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Eigentlich sind wir eine ganz typische Studenten-WG. Wir haben einen Putzplan, wir teilen uns das Geld für’s Klopapier, wir Essen gemeinsam, wir feiern zusammen Partys – und manchmal gehen wir auch mal zur Uni.

Wie das alles angefangen hat? Das wissen wir nicht mehr. Die ursprünglichen WG-Gründer sind vor Urzeiten schon ausgezogen. Aber wir möchten euch kurz unsere aktuellen WG-Mitglieder vorstellen. Sie sind alle wohlweißlich ausgesuchte Stereotype. Aber dennoch haben wir jeden einzelnen von ihnen gerne in unserer WG.

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Unser BWL-Student wollte nach der Schule nur eines: einen akademischen Titel. Und weil er sich nicht so wirklich für etwas interessierte – außer Autos, Klamotten und sein iPhone  – hat er sich für BWL eingeschrieben. Dabei hat er von Wirtschaften keine Ahnung, denn seinen VW hat er von Papa. Daher trifft man ihn auch nur in der Klausurphase an der Uni an, wo er sich in letzter Minute den Stoff aneignet, der schon seit 4 Monaten auf seinem Laptop schlummert. Er ist mindestens zwei- besser dreimal die Woche auf irgendwelchen Partys. In der WG ist er daher selten. Wenngleich sich wegen ihm bereits die leeren Haarspray-Dosen im Bad stapeln.

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Die Medizin Studentin ist zielstrebig, lerneifrig, ehrgeizig und leider ständig im Stress. Wenn sie nicht gerade Seminare hat, muss sie im Labor Frösche sezieren oder wieder zu einem dieser lästigen Bewerbungsgespräche bei irgendeiner Pharmafirma. Sie studiert auch nur deshalb Medizin, weil ihr Vater selbst Arzt ist – mit eigener Praxis natürlich. Und weil ihre Eltern gesagt haben: „Entweder Medizin oder Jura!“. In der WG haben wir uns mal den Spaß erlaubt, ihr einige Seiten aus dem Telefonbuch hinzulegen mit dem Vermerk  „Wichtig für das Hammerexamen!“ – nach drei Tagen konnte sie alles auswendig! Eigentlich wollte sie lieber in eine Altbauwohnung in Daglfing ziehen, aber letztlich waren ihr die 2 Kilometer zur Uni dann doch zu weit. Daher wohnt sie nun bei uns.

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Die Germanistik-Studentin – jetzt habe ich ihren Namen schon wieder vergessen – hat das wohl ordentlichste Zimmer, da sie in der Prüfungszeit ständig putzt. Die Wand ist voller Regale, die wiederum voller alter Bücher vom letzten Semester sind. Darunter so spannende Titel wie „Die Sprachentwicklung des Mitteldeutschen unter besonderer Berücksichtigung der moselfränkischen Mundart“. Direkt daneben findet sich der „Tod Adams“ von Klopstock. Beide Werke hat sie natürlich niemals auch nur aufgeschlagen. Nebenbei putzt die Germanistik-Studentin bei Herr M. in der Privatwohnung, da sie sich das Studium sonst nicht leisten könnte. Jeden Donnerstagabend hat sie eine Referatsbesprechung mit fünf anderen Mädels, die sich dann zum Abschluss immer eine Folge GNTM anschauen.

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Unser Jura-Student schwärmt von einer Karriere als Anwalt, Richter, Staatsanwalt oder gar Juraprofessor. Oder zumindest auf einen Posten in der Kanzlei seines Vaters – Einstiegsgehalt 50.000 Euro. Trotz seiner fehlenden Lebenserfahrung meint er es ernst – sehr ernst – dass er die Elite von morgen ist. Er allein hat auch die WG-Ordnung verfasst – auf nur 13 Seiten mit 125 Paragraphen. Und er allein ist für die WG-Haushaltskasse zuständig. Am Wochenende ist er nie da, denn da muss er zusammen mit seinem Vater, einem sehr erfolgreichen Scheidungsanwalt, sein Handicap verbessern. Dafür ist er unter der Woche über 100-Stunden an der Uni – das GG auswendig lernen. Wenn er denn mal in der WG ist, unterhält er sich prima mit dem BWL-Studenten über Weltverbesserungsmaßnahmen. Na, wenn das mal gut geht.

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Unser Informatik-Student, auch liebevoll „Hey Nerd, komm mal her!“ genannt, hatte vor zwei Monaten noch lange Haare (jetzt hat er „sich selbst gefunden“) und besitzt immer noch die Schuhe, die er vor sieben Jahren einmal mit seiner Mutti gekauft hat. Er lebt meistens zurückgezogen in seiner dunklen Höhle voller Tolkien-Poster und kommt oft erst um kurz nach 11 mit dicken Augenringen zum Vorschein. Dank ihm ist das Eisfach voller Pizza und der Kühlschrank voll 1,5l-Cola. Er spricht wenig, und noch weniger mit Frauen. Seltsamerweise scheint er durch das Studium nur so durchzufliegen, obwohl wir ihn nicht einmal an der Uni gesehen haben. Wir warten jedenfalls darauf, dass eines Tages die Polizei an der WG-Tür klopft und ihn mitnimmt.

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Sie weiß auch nicht genau, warum sie Pädagogik studiert. Denn eigentlich gehen ihr Kinder auf den Sack. Sie wirkt ja selbst noch wie ein Kind, wenn man sie in legginstragend und kaugummikauend vor einem sieht. Alle paar Wochen macht sie einen auf Hipster, dann wirft sie sich einen Poncho über und sitzt strickend im Hörsaal und lauscht Vorträgen von der Art „Konsum oder Bildung?“. Wenn man sie einmal im Flur anspricht, dann wird man mit all der Schlechtigkeit der Welt bombardiert: „Weißt du wie viele Kinder für deinen Pulli arbeiten mussten?“, „Wer sein Leben lang aus Plastikflaschen trinkt, stirbt irgendwann an den Weichmachern!“, „Nein! Pädagogik ist kein Laberfach. Da geht es um wissenschaftliches Argumentieren.“ Zum Studieren findet sie kaum Zeit, denn sie ist Aktivmitglied bei Attac, der Linken, dem Bund Naturschutz und Amnesty. Nach ihrem Praktikum im Kindergarten hatte sie jedenfalls erst einmal einen Praxisschock und überlegt gerade, ob sie das Studienfach wechselt.

 

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