lustiger_mannVor ein paar Wochen traf ich einen alten Freund von mir. Schon bei der Begrüßung fiel mir auf, dass er nicht gerade vor Lebenslust sprühte. Nach einem kurzen Smalltalk sprach ich ihn direkt darauf an, dass er auch schon glücklicher aus der Wäsche geschaut hätte. Die Antwort war: „Ach, ich hab wahrscheinlich einen Hirntumor“. Das kann selbstverständlich ein Grund dafür sein, ein bisschen deprimiert durchs Leben zu gehen, dachte ich mir. Ich hakte nach: „Was heißt eigentlich wahrscheinlich? Hast Du eine Schädel-CT oder MRT-Untersuchung machen lassen?“ Der Freund antwortete: „Nein, aber ich habe im Internet geschaut und die Symptome passen zu 100%!“

Dissatisfied Business LadyDie vordergründigen Symptome waren Kopfschmerzen und temporäre Sehstörungen. Da ich über medizinische Vorkenntnisse verfüge, konstatierte ich: „Diese Symptome hast Du bei circa 100 anderen Krankheitsbildern auch – warum also gerade ein Hirntumor?“ „Ich habe ein ganz mieses Gefühl bei der Sache und mich auch schon in Foren mit anderen Betroffenen ausgetauscht, bei denen fing es auch so an.“ Alarmiert verständigte ich meine Heilpraktikerin und bat sie darum, mit meinem Freund Kontakt aufzunehmen. Das tat sie – und aus dem Hirntumor wurde eine ordinäre Verspannung der Nackenmuskulatur. Ein CT ließ er aber trotzdem machen. Ergebnis: Ohne Befund.

Ich bin mir fast sicher, dass das kein Einzelfall war. Ich bin mir darüber hinaus sicher, dass man körperliche Symptome nicht ignorieren sollte. Aber absolut sicher bin ich mir, dass das Internet nicht der richtige Weg ist, um Diagnosen zu stellen. Im Zweifelsfall fragen Sie bitte Ihren Arzt oder Apotheker! Das Gleiche gilt anscheinend auch für Tiere. Unser Pferd hatte letzte Woche zum Beispiel EMS (Equine Metabolic Syndrome), eine sehr schwerwiegende Krankheit, die eine Bekannte von uns „ergoogled“ hatte. Meine Frau war fix und fertig, doch am Ende war es nur eine Druckstelle, die der Hufschmied versorgte.

Fazit

Wenn Sie mal einen Tag haben, an dem es Ihnen so richtig gut geht, dann suchen Sie doch einfach mal im Internet nach Symptomen wie Euphorie oder grundloser Zufriedenheit. Daraus lässt sich bestimmt eine tolle psychische Krankheit ableiten. Das Spannende dabei ist: Je mehr man sich als relativ gesunder Mensch auf solchen pseudomedizinischen, semiprofessionellen oder auch qualitativ hochwertigen Plattformen herumtreibt, desto mehr ist man auch in der Lage, Symptome zu spüren, die vorher gar nicht da waren. Auf einmal zwickt es hier und drückt es dort – und im Handumdrehen hat man sich eine Reihe schwerer Krankheiten eingebildet. Ein Paradies für Hypochonder!

 

Bildnachweis@istockphoto.com/demid

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