Students taking notes while their classmate is raising her handDas Thema Schule, Hochschule und Arbeiterkinder ist erst mit den Pisa-Studien wirklich ins gesellschaftliche Bewusstsein eingetreten. Wie Parallelgesellschaften haben sich noch in den Neunzigern in den Schulen und Hochschulen Schüler und Studenten von Akademikereltern und Arbeitereltern aufgeführt.

Man merkte den Unterschied und die Kluft nicht allein an der Kleidung sondern am ganzen Verhalten der Mitschüler und Mitstudenten. Während Akademikerkinder durch das erfolgreiche Karrierevorbild der Eltern auch heute noch oft unter Druck stehen, mangelt es Arbeiterelltern häufig noch immer an Verständnis für den Weg des Kindes. Und wie reagiert das Bildungssystem inDeutschland? Ist es seit Pisa durchlässiger geworden? Hauptsache Bildung wirft einen Blick auf die einzelnen Stationen, an denen es noch heute für Arbeiterkinder kritisch werden kann.

Die Grundschule

Die Grundschule ist klassisch für die Grundlagenausbildung dar. Die Lehrerinnen und Lehrer sehen hier bereits nach wenigen Jahren erhebliche Unterschiede in der Lernentwicklung. Unser dreigliedriges Schulsystem von Hauptschule, Realschule und Gymnasium ist im Wesentlichen darauf aufgebaut, diesen Unterschieden angemessen zu begegnen. Doch längere gemeinsame Lernzeiten sind als Schulmodell zuletzt in Hamburg gescheitert und erfreuen sich keiner großen Beliebtheit unter den Eltern.

Es ist insbesondere die vehemente Lobbyarbeit und der rhetorische Einsatz von Akademikereltern, die Sturm laufen, falls die weitere Empfehlung für ihr Kind nicht angemessen ausfällt. Grundschullehrer scheuen diese Konflikte häufig und fällen nicht selten Gefälligkeitsentscheidungen. Umgekehrt heißt das oftmals, dass Kinder aus Arbeiterschichten einfach mehr tun müssen, um gleichwertige Empfehlungen zu bekommen. Der Übergang vom 4. zum 5. Schuljahr ist daher bis heute wohl der kritischste Übergangspunkt für Arbeiterkinder.

Sekundarstufe I

Ganz gleich ob Realschule, Gesamtschule oder Gymnasium. Arbeiterkinder müssen auch hier mehr tun als Kinder von Akademikereltern, obgleich man für diese Phase des Schullebens konstatieren muss, dass die einmal prognostizierten Unterschiede und Rückstände mit Fleiß und Ehrgeiz schnell aufgeholt werden können. Es kommt nicht selten vor, dass Kinder aus Arbeiterschichten hier mehr Biss an den Tag legen als Kinder von Akademikereltern, möglicherweise auch, weil sie gelernt haben, ihre Eltern als Alibi zu sehen und zur Faulheit neigen.

Wer hier an der Realschule oder Gesamtschule die Oberschulreife mit einem guten Notenschnitt erreicht, hat gute Chancen, doch noch durch einen Wechsel auf ein Gymnasium das Abitur zu erreichen. Allein das G 8-Modell wirft seine Schatten voraus und zementiert Unterschiede, die sich später am Alter der Abiturienten festmachen könnten.

Sekundarstufe II

Trotz des guten Notendurchschnitts auf der vorherigen Schule bekommen spätestens am Gymnasium viele Schüler erstmals einen Eindruck davon, was es heißt, selbständig lernen zu müssen. Und dennoch kann man auch hier nicht feststellen, dass es vom Bildungssystem auf dem Weg zum Abitur gravierende Unterschiede im Umgang mit unterschiedlichen Schülerschichten gibt. Allerdings muss man für diese Phase einen anderen trennenden Punkt konstatieren, der vielen Schülern aus Arbeiterschichten selbst lange Zeit recht unbewusst bleibt.

Aufgrund der Fachtiefe in den Leistungskursen und dem komplizierten Punktemodell bleibt so manchen Schülern hier bereits das Verständnis der Eltern vorenthalten. Auch im Hinblick auf das kostspielige Studium und der unklaren Wegperspektive müssen sich hier Schüler aus Arbeiterschichten wesentlich stärker mit Zweifeln der Eltern aussetzen. Das kann aufreiben, die eigenen Zweifel bestärken, sodass mitunter der vorzeitige Abgang mit Fachhochschulreife die Folge ist.

 Universitäten und Fachhochschulen

Spätestens bei der Entscheidung für eine Fachrichtung und für eine Universität oder Fachhochschule beginnen wieder die ersten trennenden Momente zu wirken. Mangels fehlender Wegbegleitung der Eltern müssen junge Menschen aus Arbeiterschichten hier nicht selten wesentlich selbständiger agieren. Ihren Eltern fehlt an dieser Stelle oftmals nicht nur der Erfahrungshorizont für Ratschläge sondern auch ein eigenes Beziehungsnetzwerk, aus dem sich wesentlich Informationen zum Studium speisen könnten.

Eine Statistik zu der Herkunft  junger Studenten, die ihr Studium abbrechen, gibt es leider noch nicht, doch stünde mit einer solchen zu befürchten, dass die Studienabbrecher mehrteils aus den Schichten von Arbeiterfamilien kommen. Und auch hier wird es vermutlich noch Unterschiede zwischen den Universitäten und Fachhochschulen geben, weil letztere wesentlich praxisorientierter sind und den Eltern von Arbeiterkindern womöglich noch mehr Verständnis abringen können. Als Fazit kann man ziehen, dass das Bildungssystem an manchen Stellen immer noch nicht offener geworden ist, aber das Problem für Arbeiterkinder auch darin liegt, dass im familiären Umfeld zu wenig Dialog stattfindet.

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