Sagt man das nicht umgangssprachlich? Wenn man sich von dem Gedanken verabschieden sollte, dass es tatsächlich woanders besser sein könnte? Ja, ich glaube schon. Denn genauso wie es wahrscheinlich nur in der eigenen Wunschvorstellung so ist, dass das Gras auf der anderen Seite der Stadt, im anderen Viertel oder vom Nachbarn vielleicht grüner ist, verhält es sich wohl mit den meisten anderen Dingen – wie zum Beispiel dem Job.

Da sollte man sich vielleicht auch einfach einmal von dem Gedanken verabschieden, dass es tatsächlich woanders so viiiiel besser sein könnte, oder? Es wäre interessant zu hören, wie es Jobwechslern mit der Intention oder mit dem Gedanken, dass im nächsten Job alles anderes wird, in der Realität ergangen ist. Ich selbst kann mich da leider nicht zu äußern, kann aber zumindest aus den Geschichten von Freunden und Familie berichten, dass es oft nicht so war.

Fata Morgana des eigenen Wunschgedankens

Ein Freund hat sich nach zwei Jahren in einer Firma überlegt, dass es nun Zeit wäre. Der Job hat ihn nicht völlig ausgelastet, war manchmal ein bisschen langweilig und die eine oder andere Aufgabe war auch nicht so 100% nach seinem Geschmack. Kurz gesagt: Für ihn erschienen andere Jobs in der Branche viel grüner als sein eigener Job.

Nach dreimonatiger Bewerbungsphase stand endlich der neue Job an. Die erste Woche gab es leider für ihn noch keinen Computer, so dass er die sporadische Einweisung handschriftlich notieren musste. Nach sechs Wochen verriet ihm ein Kollege, dass die Stelle gestrichen werden würde und er sich besser intern auf eine neue Stelle bewerben sollte. Nach drei Monaten im Unternehmen hat er nun letztendlich einen Job, der ihn oft überfordert, ihm wenig bis gar keine Freizeit lässt und mit einem Chef, der ihn (wie sagt man so schön) „richtig stramm stehen lässt“. Für ihn war das, auf den ersten Blick so saftig wirkende, grüne Gras im Nachhinein also doch nur eine Fata Morgana des eigenen Wunschgedankens.

Der Teufel trägt Prada

Ähnlich erging es meiner Schwester, die nach einem guten Jahr Berufserfahrung in einer kleinen Agentur den nächsten Karriereschritt machen wollte. Im Grunde war sie zufrieden mit ihrem Job: nettes Chefpärchen, tolle Kollegen und ein sehr angenehmes Arbeitsumfeld. Doch andere Jobs und Positionen erschienen ihr wesentlich reizvoller als immer nur in der kleinen Agentur kleine Kunden betreuen zu dürfen. Sie war sich sicher, es gibt grünere Gärten in der Werbebranche. Schnell fand sie ihren Traumjob in einer großen Agentur mit bekannten Kunden und internationaler Ausrichtung. Der Wechsel wurde in Fachmagazinen angekündigt und von der Firma ebenfalls groß proklamiert. Meine Schwester fühlte sich toll – keine Frage.

Was ihr leider bei der Jobzusage noch nicht aufgefallen war: Ihre Chefin war ein richtiges Ekel. „Juli, du kannst es dir nicht vorstellen: Kennst du Miranda Priestly aus „Der Teufel trägt Prada“, Ja? Dann stell dir das noch zehnmal schlimmer vor!“ Und meine Schwester ist nun wirklich keine Mimose, aber nach einem halben Jahr Tyrannei, wöchentlichen Arbeitszeiten von 50 bis 60 Stunden, diversen durchgearbeiteten Nächten und kaum ein Wochenende zuhause, hat sie doch letztendlich das Handtuch geworfen.

Bleibt alles anders 

Das Ganze soll nicht heißen, dass man immer mit seinen vier Buchstaben auf dem Status Quo hocken soll – natürlich in einer Leistungsgesellschaft wie die unsere zählt nun mal Karriere und Erfolg. Und wie heißt es so schön: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Nur sollten wir uns eventuell einfach darüber im Klaren sein, dass Arbeit immer Arbeit bleiben wird und dass Gras eventuell mal aus einem anderen Blick betrachtet grüner erscheinen mag, aber es in Wirklichkeit dennoch überall gleich ist.

Da kann man lange darüber philosophieren, was alles im neuen, nächsten Job besser laufen könnte, auch in diesem wird es einen Chef geben, den ein oder anderen nicht geliebten Kollegen, Aufgaben, die nicht den eigenen Wünschen entsprechen oder andere Dinge, die es genauso oder anders auch im alten Job gab….

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