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Was will uns Herr Hansen mit seinem neusten Artikel sagen? Der Professor für Kulturwissenschaft an der Universität Passau schreibt, dass für das klassische Bild vom Gelehrten an modernen Unis kein Platz mehr ist. Müssen wir das schlecht finden?

Was Herr Hansen vorträgt, ist ein bekannter Tenor: Früher seien fast alle Professoren Gelehrte gewesen, heute seien sie Manager – oder sollen es werden. Die Exzellenzcluster und Bolognareformen hätten die Universitäten in Wettbewerbsanstalten verwandelt. Es ginge nicht mehr um den Überblick über ein Fach in seiner Gesamtheit, sondern um Wissenshäppchen, die leicht verdaulich von Dozenten vorgetragen und von Studierenden konsumiert werden – so steht es in seinem Artikel auf Spiegel Online. Darüber hinaus seien die Professoren mit Anträgen und Verwaltungsaufgaben (vor allem aufgrund der neuen Studiengänge) so überfordert, das kaum noch jemand die Zeit zum Forschen findet.

Zählt nur noch der Wettbewerb?

Herr Hansen spricht von nichts Geringerem als dem Aussterben einer Gattung: des Gelehrten. Überall fänden sich unzureichende Dissertationen (man denke nur an die jüngsten Skandale) und Sammelpublikationen, die einer gut erarbeiteten Monographie niemals das Wasser reichen können. Die Mitarbeiter haben gar keine Chance für den großen Wurf, denn sie stehen nur in einem befristeten Anstellungsverhältnis. Man soll schnell die Karriereleiter rauf – für wissenschaftliche Redlichkeit bleibt kaum Zeit. Infotainment statt Tiefe, Essays statt richtige Bücher und Evaluationen statt Austausch. Das sind die Vorwürfe, die Herr Hansen erhebt.

Doch sie treffen nicht alle zu. Was das Bild des einsamen Gelehrten angeht: Solche Figuren sind seit Jahrhunderten nicht mehr möglich. Die Zeiten, in denen ein begabter Mensch nach Art von Carl Friedrich Gauß oder Gottfried Wilhelm Leibniz noch eine ganze Enzyklopädie in sich vereinen konnte, sind vorbei. Die Disziplinen der Wissenschaft sind so komplex, dass sie kein einzelner Mensch mehr überblicken kann. Selbst berühmte Wissenschaftler, wie der britische Physiker Stephen Hawking, sind Spezialisten und keine Allrounder der Physik. Wer glaubt, solches Einzelkämpfertum hätte in der Wissenschaftsgesellschaft des 21. Jahrhunderts eine Zukunft, der irrt.

Was spricht gegen Teamarbeit – außer das Ego?

In den Geisteswissenschaften existiert das Credo, dass eine gute Arbeit nur von einem einzigen Geist, also Wissenschaftler, vollbracht werden kann. Aber dafür gibt es keine Belege. Es ist nicht nur einfach eine Kopie der naturwissenschaftlichen Methodik, wenn in den geisteswissenschaftlichen Fächern vermehrt Sammelpublikationen oder Aufsätze mehrerer Autoren schätzen gelernt werden. Die Zunahme in den letzten Jahren zeigt, dass auch dieses Konzept durchaus erfolgreich ist. Das stille Kämmerlein und der Elfenbeinturm sind nun einmal Klischees, die auf faktischen Grundlagen ruhen. Und je eher sich die sogenannten Orchideenfächer davon befreien, desto eher finden sie wieder den Anschluß an die anderen Fächer. Darum: Je weniger kautzige Dozenten die „Wissensanstalten“ bevölkern, desto besser, oder?

Herr Hansen hat jedoch in vielen Punkten auch Recht: besonders die Kritik an den Bachelorstudiengängen und der Exzellenzinitiative ist ernst zu nehmen. Aber leider wirkt die Lamentatio von Herrn Hansen zu pauschal, zu abgedroschen – und zu unglaubwürdig. An Interdisziplinarität und Internationalität ist nichts auszusetzen, solange die wissenschaftliche Tiefe angestrebt wird. Und diese Entwicklung ist eine, die der internationalen Wissensgemeinschaft (zu der wir auch alle Nicht-Akademiker zählen sollten) zu Gute kommen.

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