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Das Schreiben nach Gehör ist in den Grundschulen mittlerweile eine populäre Methode im Deutschunterricht geworden. Lehrer der Sekundarstufen I und II werden sich zukünftig daran gewöhnen müssen, von Schülern „Tieger“ oder „Kinda“ zu lesen. Zugleich schlagen immer mehr Universitäten Alarm, dass Rechtschreibkurse eingeführt werden müssen. Hinterlässt die Lernmethode des Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen einen irreparablen Schaden?

Was die Rechtschreibung für Kinder mit Migrationshintergrund oder aus bildungsfernen Schichten bedeutet

Neulich ergab sich folgende Situation in einem Berliner Stadtbus. Zwei Jugendliche sitzen nebeneinander, mailen sich kleine Texte über ihr Handy zu, obgleich sie miteinander bequem sprechen könnten. Schreibt der eine – Du komischa Fogel! – , antwortet sein Nachbar – Vogel wird mit V geschriben! ­–, antwortet wieder der andere – Du Rechtschreibnarzi! – und beide lachen schließlich laut auf. Ja, darüber könnte man vielleicht lachen, wenn diese Textmails der sprachlich kreative Ausflug von Menschen wäre, die ansonsten die Rechtschreibung beherrschen. Man darf das ungeprüft bezweifeln.

Dass die korrekte Rechtschreibung als verzichtbar gilt, hat sehr viel mit der Lernmethodik zu tun, die den Kindern in den Grundschulen über Lauttafeln die Rechtschreibung beibringen will. Die Kinder sollen die Beziehung zwischen den Buchstaben und Lauten selbst ergründen. Die Lehrer dürfen nach der Methode die falsche Rechtschreibung nicht korrigieren. Es ist gut möglich, dass teure Sprachtherapieschulen und Lehrinstitute wie LOS eifrige Verfechter dieser Methodik sind, treibt diese doch Heerscharen in ihre Bildungsinstitute.

Ob darunter nur Legastheniker und nicht auch Opfer der Lehrmethode sind, darf bezweifelt werden. Für Kinder mit Migrationshintergrund oder aus bildungsfernen Schichten ist diese Methode ein weiterer Rückschritt, der möglicherweise dauerhaft nicht mehr aufzuholen ist. Und es heißt nicht umsonst: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.

Wenn jeder schreibt wie er hört, liest bald niemand mehr

Konsequenterweise könnte man mit dieser Methode den Interpretationsspielraum für das Lesen erweitern und aus Übungen zum Leseverstehen Kreativübungen machen. Wenn jeder schreibt wie er hört, kommt das Leseverständnis zwangsläufig unter die Räder. Daher ist es dringend geboten, diese Lehrmethode zu verbieten, denn mit zunehmender Beunruhigung registriert man, dass mittlerweile auch Lehrer in ihren Schreibkompetenzen nachlassen, weil sie nach Jahren selbst beginnen, darüber nachzudenken, ob Tiga mit a oder mit er am Ende geschrieben wird.

Was Grundschullehrer mit dieser Methode umsetzen, ist vielleicht auch der zunehmenden Belastung geschuldet, den heute lebendigeren Kindern im Unterricht den geringsten Widerstand leisten zu müssen. Warum Eltern heute schnell gegen alles protestieren, hier aber nicht Sturm laufen, erschließt sich einem nur schwer. Möglicherweise wirkt das Wort Reform auf sie, aber nicht alles, was Reform heißt, ist gut.
Erst Jahre später nach teurer Nachhilfe und LOS wird Eltern erst bewusst, dass ihren Kindern schon früh das Grundrecht auf die richtige Rechtschreibung versagt wurde. Nicht selten aber ist die Erkenntnis zu spät.

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