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Jetzt auch noch die Bildung. Kaum ein Thema, das Deutschlands Vorzeigephilosoph Nr.1, Richard David Precht, nicht in seine Welterklärung mitaufnehmen würde. Sein neues Buch „Anna, die Schule und der liebe Gott“ wird derweil von vielen Medien zerrissen. Warum wir uns es dennoch einmal anschauen sollten.

Was Precht erreichen will

Das Wichtigste vorweg: Wir haben das neue Buch von Precht (noch) nicht gelesen. Aber das macht nichts, denn folgt man den Kommentaren, die sich Precht als Reaktion auf seine Veröffentlichung anhören muss, so stehen wir anscheinend nicht alleine da. Man muss heute kein Buch mehr lesen, um es im Vorhinein abzustrafen. Doch wo liegt genau das Problem an Prechts neustem Werk? Dass die deutsche Bevölkerung sich in der Frage der Schulbildung ihrer Kinder so uneins ist, wie bei kaum einem anderen Thema? Oder dass sich ein Philosoph, also jemand, der die Welt offensichtlich ja nur aus Büchern kennt, erdreistet, über ein so wichtiges Thema ein Buch zu veröffentlichen?

Die großen Zeitungen, allen voran das Feuilleton der FAZ, die SZ und die Zeit, werfen Precht Widersprüchlichkeit und Unkenntnis vor. Precht stützt sich, laut eigener Aussage, auf die moderne Forschung im Bereich der Entwicklungspsychologie, der Lernforschung sowie der Hirnforschung. Diese Wissenschaften erklären uns, was es mit nachhaltigem Lernen auf sich hat. Sie sagen allerdings nichts darüber aus, ob dies in unserem heutigen Schulsystem unmöglich ist. Viele Menschen, vor allem Schüler und Eltern, haben aber das Gefühl, dass wir nicht nur „Reförmchen“, sondern Reformen brauchen – grundlegend und deutschlandweit. Und genau dort will Precht ansetzen. Sein Vorpreschen allerdings wird im Ansatz gestoppt.

Was Precht nicht tun darf

Der Fernsehauftritt bei Günther Jauch wird für die Süddeutsche zum „Sinnbild der Schulkrise“. Precht ist, ähnlich dem Klassenprimus, mit Elan und Faktenwissen präsent, wird aber seines Potenzials nicht gerecht. Frau Sarrazin, die Grundschullehrerin, kommt nicht umhin, die Schwächen des Systems darzustellen – bleibt letztlich aber den gewohnten Bahnen mit Noten und Sitzenbleiben verhaftet. Jauch hechtet durch die Themen und interessiert sich nicht für tiefergehende Analysen. Man merkt: Precht diskutiert mit Abgängern des Schulsystems, welches er bis auf die Grundfesten kritisieren möchte und wird daher in die Defensive gedrängt.

Das „neue Lernen“, welches Precht anpreist, gäbe es schon längst – sagen die Kritiker. Vereinzelt an ausgesuchten Projektschulen. Vieles, was Precht fordert, so andere, habe sich als experimenteller Firlefanz herausgestellt – vor allem in skandinavischen Ländern. Sitzenbleiben, so der Tenor vom CDU-Politiker Laschet, sei doch gar nicht mehr so schlimm. Precht verursachte mit seinen Vorschlägen vor allem die Verteidigung des „alten Systems“. Aber wieso? Es scheint, als wenn Precht jegliche Meinung zu diesem Thema von vornherein abgesprochen würde. Muss denn jede in seinem Buch aufgeführte Statistik lupenrein und jedes Faktum, dass aus einem Mund kommt, unumstößlich sein? Ist man, nur weil man nicht im Bildungsministerium oder zumindest in der Schulleitung sitzt, disqualifiziert, um Denkanstöße für das Bildungsland Deutschland zu liefern?

Die Debatte ist noch lange nicht beendet. Und sie wird immer wieder, durch weitere Meinungen und Veröffentlichungen, entfacht werden. Und das ist gut so. Wenn das ein Ziel von Precht war – dann hat er dies zumindest erreicht.

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