Azubi AuslandVor gar nicht allzu langer Zeit, da lebten zwei Schwestern im Freistaat Bayern. Das waren zwar keine Prinzessinnen, aber wie es sich für Märchen nun einmal gehört, war die eine recht fleißig und die andere etwas faul (zumindest in der Schule). Die fleißige Schwester hieß Lena und die faule hieß Luna. Beide besuchten die neunte Klasse einer bayerischen Realschule. Nun kam eine Zeit, da in der Schule große Aufregung herrschte, weil die Noten für das Halbjahreszeugnis vergeben wurden. Mit diesem Zeugnis, so sagte man, muss man sich für eine Ausbildungsstelle bewerben.

Lena büffelte Tag und Nacht und opferte für mehrere Wochen ihre Freizeit. Sie erreichte einen Notendurchschnitt von 2,1. Luna machte jedoch weiter wie gewohnt. Sie erledigte nur das, was unbedingt notwendig war, und brachte es auf einen Notendurchschnitt von 3,5 im Halbjahres-Zeugnis. Nun bewarben sich die beiden Schwestern für einen Ausbildungsplatz. Lena wollte eine Lehre zur Bankkauffrau machen, denn das schien ihr ein sicherer Arbeitsplatz zu sein. Lunas Traum war jedoch der Beruf Pferdewirtin.

Zuerst bewarb sich die fleißige Lena bei einer angesehenen deutschen Bank. Der Personalchef rief sie aber schon nach wenigen Tagen an und teilte ihr mit, dass er es bedaure, aber die Bank stelle nur Azubis ein, deren Notendurchschnitt mindestens 2,0 ist. Enttäuscht bewarb sich Lena bei anderen Banken, doch sie hörte überall das Gleiche. Nach der Schule zog sie sich völlig resigniert in ein Occupy-Camp zurück und wurde zur Vollzeit-Aktivistin gegen den Kapitalismus.

Mit wenig Hoffnung bewarb sich etwas später auch Luna, allerdings bei einem international erfolgreichen Reitstall. Als sie mit hängendem Kopf ihr Zeugnis vorlegte und sich für den schlechten Notendurchschnitt rechtfertigen wollte, brach der Geschäftsführer des Reitstalls in schallendes Gelächter aus. Er polterte: „ Erstens willst Du erst in eineinhalb Jahren bei mir arbeiten und da interessiert es mich nicht, was Dir jetzt gerade im Kopf herum schwebt. Wahrscheinlich sind es eher die Jungs als die Schule. Zweitens lege ich weitaus größeren Wert darauf, dass Du mit Pferden umgehen kannst und in unser Team passt. Du brauchst hier keine binomischen Formeln, sondern ein Gefühl für Mensch und Tier. Dass Du lesen, schreiben und rechnen kannst, hast Du schon allein damit bewiesen, dass Du zehn Jahre lang die Schule besucht hast.“

Luna fing nach der zehnten Klasse in genau diesem Reitstall ihre Ausbildung an und begann ihre erfolgreiche Karriere als Pferdewirtin. Heute betreibt sie selbst eine erfolgreiche Reitanlage. Da sich nach diesem Vorstellungsgespräch der Notendruck und die Angst vor schlechten Noten fast gänzlich in Luft aufgelöst hatten, konnte Luna ihren Notendurchschnitt im Abschlusszeugnis sogar auf 2,5 verbessern. Und da dies ein Märchen ist, verliebte sich der Sohn des Bankvorstandes (vor dessen Bank sich das Occupy-Camp befand) unsterblich in die fleißige Lena. Die beiden heirateten im Schloß Neuschwanstein und verwalten jetzt Hedgefonds bis an ihr Lebensende.

Und die Moral von der Geschicht´? Ein Schulzeugnis kann wichtig sein, muss aber nicht…

 

Bildnachweis@istockphoto.com/jpbcpa

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