bayer weiter. „Wenn ich mir selbst wieder meiner Werte bewusst bin, dann kann ich auch andere wertschätzen, andere gleich-würdigen.“

Allerdings fällt genau das vielen Eltern schwer. „Viele Erwachsene trauen sich nicht oder wissen oft nicht mehr, wie sie tatsächlich mit ihrer Umwelt, mit anderen Menschen in authentische Beziehungen treten –sei es nun mit Nachbarn, Freunden oder eben mit ihren Kindern. Und das ist eines der Hauptprobleme, was wir haben: Wir haben Angst davor uns wirklich zu begegnen“, so Bayer. „Stattdessen lassen wir uns lieber von beisp.weise den Medien betäuben und merken gar nicht mehr, wie wir uns zunehmend von uns selbst und unserer Intuition entfernen. Die Medien signalisieren uns ja ein ganz bestimmtes klares Wertebild: Ein typisches Täter/Opferspiel, in dem es wichtig ist, Gewinner zu sein. Die Selbst – Verantwortung wird weitestgehend abgegeben, andere sind immer „schuld“ (z.B.die Lehrer, der Arbeitgeber, der Staat, etc.). Ausserdem haben wir einen unglaublichen Hunger nach Bestätigung, danach dass andere uns „ok“finden. Erst wenn wir genug GETAN haben, dann sind wir „ok“.“

Selbstverantwortlichkeit wieder entdecken

Wenn Kinder so etwas vorgelebt bekommen, dann kann man auch nicht von ihnen abverlangen, selbstverantwortlich für ihr Tun einzustehen, so die Schlussfolgerung. „Also liegt es an uns, an den Erwachsenen, unsere Wahrnehmung erst einmal wieder zu sensibilisieren. Wir müssen unsere Selbstverantwortlichkeit wieder entdecken und lernen auch anderen damit zu begegnen, uns nicht zum „Opfer“oder „Täter“ anderer zu machen. “

Doch wie können dann Werte außerhalb der Familie, zum Beispiel in der Schule, im Kindergarten, gelebt und vermittelt werden? „Zueinander in Beziehung treten, einen echten Dialog(keine Diskussion) führen, das ist es, was Kindern Werte vermittelt. Dabei spielt es keine Rolle, ob ich als Elternteil oder Lehrer an das Kind herantrete. Ich erlebe immer wieder, dass gerade Lehrer sich (vielleicht aus anerzogener Angst, immer kompetent sein zu müssen?) hinter pädagogischen Konzepten und festgelegten Rollen verstecken, daran festhalten, statt tatsächlich zu den Kindern in Beziehung zu treten. Dabei könnten sie mehr ihrer Intuition folgen, wie auch für die eigene Verantwortung einstehen – und dazu gehört für mich auch eine gewisse „persönliche Führungsverantwortung“, die Lehrer – genauso wie Eltern – nun einmal haben. Ich glaube Schwierigkeiten in der Klasse wie zum Beispiel Mobbing können nur dort entstehen, wo Lehrer diese Verantwortung nicht wahrnehmen.“

Theater macht Dinge spürbar

Das Theater macht Dinge erfahrbar und spürbar.

Dirk Bayer arbeitet deshalb unter anderem in seinen Coachings viel mit Theater. In seiner Arbeit mit Kindern, Eltern und Lehrern, nutzt er dessen Vielfältigkeit. „Das Theater macht Dinge erfahrbar und spürbar. Ich kann Emotionen noch so wortreich erklären, aber sie (nach)fühlen, kann ich nur, wenn ich sie auch erlebe. Wir haben bei uns ein Problem der Differenzierungsarmut im Gefühlserleben, das heißt: Wir wissen oft gar nicht mehr, welche Gefühle es alles gibt, wie sie sich anfühlen und wie sie sich ausdrücken. Theater hilft dabei diese einzelnen Gefühlszustände tatsächlich erfahrbar zu machen,“ erklärt der Pädagoge.

Es ist offenbar wichtig, sich erst einmal selbst der eigenen Gefühlen bewusst zu werden und das Eigenwertgefühl wieder zu entdecken, bevor man tatsächlich fähig ist anderen ein Gefühl der Gleichwürdigkeit geben zu können. „Und damit wären wir im Prinzip wieder am Anfang: Wer selbstverantwortlich lebt und andere gleichwürdig behandelt – egal ob es der Partner oder das Kind ist – der kann mit ihnen in dialogische Beziehung treten. Wer weiß, was ihm wichtig ist und hierfür einsteht, der lebt dies auch authentisch vor. Und das ist es, was Kinder letztendlich brauchen: Eltern, die ihre Werte leben.“

Über Dirk Bayer:

Dirk Bayer ist ausgebildeter Sozialpädagoge und Theaterpädagoge, Vater und Clown. Er arbeitet seit 1996 als Familientrainer und Lehrercoach. Zu seinen Schwerpunkten gehören theaterpädagogische Stücke, Workshops und Eltern- und Lehrerseminare zu Gewalt, Rechtsextremismus, Jugendkriminalität, Sucht, Kinderängsten und Sexualität. Zudem bietet er in Firmen Seminare zu den Schwerpunkten Kommunikation und Konfliktmanagement sowie Kreativität, Theater und community mentoring an. Dirk Bayer ist darüber hinaus seit 17 Jahren Lehrbeauftragter an mehreren Akademien, Universitäten und Volkshochschulen.

Dirk Bayer

 

 

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